Behinderte in China: Ausländer im eigenen Land

Die Paralympischen Spiele gehen zu Ende, aber was bleibt den Behinderten in China? Ändert sich ihre Situation nachhaltig? Die Macher eines Pekinger Blindenradios sind skeptisch.

Behinderte in Thashang. Bild: dpa

Nichts verrät im schlichten Flur des sechsten Stocks eines gewöhnlichen Wohnblocks von Peking, dass sich hinter den Türen mit der Nummer 604 und 605 ein erstaunliches Projekt verbirgt: "Kulturzentrum eins plus eins" heißt es. Dahinter verbirgt sich ein Radiostudio, dessen Mitarbeiter fast alle blind oder stark sehbehindert sind.

Ein paar Kilometer weiter nördlich gehen heute die Paralympics mit einer großen Feier im Pekinger Nationalstadion zu Ende - und damit auch eine aufregende Phase für die Radioleute von "Eins plus eins." "Verliebt in die Paralympischen Spiele" hieß die Sendung, in der sie über das Sportfest berichteten. 61 Radiostationen strahlen ihre Reportagen und Nachrichten aus, über die Wettkämpfe und über bislang weithin unbekannte Disziplinen wie etwa Goalball für Blinde.

Ihre Beiträge gehören zu den vielen hundert Sendestunden, die Chinas staatlicher Rundfunk in den vergangenen Wochen den Sportspielen in Peking gewidmet hat. Noch nie hatten die Chinesen im Radio, im Fernsehen und in den Zeitungen so viel und so oft von Menschen mit Behinderungen erfahren. Bis Dienstagnachmittag hat das chinesische Team allein 195 Medaillen gewonnen, darunter 84-mal Gold. Damit lag China weit vor den Briten (96 Medaillen, 41-mal Gold) und den US-Amerikanern (93 Medaillen, 33-mal Gold). Mit 58 Medaillen (14-mal Gold) folgte Deutschland auf dem siebten Rang der Gesamtwertung.

Für das Radioprojekt im Süden Pekings waren die Paralympics die große Chance, Anerkennung und Abnehmer bei den Staatssendern für ihre Produktionen zu finden. Begonnen hat das Projekt vor zwei Jahren. Sechs junge Leute gründeten mit britischen Spendengeldern das Studio. Zur Seite standen ihnen ehemalige Mitarbeiter des britischen Rundfunksenders BBC. Ihr Ziel: Blinden Chinesen eine Chance zu geben, sich zum Radiojournalisten auszubilden. Solche Ausbildung ist bislang in den großen Sendehäusern Chinas nicht möglich. Das war eine ganz neue Sache: "Für uns gab es ja bislang nur die Wahl, Masseur oder Musiker zu werden", berichtet Li Yanshuang, die ihren Beruf als Physiotherapeutin hasste und die Chance, Radio zu lernen, begeistert aufgegriffen hat.

"Plötzlich interessieren sich die Medien nicht nur für den Sport, sondern auch für den Alltag der 83 Millionen Behinderten in China", sagt Lis Kollege Gao Shan, der nur mit einer dicken Lupe direkt vor dem Auge lesen kann. Nach seinem Studium als Computerfachmann ist der heute 25-Jährige zum "Eins plus eins"-Team gestoßen. Den Namen hat er mit einem Kollegen ausgewählt. Es bedeutet: "Nur zusammen erreichen wir mehr."

Ihre Sendungen sind "unpolitisch, informativ und unterhaltsam", wie ein Mitarbeiter sagt. Das kommt nicht von ungefähr: Chinas Rundfunk wird von den Behörden stark kontrolliert, heikle Themen wie etwa die vielen Arbeitsunfälle oder die wachsende Zahl von Missbildungen bei Säuglingen durch Umweltschäden bleiben ausgespart.

Zu den erlaubten Themen während der Paralympics gehörten Gespräche mit der blinden Goldmedaillengewinnerin im Weitsprung von 1984 und heutigen Massagesalon-Besitzerin Ping Yali. Sie berichtete in verschiedenen Medien über die Schwierigkeiten, die sie mit ihrem Blindenhund Lucky in Peking hat: Die Polizei hat ihn zunächst von der Straße verbannt, weil er größer als die gesetzlich erlaubten 35 Zentimeter ist. Derzeit darf sie mit ihm auf die Straße und sogar Bus und U-Bahn fahren. Ob die Erlaubnis auch nach den Spielen gilt, ist allerdings unklar.

Radiomann Gao Shans von "Eins plus eins" hat einen großen Wunsch: "Dass nach dem Ende der Paralympics nicht gleich alles wieder vergessen ist." Wer hätte sich zuvor träumen lassen, dass tausende Zuschauer blinde, gelähmte und amputierte Athleten anfeuern würden? Chinas Fernsehen berichtete live und wiederholte ein ums andere Mal die siegreichen Momente der Sportler. "Ich würde mir so sehr erhoffen", sagt Gao Shan, "dass man uns Behinderte künftig als Menschen wahrnimmt, die nur etwas anders sind." Bisher habe er sich oft "wie ein Ausländer im eigenen Land gefühlt".

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