Wiedergefundene "Metropolis"-Kopie: "Sehr viele Schrammen"

Jahrzehntelang schien die Originalfassung von Fritz Langs Filmklassiker "Metropolis" verloren. Nun ist eine Kopie aufgetaucht. Rekonstrukteur Enno Patalas berichtet im Interview über kleine Überraschungen.

"Reduziert auf einen Konflikt zwischen Gut und Böse" Bild: REUTERS

taz: Herr Patalas, wie haben Sie davon erfahren, dass nach Jahrzehnten vergeblicher Suche nun doch noch eine Kopie der Originalfassung von "Metropolis" aus dem Jahr 1927 aufgetaucht ist?

Enno Patalas: Martin Koerber, der 2001 eine Rekonstruktion des Films präsentiert hat, rief mich an. Es war jenseits meines Vorstellungsvermögens, dass wir die fehlenden Szenen noch irgendwo finden würden. Koerber sagte, dass die 16-Millimeter-Kopie aus Buenos Aires in einem schlechten Zustand sei, dass es sich aber wohl um die Originalfassung handle, was sich inzwischen bestätigt hat.

Sie hatten sich ja noch bis vor kurzem mit einer kritischen Ausgabe beschäftigt. Dabei wurde die vollständige Originalfassung von "Metropolis" rekonstruiert - es fehlten nur die Bilder.

Wir - Anna Bohn, Martin Koerber und ich - hatten an der UdK Berlin ein Projekt zur "DVD als Medium kritischer Filmeditionen". In diesem Zusammenhang haben wir alles, was zu "Metropolis" erreichbar war, zusammengetragen. Man könnte nun Stück für Stück die dort dokumentierten Lücken durch das aufgetauchte Material ersetzen oder ergänzen.

Woher weiß man so gut Bescheid über die verschollene Fassung von "Metropolis", der 1927 nach der Premiere stark gekürzt wurde?

Wir haben viele sekundäre Quellen. Die Musik ist komplett überliefert. Aus der Partitur lassen sich Stichworte zum Inhalt entnehmen. Dazu kann man das Drehbuch konsultieren, das zwar nicht im Vollsinn ein Regiedrehbuch ist, aber doch von Fritz Lang stammt - man hat dadurch den Film Einstellung für Einstellung gekannt. Und jetzt hat man die Bestätigung: So ist es gewesen.

Gab es trotzdem noch Überraschungen beim Sehen der fehlenden Szenen?

Das Wiedererkennen ist bei den einzelnen Sequenzen unterschiedlich. Die Taxifahrt des Arbeiters, der vom Weg abkommt, brachte einen Rest von Überraschung - die Flugblätter, die von oben regnen, die Versuchung, die den Arbeiter überkommt. Während bei den Besuchen in Josaphats Wohnung von Freder und dann von dem Schmalen wirklich Einstellung für Einstellung erkennbar ist, was wir wussten - davon hatten wir auch viele Standfotos. Die Kletterei von den Kindern im Schacht hat nun eine handfestere Dramatik, es ist aber auch so, wie man das aus dem Drehbuch kannte.

Eine Szene mit Hel hinter dem Vorhang wird als bedeutende Neuigkeit genannt.

Das ist so, wie wir es aus dem Drehbuch und von den Standfotos kannten. Den geschlossenen Vorhang vor der Statue der Hel, den kannten wir so nicht, aber die Öffnung des Vorhangs durch Rotwang. Dahinter kommt Hel zum Vorschein. Vom Inhalt her ist es keine Überraschung.

Versteht man nun das Prinzip der Kürzungen, die nach der Premiere 1927 vorgenommen wurden, besser?

Da gibt es ja auch die Erklärungen des amerikanischen Bearbeiters. Es ist ein Widerspruch zu allen Konventionen, dass eine motivierende Figur, eben diese Hel, nur als Denkmal erscheint. In der Originalfassung ist der Konflikt zwischen Rotwang und Freder ja dadurch begründet, dass beide dieselbe Frau geliebt haben. Der eine hat ihr ein Denkmal gesetzt, sodass sich der Konflikt um eine Frau aus Stein dreht. Die Amerikaner haben sich über diesen Namen belustigt: Hel, hell, "the hell of a woman". Das würde ein amerikanisches Publikum nicht mitmachen. Sie haben das dann reduziert auf einen Konflikt zwischen Gut und Böse. Der Böse ist so eine Art Frankenstein. In der bearbeiteten Fassung fehlt dann ja auch eine Erklärung dafür, dass der Prototyp des künstlichen Menschen weibliche Geschlechtsmerkmale hat. Es geht nur noch um Roboter als Ersatz für menschliche Arbeitskraft. Rotwang ist nur das Prinzip des Bösen, es geht nicht mehr um zwei rivalisierende Liebende.

Welche Formen des Umgangs mit dem Material sind nun denkbar?

Ein Aufblasen der 16mm-Kopie führt sicher nicht zurück zur Originalfassung. Sehr viele Schrammen sind schon mitkopiert, sie sind aus der ursprünglichen 35mm-Nitrokopie in die 16mm-Kopie übernommen worden. Man wird bei einer künftigen vollständigen Fassung von "Metropolis" bei jeder Einstellung sehen, woher das Material stammt.

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