Debatte Religiöser Öko-Aktivismus: Gott und die Umwelt

Evangelikale Christen in den USA haben inzwischen die Ökologie für sich entdeckt. Wer den Klimawandel wirksam bekämpfen will, wird sie als Bundesgenossen brauchen.

Als die Grünen, anfangs ein wackeliges Bündnis aus Wertkonservativen und Linksradikalen, von der sozialen Bewegung zur politischen Partei mutierten, gaben sie den Slogan aus: Nicht rechts, nicht links, sondern vorn! "Wir waren konservativ beim Umweltschutz, liberal bei den Bürgerrechten und sozial in der Frage der gesellschaftlichen Teilhabe", erinnerte eine Vorkämpferin der Grünen vor kurzem an diese Zeit.

Man darf in der Tat infrage stellen, ob Umweltschutz ordentlich auf der Links-rechts-Skala einzuordnen ist, und behaupten, dass "vorn" war, wer die überkommenen Spaltungs- und Konfliktlinien der alten Industriegesellschaft zu überwinden trachtete. Als die Grünen jüngst eher zufällig koalitionsfähig nach allen Seiten wurden, beeilten sich ihre Sprecher sogleich festzustellen, sie blieben natürlich links angesiedelt. Doch wenn sie angesichts des Klimawandels auf ihr Kerngeschäft zurückkämen, die Ökologie nämlich, müsste ihnen diese Einordnung nicht so wichtig sein.

Ein ähnlicher Prozess spielt sich unter gänzlich anderen Vorzeichen in den USA ab. Die Evangelikalen, eine weltweite Strömung des bibeltreuen Protestantismus, stellen mit über zwanzig Prozent der amerikanischen Gläubigen die größte homogene Gruppe der US-Wählerschaft, an der kein Kongressabgeordneter, Senatsbewerber und Präsidentschaftskandidat vorbeikommt. Seit Barack Obama als demokratischer Bewerber feststeht, verbringt er einen nicht unerheblichen Teil seines Wahlkampfes damit, evangelikale Wähler zu umwerben, wie zuvor schon Hillary Clinton. Beide wissen natürlich, dass diese Gruppe Wahlen nicht nur beeinflusst, sondern auch entscheiden kann - so wie zuletzt 2004, als ein noch nie da gewesener Prozentsatz von Evangelikalen George W. Bush die Stimme gab.

Die Evangelikalen waren eine enge Verbindung mit der politischen Rechten eingegangen und traten als mächtige Sperrminorität in der Republikanischen Partei auf, ohne mit ihr wirklich jemals zufrieden zu sein. Von Reagan bis Bush jr. "lieferten" die Herren im White House nicht, was die fromme Basis und ihre agilen Lobbys wünschten - allem voran die Abschaffung der liberalen Abtreibungsregelung. Aus dieser Gefangenschaft treten sie gerade heraus, und es ist nicht zuletzt der Bezug auf die von Präsident Bush sträflich und zynisch vernachlässigten Umwelt- und Klimaprobleme, der diese Loslösung erleichtert. Zu den schärfsten Kritikern der Washingtoner Umweltpolitik gehören auch evangelikale Gruppen und Persönlichkeiten, und sie könnten, da sie nicht automatisch John McCain zustimmen werden, wiederum eine Wahl entscheiden.

Zu verstehen ist das nur, wenn man sich die egalitäre und sozialkritische Tradition des amerikanischen Evangelikalismus vergegenwärtigt. Dieser basiert auf einer inneren Hinwendung zu Gott, stützt sich also anders als der heutige Durchschnittsprotestantismus nicht auf eine kirchliche Hierarchie und Dogmatik. Er harmoniert perfekt mit dem amerikanischen Individualismus. Zu ihm gehört, dass nicht nur (wie im Calvinismus) Auserwählte das Heil erringen können, sondern durch einen tadellosen Lebenswandel alle - ein Kernelement demokratischer Gleichheit. Die Wiedergeburt durch die persönliche Begegnung mit Jesus ist eherner Bestandteil dieser Überzeugung, ebenso Bibeltreue und missionarischer Eifer.

Rechtslastig geworden ist diese Strömung in den USA erst im Kontext des Kalten Krieges und vor allem in der aufgeheizten Atmosphäre der "Kulturkriege" der 1960er- und 70er-Jahre, als die religiöse Rechte sich auch mit dem Turbokapitalismus arrangierte. Und erst in den 1990er-Jahren gelang es einflussreichen Lobbyisten und Fernsehpredigern, große Teile der Evangelikalen für die Rechte zu kapern und sie vor den Karren der Extremisten in der Republikanischen Partei zu spannen, die 2000 das Weiße Haus eroberten. Lockmittel war der gemeinsame Kampf gegen Abtreibung und Homosexuellenehe, Schmiermittel eine ultraliberale Steuerpolitik, die das zunehmend wohlhabende evangelikale Lager beeindruckte.

Heute geben im Dachverband der National Association of Evangelicals andere den Ton an, darunter ein Pastor aus Orlando in Florida namens Joel C. Hunter. Das Magazin New Yorker, nicht wirklich ein Freund der Religiösen, stellte ihn kürzlich als Prototyp des New Evangelical vor, und neuevangelikal an ihm ist, dass er das Weiße Haus für so gut wie alles kritisiert: von der menschenverachtenden Immigrationspolitik über gröbste Menschen- und Bürgerrechtsverletzungen im "Kampf gegen den Terror" bis zur einseitigen Steuerpolitik für die Superreichen.

Wenn Hunter und andere als christliche Lobbyisten beim Kongress für Gesetze zur Eindämmung der Erderwärmung werben, beanspruchen sie eine wirklich umfassende und widerspruchsfreie Agenda "für das Leben" (pro life). Das verlangt nicht allein den Schutz des ungeborenen Lebens, sondern fordert die Bewahrung der Schöpfung, wo immer Lebewesen und Natur beeinträchtigt werden, auch weil sie beispielsweise dem zerstörerischen Treiben von US-Konzernen zum Opfer fallen.

Die Bändigung des Klimawandels und die Beseitigung seiner Ursachen, vor allem des verschwenderischen Materialismus der US-Gesellschaft, rückt auf der christlichen Reformagenda nach ganz oben. Nun zeigt sich wieder der alte Pluralismus des evangelikalen Lagers, das immer weniger einen geschlossenen Block bildet: Überall, im Bibel- wie im Sonnengürtel, in den Minigemeinden wie in den Megakirchen und selbst im konservativen Flagschiff der Evangelikalen, der Southern Baptist Convention, wird diese grüne Botschaft nun laut.

Ein-Punkt-Bewegungen wie das Evangelical Environmental Network, welches die ganze Palette amerikanischer Graswurzeldynamik an den Start bringt, oder die Evangelical Climate Initiative, die politische Unternehmer sammelt und erhebliche Ressourcen mobilisieren kann, verstärken den Effekt und vermitteln den erweiterten Lebensschutzgedanken in das politische System und die elektronischen Medien hinein.

Wie man Klimawandel bekämpft? "Mit der gleichen Liebe zu Gott und den Menschen, welche uns antreibt, die Erlösung durch Jesus Christus zu predigen, das ungeborene Leben zu schützen, die Familie und die Heiligkeit der Ehe zu erhalten und einer verletzten Welt die ganze Frohe Botschaft zu bringen, verpflichten wir uns als evangelikale Christen mit Gleichgesinnten zu beten, dass die globale Erwärmung gestoppt wird." Im Dreischritt "Learn - Pray - Act" möchten sie vom Lernen über das Beten zum effektiven Handeln gelangen. Dagegen ist die angebliche ökologische Wende bei der deutschen CDU ein laues Lüftchen.

Wer weltweit nach Bündnispartnern für die Klimawende sucht, wird sich auf strange bedfellows, auf seltsame Bundesgenossen, wie diese einstellen müssen.

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