Ein kritischer Spiegel für Vertriebenenverbände: Beharren auf der Opferrolle

Die Geschichtspolitik der Vertriebenenverbände: Der Gießener Politikwissenschaftler Samuel Salzborn erkundet in seinem Buch eine zerklüftete historische Landschaft.

Erika Steinbach (r), Präsidentin des Bundes der Vertriebenen (bdv), und Bundeskanzlerin Angela Merkel (l) auf der 50 Jahr-Feier des bdv. Bild: ap

Am 30. September jährt sich zum 70. Mal die Unterzeichnung des Münchner Abkommens, mit dem 1938 die Tschechoslowakei als demokratischer Staat faktisch zerschlagen wurde und der Zweite Weltkrieg trotz der Appeasementpolitik gegenüber Nazi-Deutschland eingeläutet wurde. Anlässlich dieses Datums erscheint ein neuer Sammelband zur Geschichtspolitik der Vertriebenenverbände.

Der Bund der Vertriebenen (BdV) hat in den letzten Jahren beachtliche Erfolge gefeiert: Das unter der rot-grünen Bundesregierung lange Zeit abgelehnte "Zentrum gegen Vertreibungen" in der Mitte Berlins wird in der ein oder anderen Form Realität, "Flucht und Vertreibung" sollen in einigen CDU-regierten Bundesländern zu verpflichtenden Themen im Lehrplan werden, und die mediale Inszenierung von immer neuen Vertriebenenschicksalen ist in vollem Gange.

Der Gießener Politikwissenschaftler Samuel Salzborn hält dieser "Renaissance" der Vertriebenen auf der kulturellen, medialen und nicht zuletzt politischen Bühne seit Jahren einen kritischen Spiegel vor. In seinen Texten erkundet er eine zerklüftete historische Landschaft, die von konträren Erzählungen geprägt ist. Sein neues Buch enthält neun Aufsätze aus den Jahren 2002 bis 2006, mit einem Nachwort des tschechischen Historikers Jan Kren.

Die Themen reichen von der Analyse der Debatte um ein Vertriebenenzentrum bis hin zu Fallstudien wie der Biografie des Nestors der völkischen Wissenschaften, Hermann Raschhofer (1905-1979). Salzborns Augenmerk liegt dabei vor allem auf der Transformation der diskursiven Strategien der Vertriebenenverbände: Diese hätten sich seit 1989 von unerfüllbaren außenpolitischen Forderungen weg bewegt und ihren Fokus stattdessen auf Erinnerungspolitik gelegt. Das Ziel sei die ideelle wie materielle Anerkennung des eigenen Opferstatus und die Verankerung eines "Rechts auf die Heimat" im Internationalen Recht.

In einer Vielzahl von Zitaten belegt Salzborn die Maßlosigkeit der Selbststilisierung als Opfer - etwa wenn die BdV-Vorsitzende Erika Steinbach in einer ungeheuren Gleichsetzung den Zusammenhang zwischen Holocaust und Vertreibung im "entmenschten Rassenwahn hier wie dort" sieht, ohne den mörderischen Terror des "sudetendeutschen Volkstumskampfes", der in den Gaskammern der Nazis und in den Massakern von Lidice und anderen Orten kulminierte, auch nur zu erwähnen. Die Diskrepanz zwischen der Verdrängung der eigenen historischen Verantwortung und der umso vehementeren Tradierung der Opferrolle moniert Salzborn und spricht von einer "für die Vertriebenenposition charakteristischen Verdrehung der Geschichte", die er als "historische Entkontextualisierung" beschreibt.

Als Teil einer vormodernen Ideologie, die ihre Brisanz auch heute noch entfalten könne, bewertet der Autor die politischen Traditionen der Verbände: Diese reichten von der massenhaften Beteiligung ihrer Angehörigen an NS-Verbrechen über die personelle Kontinuität der Nachkriegsjahre bis hin zur Negierung der eigenen historischen Verantwortung. Daraus resultierten bis heute an völkischen Maßstäben ausgerichtete, rechtspolitische Forderungen.

Die tatsächliche Verankerung eines "Rechts auf die Heimat" etwa, mit definierten Siedlungsräumen für bestimmte "Ethnien", widerspräche nicht nur der Niederlassungsfreiheit in der EU, sondern wäre Salzborns Meinung nach eine fundamentale Infragestellung der globalen Migration und damit letztlich der multikulturellen Verfasstheit der modernen Gesellschaften Europas. Umso bemerkenswerter erscheint ihm die weitgehend erfolgreiche Inszenierung der Vertriebenenverbände als moderne Minderheitenvertreter.

Genau das sind die Verbände nach Salzborn nämlich nicht, solange sie sich auf bevölkerungspolitische Ideen berufen, die von der Konzeption des "Auslandsdeutschtums" im 19. Jahrhundert über die "völkischen Wissenschaften" des Nationalsozialismus bis hin zur Vorstellung eines ethnisch-separierten "Europas der Regionen" in heutiger Zeit reichen. Die historische Analyse dieser Konzepte bietet spannende Lektüre - selbst dann, wenn man die kritische Haltung des Autors nicht teilt.

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