Die Reden des Franz Müntefering

Heißes Herz und klare Kante

Heuschrecken, "Opposition ist Mist", "Fraktion gut, Partei gut, Glück auf": Der Redner Franz Müntefering hat legendäre Aussprüche hervorgebracht. Am Freitag soll er SPD-Chef werden.

"Wir können ohne Furcht sagen: Wir sind die Sozialdemokraten": Franz Müntefering Bild: dpa

Johannes Rau hatte nur Außenseiterchancen. 1977, auf dem Parteitag der SPD Nordrhein-Westfalens in Duisburg, sollte eigentlich Friedhelm Farthmann zum Landesvorsitzenden gewählt werden. Unter den Delegierten: der junge Bundestagsabgeordnete Franz Müntefering. Was dann geschah, hat der damals 37 Jahre alte Müntefering bis heute nicht vergessen: "Dann aber hat Johannes Rau geredet - und alles kam anders. Im zweiten Wahlgang, mit 158 zu 155. Er wurde Landesvorsitzender, weil er sich in die Herzen und Köpfe geredet hatte", erzählte Müntefering beim Staatsakt für den verstorbenen Rau 2006 in Düsseldorf. "Johannes Rau hatte diese Gabe. Er wusste mit Worten zu überzeugen. Wobei ihm auch bewusst war: Das Wort ist wenig ohne den, der er es sagt. Es muss zu ihm passen. Bei ihm passte es."

Am Wochenende wird Müntefering in Berlin zum SPD-Chef gewählt werden, zum zweiten Mal. Es gibt, anders als 1977 in NRW, keinen Gegenkandidaten. Münteferings Rede wird insofern nicht wahlentscheidend sein. Aber dennoch wird diese die wichtigste Ansprache in der politischen Laufbahn des Sauerländers sein. Denn ihm muss mit ihr ein wahres Kunststück gelingen: Er muss überzeugen, muss sich in die Herzen und Köpfe des Parteitags reden. Er muss mit Worten die tiefe Krise der Partei beenden. Muss das Gefühl von Stärke und Geschlossenheit und Zuversicht vermitteln. Und er muss zeigen, dass er der richtige Mann für den schweren Weg ist, der der alten Partei im Wahljahr 2009 bevorsteht. Die richtige Führungsfigur, obwohl er schon einmal den Bettel wegen einer Petitesse hingeschmissen hat.

Kann er das? Ist Müntefering ein Redner von solch einem Format? Ist Müntefering ein guter politischer Redner?

München, Hofbräukeller, Mittwoch, 3. September 2008: die Rückkehr des Franz Müntefering auf die politische Bühne. Der Auftritt ist schon jetzt so Kult, dass er auf YouTube kursiert, und zwar fast vollständig. Mit dieser einen Rede torpedierte sich Müntefering zurück an die Spitze seiner Partei. Praktisch aus dem Stand, nachdem er sich zugunsten der Pflege seiner todkranken Frau einige Monate aus dem politischen Geschäft fast vollständig verabschiedet hatte. Sehr wahrscheinlich, dass diese noch nicht schriftlich vorliegende Rede Münteferings eines Tages als eine seiner besten in die Biografien über ihn eingehen wird. Sie war zumindest typisch, eine Müntefering-Rede in Reinform. Und sie belegt die wesentlichen Gründe, warum Müntefering im vergangenen Jahr vom Polit-Think-Tank berlinpolis zum besten Redner des Jahres 2007 gewählt wurde.

Schon nach den ersten Sätzen brandete Jubel auf - dabei waren diese eher schlicht. Kostprobe: "Ich habe mir überlegt, was kann man tun, mitzuhelfen dabei, dass die Kerbe tiefer geschlagen wird. Das Wichtigste zuerst, habe ich mir gesacht. Also hin, nach München hin zum Franz Maget. Mithelfen, dass klar ist, am 28. 9. wird der Huber auf Maß geschrumpft." Huber und Beckstein, so Müntefering, nähmen die Veränderung nicht wahr, die stattfinde, sie glaubten, es könne alles so weitergehen wie bisher. "Aber die beiden irren sich. In Bayern ist was in Bewegung. Die beiden sitzen im Schaukelstuhl und meinen, es sei der Schaukelstuhl, der sich bewegt. In Wirklichkeit sitzen sie auf der Rutsche. Bayern lässt sich nicht verschaukeln vom Huber und vom Beckstein." Die beiden seien Waschlappen, denen das Engagement und der Mut zur Veränderung fehle, dabei sei beides nun nötig. "Das heißt: heißes Herz und klare Kante. Das riecht, meine Damen und Herren, sehr nach Schweiß und Anstrengung. Aber ich sage Ihnen, ich sage euch: Das ist besser, heißes Herz und klare Kante, als Hose voll. Das riecht auch nicht gut."

Wolfgang Klages hält Müntefering für einen "durchschnittlichen Redner". Aber: "Die Münchner Rede" habe ihn "überrascht", sagt der freie Politikberater, der ein Buch über die "ungebrochene Macht der politischen Rede" geschrieben hat. Normalerweise trete Müntefering bei Reden eher verhalten auf. Ihm stehe offenbar nur ein begrenztes Vokabular zur Verfügung, er nutze nur wenige Bilder, kaum Metaphern, bleibe meist trocken und wirke oft zu vorbereitet. "Bis auf München" könne er sich an keine bewegende Rede aus dem Mund Münteferings erinnern. Seine meist kurzen Sätze verführten Müntefering zu oft zu einem "Stakkato-Stil", bei dem er "sehr viel betont". Die Comeback-Rede Müntes aber habe das weniger gehabt. Vielleicht, weil er befreit gewesen sei von den Zwängen eines Vizekanzlers und Parteichefs, geprägt noch, das deutet Klages an, womöglich von der Trauer über den gerade zurückliegenden Tod seiner Frau.

Es sind häufig die besonderen Situationen, da rhetorisches Können aufblitzt - etwa wenn der Fraktionszwang ausgesetzt sei, sagt Minita von Gagern. Die Urenkelin des Präsidenten des Paulskirchenparlaments ist selbst Präsidentin, und zwar des Verbandes der Redenschreiber deutscher Sprache. Sie möge den politischen Redner Müntefering, sagt sie, er sei "fast eine Ausnahmefigur". Er vermöge es, sich kurz und prägnant zu äußern. Seine Aussagen seien sehr deutlich, "manchmal überkernig" und "vollkommen schnörkelfrei". Die Reden Münteferings seien "im besten Sinne schlicht". Das erinnere sie manchmal an den Redestil Konrad Adenauers. Dem ersten Bundeskanzler wurde ein Wortschatz von gerade mal 700 Wörtern nachgesagt - oder er beschränkte sich zumindest darauf. In dieser einfachen Sprache offenbare sich auch bei Müntefering "einerseits eine Kunst, andererseits eine Begrenzung".

Der unstudierte Müntefering hat das Beste aus seinen Anlagen gemacht, so scheint es. Der langjährige Bonn- und Berlin-Korrespondenz der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Günter Bannas, schreibt über ihn voller Lob: "Franz Müntefering hat sich seine Kurz-Satz-Reden erarbeitet. Er hat seine als Schwäche bewertete und langweilige Redeweise in Stärken und dazu noch in ein Markenzeichen verwandelt", notierte er vor knapp einem Jahr. "Sein rhetorischer Stil ist abgespeckt - aus ursprünglich 50 Seiten Textvorlagen presst Müntefering ein Destillat vom Umfang eines Spickzettels." Und: "Münteferings Redestil ist seinem Äußeren angepasst. Würde - beispielsweise - Angela Merkel ein ,Fraktion gut, Partei gut, Glück auf' rufen, würden es die Leute nur als Karikatur Münteferings gutheißen."

Das weist auf eine andere Charakteristik der Redekunst Münteferings hin: Richtig gut ist er nur in dem vertrauten Umfeld seiner Partei, wenn es die Chance gibt, deren Tradition zu beschwören - die Aussage "Fraktion gut, Partei gut" etwa ist ein abgewandeltes Zitat Herbert Wehners. Mit diesem legendären Zuchtmeister der Fraktion wird "Münte" häufig in puncto Politik- und Redestil verglichen. Dem widerspricht Thilo von Trotha. Helmut Schmidts ehemaliger Redenschreiber, der eine "Trotha Stiftung Redekultur" ins Leben gerufen hat, erinnert daran, dass Wehner eher ausufernde, komplizierte Sätze wagte - die auch nicht immer ein logisches Ende fanden. Bissig und prägnant aber seien seine Einwürfe gewesen. In dieser Kürze sei "Münte" ihm ähnlich. Müntefering sei "ganz zweifellos" ein guter Redner, nicht zuletzt weil er "auf ganz besondere Weise uneitel" sei und in seinen Reden wenig nach Effekten hasche. Trotha lobt, Müntefering sei "sehr wortkreativ". Das Wort von den "Heuschrecken" etwa habe erst er populär gemacht. Müntefering habe ein "frisches und direktes Vokabular" und wenig Formelhaftes. Auch die Kürze seiner Sätze sei ein Plus. "Sprachkürze gibt Denkweite", zitiert von Trotha ein Bonmot, das Jean Paul zugesprochen wird.

Allerdings sind "Müntes" Sätze oft so kurz und schlicht, dass sie ins Tautologische, fast Sinnfreie abzurutschen drohen. Der Kabarettist Mathias Richling hat Münteferings Redestil einmal so karikiert: "Weniger ist mehr. Gut. Aber mehr ist auch mehr. Aber mehr ist auch weniger. Das heißt nichts anderes, als dass weniger weniger ist."

In einer Rede Münteferings, nur zweieinhalb Minuten lang, wie der Spiegel gestoppt hat, wird die Gefahr des Tautologischen, ja Phrasenhaften deutlich. Es war eine Ansprache auf dem SPD-Parteitag in Bochum im November 2003. Es ging um Wichtiges, um die Agenda 2010. Die Rede kam gut an, dabei liest sie sich mehr als schlicht: "Wir können den Menschen ohne Furcht sagen: Wir sind die Sozialdemokraten. Wir gestalten das Land neu und erneuern Deutschland. Wir sorgen, dass es nach vorne geht. Wir wollen dieses Land sozial und demokratisch gestalten. Das ist unsere Aufgabe." Dann folgte - neben "Opposition ist Mist" - der Kultsatz Müntes: "Die Fraktion ist gut, die Partei auch. Glück auf!"

Bei den meisten anderen politischen Rednern klängen solche Sätze eher lächerlich. Aber "Münte" verfügt in seiner Rhetorik über eine entscheidende Stärke, die alle Experten betonen: Er kann das Gefühl vermitteln, er sei authentisch. "Ziemlich oft sind es nicht Inhalt und Formulierungen, sondern allein die Vortragsweise und die Authentizität, die über den Erfolg einer politischen Rede entscheiden", schreibt Bannas.

Olaf Kramer, Dozent am Seminar für Allgemeine Rhetorik in Tübingen, sagt es so: Es sei bei Müntefering "keine Künstlichkeit" anzutreffen, auf die das Publikum meist mit "sehr feinem Sensorium" reagiere - und die dem Redner politisch die Wirkung stehle. In seiner Rede zeige "Münte" Persönlichkeit sowie "eine gewisse Kernigkeit und Markanz". Auch wenn seine Gesten oft abbrächen und "das Kleinschrittige" seiner Argumentation jeden Auftritt als Visionär erschwere - in der alten römischen Rhetorik-Regel der "brevitas", der Kürze, sei "Münte" schon stark. Gemäß der Forderung Luthers: "Tritt fest auf! Machs Maul auf! Hör bald auf!"

Dazu passt, dass "Münte" in seiner Trauerrede auf Rau zustimmend ein Wort des Johannes-Evangeliums zitierte: ",Am Anfang war das Wort' - so beginnt das Johannes-Evangelium. Aus dem Wort ist alles geworden, sagt der Evangelist; nichts, was geworden, ward ohne das Wort … Man konnte von Johannes Rau lernen, auf das eigene Wort zu achten. Denn man konnte an ihm erfahren, was das Wort bewirken kann." Viel hat "Münte" von Bruder Johannes gelernt. Das Wort, das er spricht, passt.

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