Kolumne Das Schlagloch: Traumanstalt für Schlafgestörte

Kunst ist die neue Religion. Deshalb finden Sommerakademien so gerne in Klöstern statt.

Als alles fast vorbei war, tief in der letzten Nacht, richtete sich der Wortkünstler unter dem Kellergewölbe auf und begann das "r" zu rollen, bis es einen unerhörten Irrrrrrrrsinn trieb. Der Lautmaler plusterte sich auf, er fiel in sich zusammen, er zermalmte die einschüchternden Bauernhöfe der Umgebung, er zuckte zusammen ob der Schatten euthanasierter Kinder, er hustete sich all die Worte von der Kehle, die in langen schlaflosen Nächten zu Gebell und Gewinsel geronnen waren. Für den Künstler waren die vergangenen sieben Tage unentrinnbar intensiv gewesen, selbst seine Jeansjacke war durchschwitzt. Als er an ein vorübergehendes Ende gelangte, zersprangen einige Ketten am steinernen Boden und lösten sich auf in Wein. Der Abschied fiel entsprechend schwer - für ihn und für alle, die ihm zuhörten.

Letzte Woche war ich einer von diesen Eingestimmten - für eine Woche lang "Meister" eines Kurses, in dem Schreibwillige jene Geschichten zu verdichten suchen, die sie umtreiben. Er war Teil einer von den unzähligen Kunstakademien, die jeden Sommer vielerorts - in Universitäten, Tagungsstätten und ehemaligen Klöstern - im deutschsprachigen Raum abgehalten werden. Das sind Orte der Begegnung und Besinnung, aber auch Brutstätten von Fragen über den Sinn des künstlerischen Begehrens und Ausdrucks. In meinem Kurs gab es Menschen fast aller Altersklassen und aus unterschiedlichen sozialen Milieus. Ihre Geschichten waren meist autobiografisch und ihr Schreibimpuls eher reflexhaft. Gemeinsam versuchten wir zu objektivieren, was wann wieso gelingt oder misslingt; wir versuchten uns in Richtung eines imaginierten Lesers zu bewegen. Vor allem reproduzierten wir eine Werkstattsituation, die es dereinst gelegentlich gegeben haben mag und die in manchen Ländern vielleicht immer noch Teil einer gelebten Tradition ist, die aber bei uns fast völlig verschwunden ist: das symbiotische Verhältnis zwischen einem Meister und seinen Jüngern (schlecht lässt es sich von "Jüngerinnen" sprechen).

Das Faszinierende an solchen Sommerakademien ist, dass sie die Beteiligten in intime und oft sehr verletzliche Welten entführen, wo Kunst jenseits jeglicher Professionalisierung erstrebt wird und Sehnsüchte in einem reinen, erst einmal zweckfreien und oft ziellosen Zustand sichtbar werden. Insofern haben die Jünger den Meistern auch manches zu offerieren - etwa ihre naive Unschuld hinsichtlich des eigenen Bestrebens.

Das verträgt sich nicht immer gut mit der Tatsache, dass die Kurse unter anderem bezwecken, den Jüngern den Weg zum Markt zu ebnen. Denn die Verdichtung der Sprache und die Konzentration der Geschichte findet - mangels anderer Alternativen - eine ultimative Bestätigung in bekannten Erfolgsmustern: Vertrag mit einem Verlag, Veröffentlichung, öffentliche Wahrnehmung. Das ungeklärte Verhältnis zwischen abgeklärter Professionalität und impulsivem Selbstgespräch trägt zu den Irritationen, aber auch den Verlockungen eines solchen Konzepts bei. Trotzdem ist es beglückend und betörend zu erfahren, wie überlebensnotwendig der Drang ist, eigene Geschichten zu spinnen und aufzuschreiben, innerhalb eines anders gepolten Alltags und trotz aller möglichen Widerstände (von denen viele im Verborgenen bleiben und nur zu erahnen sind, etwa wenn man am Schlusstag die Leidensminen der Partner sieht, die offensichtlich mit solch eigenwilligen Leidenschaften nicht immer etwas anzufangen wissen).

Dass Sommerakademien bevorzugt in Klöstern stattfinden, ist kein Zufall. Nirgendwo sonst könnte deutlich werden, wie die Kunst, spätestens seit dem 20. Jahrhundert ein Religionsersatz, eigene Rituale und Regeln entwickelt hat, welche eigenen Formen von Lebenshilfe, Trost und Erhöhung sie zu bieten vermag.

Sichtbar wird es gleich nach dem Aufstehen, der jeder Morgen beginnt mit einer "stillen Andacht" in der Klosterkirche, bei der jeweils die Meister und Jünger aus einer der unterschiedlichen Kunstsparten ein fünfzehnminütiges Programm entwerfen, das einen meditativen Sog entfalten soll. An die Stelle des Gebets treten allmorgendlich Gedichte, Zeichnungen und Lieder. Man schließt die Augen … auf einmal tragen Engel bekleckste Malerschürzen und streichen den Himmel in irdischen Farbtönen; dann öffnet man wieder die Augen und sieht, wie sich ein Taktstock an Stelle des Kreuzes schiebt. Man hört die Orgel ebenso wie die Tuschestriche. Und an die Stelle von weisen und warnenden Worten aus dem Munde des Abtes treten mittags kurze Ansprachen der Programmverantwortlichen, die sich nie im Organisatorischen erschöpfen, sondern stets auch einen Aufruf zum richtigen Aufnehmen und Wahrnehmen beinhalten. Als müsse man den Versammelten ins künstlerische Gewissen reden, auch wenn sie freiwillig angereist sind, gegen Entrichtung eines beachtlichen Entgelts, und an Hingabe nichts zu wünschen übrig lassen. Fleißig soll der Eindruck gefestigt werden, sie müssten an die Hand genommen werden, weil ansonsten ein blindes Wandeln im Unbestimmten droht.

Anleitung ist das oberste Prinzip der Sommerakademien. Folgerichtig haben mir die Teilnehmer des von mir geleiteten Kurses zum Abschied acht goldene, aus unseren gemeinsamen Gesprächen und Diskussionen an vorhergegangenen Tagen herauskristallisierte Schreib- und Lehrregeln geschenkt, die sich in Sprache und Form eng an die strengen Regeln des heiligen Benedikt anlehnen, die in jedem der Zimmer neben dem Bett liegen. Von Tag zu Tag verwandelt sich der Kunstjünger zunehmend in einen Mönch.

Am letzten Tag werden die Ergebnisse der sechstägigen intensiven Arbeit in den Kursen aufgeführt. Wenn dicht hintereinander Vernissagen, Tanzperformances, Chorauftritte, Lesungen und Konzerte nach Öffentlichkeit streben, wird offenkundig, wie sie jeweils nach einer eigenen sakralen Form streben. Es gibt Predigten, es gibt Lobpreisungen, es gibt Segnungen. Wer aufzutreten vermag, kann Sinn stiften. Das wird zumindest impliziert und keiner wird dies in Frage stellen. Ob das Intime schon bereit ist, sich als Kunst zu deklarieren, wird dabei nicht gefragt. So kommt es zu einem doppelten Ersatz.

Und doch lässt es sich nicht vermeiden, dass auch bei Sommerakademien gelegentlich wahre Kunst herausbricht, schmerzvolle und wehtuende, provokante und uneinsichtige Kunst - wie bei dem spontanen Auftritt des Wortkünstlers in den frühen Morgenstunden der letzten Nacht. Ein Aufschrei gegen die in jeder wohlmeinenden Ansprache nistende Behauptung, es lasse sich alles therapieren mit Farbe, Ton und Wort. Mit anderen Worten: Wo Künstler auf Klöster treffen, werden betäubte Wände gezwungen, wieder zuzuhören. Insofern ist die Sommerakademie unglücklich benannt - eher handelt es sich um eine Traumanstalt für Schlafgestörte.

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