Kolumne Lidokino: Masken in der Postproduktion

Der Filmemacher Avi Mograbi dokumentiert in "Z 32" die Erinnerungen israelischer Soldaten.

Welche Formen kann politisches Kino heute haben? Avi Mograbi, Filmemacher aus Tel Aviv, liefert mit seinem Beitrag zur "Orizzonti"-Reihe eine beeindruckende Antwort auf diese Frage.

"Z 32" heißt seine Dokumentation. Im Mittelpunkt steht ein ehemaliger Elitesoldat, der vor zwei Jahren an einer Racheaktion im Westjordanland teilnahm. Nachdem sechs israelische Soldaten erschossen worden waren, zog sein Kommando los, um sechs Palästinenser zu töten. Sie griffen einen Polizeiposten an und erschossen zwei Männer. Der junge Mann erinnert sich, dass er, während er schoss, weder Zweifel noch Reue empfand, sondern Rausch und Freude. Heute engagiert er sich wie Mograbi selbst auch bei der Organisation Shovrim Shtika. Shovrim Shtika bedeutet "das Schweigen brechen" und sammelt die Erinnerungen und Zeugenaussagen von ehemaligen israelischen Soldaten, Z 32 ist die Archivnummer, unter der die Erinnerungen von Mograbis Protagonisten abgelegt sind. Der junge Mann besteht darauf, anonym zu bleiben und sein Gesicht nicht zu zeigen, denn er fürchtet die Rache der Angehörigen der ermordeten Palästinenser. Das stellt Mograbi vor ein großes Problem: Wie macht er einen Film über einen Mann, dem man nicht in die Augen schauen kann, wenn er davon spricht, dass er auf einen Menschen feuerte? Und deckt der Filmemacher, indem er seiner Hauptfigur Anonymität gewährt, nicht jemanden, der vor Gericht gehörte? Nun wäre Mograbi nicht Mograbi, wenn er solche Überlegungen vor Drehbeginn zum Abschluss gebracht hätte und sie im Film selbst unterdrückte. "Z 32" reflektiert von den ersten Szenen an die Dilemmata, die sich aus der Suche nach angemessenen Darstellungsformen ergeben.

In der zweiten Sequenz sieht man Mograbi, der, unter einer schwarzen Strumpfmaske versteckt, im eigenen Wohnzimmer sitzt und laut darüber nachdenkt, dass es so keinen Sinn hat - und dass er außerdem keine Luft bekommt. Er schneidet Löcher in den Strumpf, aber auch das macht es nicht besser. In der ersten Sequenz ist der Protagonist gemeinsam mit seiner Freundin zu sehen, die Gesichter sind weggepixelt. Ein wenig ist das, als schaute man Gespenstern beim Reden zu.

Doch Mograbi hat Glück: Eine Crew von Spezialisten für digitale Effekte kreiert eine Maske. Augen und Mund werden freigelassen, der Rest des Gesichts wird von einer hautfarbenen Schale abgedeckt. Diese Maske wird erst in der Postproduktion ins Bild eingefügt. Zunächst mag man noch denken, die Figuren trügen sie, während sie gefilmt werden. Doch sobald eine Hand mit einer Zigarette zum Mund geht, verschwindet sie unter der Maske, und man merkt, dass die Folie über dem Gesicht nachträglich ins Bild hineinretuschiert wurde. Die Künstlichkeit der Situation ist damit stets gegenwärtig, zugleich geht Mograbis Wunsch, den Ausdruck von Augen und Mund einzufangen, in Erfüllung. Das zweite Dilemma freilich - will man jemandem, der ein Verbrechen begangen hat, mit einer Maske schützen? - ist moralischer Natur. Mograbi löst es nicht, aber er hält es präsent, indem er, umgeben von einem Kammerorchester, seine Zweifel singend zum Ausdruck bringt. "Z 32" zeugt davon, wie militärische Logik unmenschliches Handeln hervorbringt und welche Konsequenzen das hat. Und ist zugleich eine beeindruckende Reflexion über die Möglichkeiten - und die Begrenztheiten - von Kunst und Repräsentation. Nach der Filmpremiere treffe ich Mograbi auf der Terrasse des Westin-Excelsior-Hotels zum Interview. Er wirkt müde, ein Bekannter bringt ihm Medikamente gegen Halsweh. Auf meine letzte Frage - sieht er einen Ausweg für den ehemaligen Soldaten? - antwortet er, ohne einen Augenblick zu zögern: nein.

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