Beuys und Warhol zusammen: Die ungleichen Brüder

Das Museum Hamburger Bahnhof in Berlin zeigt eine große Joseph Beuys-Ausstellung "Die Revolution sind wir" neben einer Andy-Warhol-Show: Kreativität versus Konsum.

Joseph Beuys: Nach zwanzig Jahren wieder eine umfangreiche Werkschau. Bild: dpa

Wer das Mittelschiff des Hamburger Bahnhofs mit der Beuys-Ausstellung von der Seite betritt, wird zum Wanderer zwischen den Welten. In der angrenzenden Neubauhalle läuft nämlich zur gleichen Zeit eine Warhol-Schau. Der Kontrast könnte kaum größer sein. Die überschaubare Warhol-Ausstellung versammelt "Celebrities" von klein auf Polaroid bis riesig wie beim viereinhalb Meter großen Mao in knalligem Acryl.

Inmitten der Stars, zwischen denen Beuys nicht nur einmal auftaucht, findet sich der Warhol-Museumsshop. Das ist konsequent. Konsum ist wohl die adäquateste Form der Rezeption von Warhol. Tiefere Einsichten sind nicht unbedingt vonnöten bei einem Künstler, der von sich und seinen Werken sagte: "Theres nothing behind it."

Mode, Konsum, Glamour, Celebrities, all das findet man bei Beuys nicht. Aus der bunten Welt des Scheins bei Warhol kommend findet man sich bei Beuys in einem Ambiente zwischen Schrottplatz und Materiallager. Blecheimer, Elektromotoren, Schläuche liegen am Boden, Filzmatten stapeln sich, ein sechs Meter hohes schwarz-amorphes Dreiecksgebilde hängt von der Decke, umgeben von einem silbrig angemalten Bügelbrett mit angefügten Baumteilen und etlichen handgeformten, in Bronze abgegossenen Würsten.

Rings um diese großformatigen Installationen flackern Monitore, die Seitenwände der Halle zieren alte Plakate und Fotos. Im Zentrum der Halle befindet sich dutzende Schultafeln mit allerlei kryptischen Zeichnungen und Sätzen. Ihr prominenter Platz lässt vermuten, dass es sich bei der mit "Richtkräfte" betitelten Arbeit aus den Siebzigern um ein Schlüsselwerk von Beuys handelt - könnte man diese verblassten Notate nur entschlüsseln.

Im Gegensatz zu Warhol hat bei Beuys alles Bedeutung, jede Form, jedes Material gibt sich als Symbol, jede Aussage zielt auf ein tieferes Verständnis von Welt, Mensch und Gesellschaft. Beuys war nicht nur Künstler, er war ebenso Volkspädagoge, Philosoph, Politiker, Schamane und eine Kultfigur. Darin trifft er sich mit Warhol, wenngleich dessen "Lehre" gegensätzlicher nicht ausfallen könnte.

"Konsum", sagt Warhol, "Kreativität" lautet der Schlüsselbegriff bei Beuys. "Jeder Mensch ein Künstler", und das größte Kunstwerk könnte die bessere Gesellschaft sein, die "soziale Plastik", an deren Gestaltung schließlich alle mitarbeiten sollten in einer Art von "direkter Demokratie". "Die Revolution sind wir", lautet deshalb der Titel der Ausstellung in Anlehnung an ein Plakat von Beuys. Wir, das meint eben: wir alle als Menschen.

Solche Gedanken waren nicht nur zu Lebzeiten von Beuys revolutionär, sie wären es auch heute noch, wenn man sie ernst nähme. Doch hat Beuys und sein "erweiterter Kunstbegriff" heute wenig Konjunktur. Die Kunst folgt inzwischen eher der Warholschen Philosophie und gibt sich als Ware, Modeartikel und Kapitalanlage, ist Teil der Celebrity-Kultur. Die Strahlkraft des Beuysschen Werks hat sich nach Ableben seines Schöpfers stark vermindert. Davon zeugen nun auch nolens volens die Installationen im Hamburger Bahnhof.

Der "Blitzschlag mit Lichtschein auf Hirsch", ebenjenes dreieckige Gebilde mit Bügelbrett und Würsten, 1982 in der "Zeitgeist"-Ausstellung in Berlin in einer Werkstatt vor Ort entwickelt, zeigt schon im Material eine gewisse Todesstarre. Die hängende Dreiecksform in Bronze ist Ergebnis eines Abgusses eines seinerzeit errichteten Lehmberges. Die einstige Plastizität des Materials ist futsch und damit auch die Symbolik, wonach das formbare Material Sinnbild für Veränderbarkeit und kreative Prozesse sei. In Beuys Werkstatt von 1982 konnte man das noch nachvollziehen, jetzt ist der "Blitzschlag" zum gewöhnlichen Museumsstück geworden.

"Der Tod hält mich wach", hatte Beuys selbst gesagt. Mit diesem Satz ist das erste der 15 Kapitel dieser umfassenden Ausstellung mit 270 Werken zu allen Aspekten des Beuysschen Wirkens überschrieben. Beuys war die Todeserfahrung als Kriegsteilnehmer nicht fremd. Aus der Gewissheit des Todes hat Beuys höchste Lebens- und Schöpferkraft bezogen. Das "Museum für Gegenwart" setzt eher aufs Totengedenken als auf die Gegenwärtigkeit von Beuys Ideen.

Betritt man das Museum, so versperrt zuerst eine Art Mausoleum in der Bahnhofshalle den Blick auf die dahinterliegenden Installationen. In diesem Kubus hat Ausstellungskurator Eugen Blume, selbst Beuys-Fan und Leiter des Hamburger Bahnhofs, die letzte Arbeit des Künstlers platziert. "Palazzo Regale", einen Monat vor Beuys Tod im Januar 1986 entstanden, hat etwas von einem Pharaonengrab.

Sieben blinde Goldspiegel an den Wänden und zwei Vitrinen beherbergt der feierliche Raum. Die Goldtafeln verweisen auf transzendente Sphären, die beiden Glasschreine mit Rucksack, Kupferstab, Filz, Speck und Luchsfellmantel liefern die Ausrüstung fürs Jenseits.

Lebendiger wirken die Videofilme: Beuys in Bioleks Talkshow auf dem Sofa, beim Interview über seinen Rausschmiss aus der Düsseldorfer Akademie oder der Fernsehbericht über die Aktion "24 Stunden" in der Wuppertaler Galerie Parnaß von 1965. Dem Kommentator blieb damals der Sinn von Beuys "Bauchmuskeltraining" verborgen.

Unverständnis und Ablehnung bei den Volksmassen begleiteten Beuys bis zu seinem Tod. Bis heute umweht ihn ein Hauch von Esoterik. Denn die Revolution blieb aus, blieb Episode, verpuffte als groteske, unverstandene Akrobatik. Im Grunde warten Beuys und seine Ideen noch auf ihre Auferstehung.

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