Kolumne Ökosex: Auf der Suche nach Inspiration

Die solare Effizienzrevolution ist ohne Dialektsprecher nicht zu schaffen - vor allem nicht bei Atomkraftfetischisten.

Heute der Beweis: Fietsen ist besser als Auto fahren. Insbesondere wenn Bier im Spiel ist. Ich bin nach fünf Maß Bavaria-Bier eben nicht wie vom Bayerischen Ministerpräsidenten empfohlen mit dem Auto heimgefahren. Sondern mit meinem alten Bauer Fiets, 21 Gang, sogar mit einer starken Acht im Hinterrad. Fietsen ist auch nach dem fünften Liter Bier kein Problem. Dagegen sind in diesem Fall selbst Autos unter 120 g/km CO2 nix, obwohl ich diese natürlich im Allgmeinen dem Neuwagenkäufer empfehle. Es geht aber heute nicht um meine Autokampagne, sondern um Bier und Fahrradfahren. Kurz gesagt, um das reine Vergnügen.

Ich bin für meine Band Ökosex immer auf der Suche nach künstlerischer Inspiration. Deshalb fietste ich am Freitagabend von Maastricht aus runter an die belgische Grenze nach Eijsden. Dort spielte vor tausenden von Leuten die beste Band der Welt: Rowwen Hèze. Rowwen Hèze? Kennen Sie nicht. Typisch angloamerikanische Kulturbeschränktheit. Rowwen Hèze ist eine rockig, volkstümliche Polkaband, die in ihrem wunderschönen Limburger Dialekt singen. Der ist ungefähr so elegant wie mein eigener schwäbischer Ostalbdialekt.

Wie jeder weiß, ist die solare Effizienzrevolution ohne Dialektsprecher nicht zu schaffen. Beispielsweise sind 88 Prozent aller Fotovoltaikanlagenbesitzer des Hochdeutschen nur bedingt mächtig. Bei Biogasanlagen liegt die Quote sogar noch höher. Die Atom- und Kohlekonzerne RWE, Eon, Vattenfall und ENBW werden dagegen hauptsächlich von Hochdeutschen und Südschweden betrieben. Auch ein Grund, warum Atom- und Kohlestrom bei mir nicht ins Haus kommt. Gut, dass auch in den Niederlanden nicht jedermann gepflegtes Niederländisch spricht.

Was ich nicht wusste: Die Fans der Polkaband Rowwen Hèze pflegen nicht nur ihre Mundart, sondern eine interessante Tradition. Bavaria schmeißen. Das geht so. Erst holen sich einen Plastikbecher voll Bavaria-Bier und bezahlen dafür 1,80 Euro. Bavaria ist eine große niederländische Biermarke. Was den echten Bayern in Bavaria gar nicht gefällt. Ein früherer Ministerpräsident wollte das auch mal verbieten, aber das hat damals leider nicht geklappt. Stoiber konnte übrigens auch kein richtiges Bayerisch und ist natürlich auch Atomkraftfetischist. Seis drum.

Bavaria wird also immer noch gebraut und so nahm das Schicksal seinen Lauf. Bei der Meganummer "Het is een questie van geduld …" bekam ich den ersten Bavariabecher an den Kopf geschmissen. Das war unglaublich lustig. Jedenfalls für meinen Begleiter, zufällig ein Experte der europäischen Wasserrahmenrichtlinie. Egal. Um bei den Einheimischen nicht als Spaßverderber dazustehen, prostete ich dem geübten Schützen hinter mir freundlich zu und dachte kurz an Flucht über die belgische Grenze.

Aber die beste Band der Welt war einfach zu gut. Und wie es so geht: Bei einem Rowwen-Hèze-Konzert bleibt es nicht bei dem einen Bierchen. Auf einem Bein kann man nicht stehen. Und da zeigt sich der Vorteil des Fietsens. Gut, dass ich meine Fietsregenjacke dabei hatte. Ich hätte gerne auch die letzten Zugaben noch mitgeduscht, allerdings lief mir da das Bier schon aus den Schuhen heraus. Ich hatte gefühlte fünf Liter intus und hätte unmöglich in ein Auto steigen können. Übrigens auch nicht nach zwei Maß. Das würde noch nach Jahren nach Bier stinken. Der mir zu nahe stehende Experte lachte inzwischen über sich selbst. Er sah ebenfalls aus wie ein Off-Shore-Windrad bei Sturm. So fietsten wir vergnügt zurück nach Maastricht und diskutierten, wie man in Deutschland effektiver Atom-und Kohlekraftwerke bekämpfen könnte. Mir kam eine tolle Idee: Rowwen-Hèze-Fans sind bereit, aus reinem Vergnügen mit kostbarem Bier zu werfen. Eine klassische Kosten-Nutzen-Rechnung greift hier nicht. Hier geht es um gelebte Gefühle.

Wieder ein Beweis für die Ökosextheorie: Der Schlüssel der solaren Effizienzrevolution ist das reine Vergnügen. Und die Konzerne nassmachen der Kick

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