Kommentar Inojatow-Besuch: Annäherung durch Folter

Ein schlimmerer Verächter der Menschenrechte als der usbekische Stasichef Inojatow ist kaum vorstellbar. Mit dessen Deutschlandreise sind die deutsch-usbekischen Beziehungen endgültig desavouiert.

Mit der Einladung des usbekischen Folterministers Rustam Inojatow hat Deutschland die rote Linie überschritten. Das Haus der Bundeskanzlerin Angela Merkel holte sich mit Inojatow die usbekische Variante von Berija, Stalins Geheimdienstchef, nach Deutschland. Im angeblichen Antiterrorkampf sind Berlin offenbar alle Mittel recht: Folter, Unterdrückung und Stasiherrschaft.

Ein schlimmerer Verächter der Menschenrechte als der usbekische Stasichef Inojatow ist kaum vorstellbar. Mit dessen Deutschlandreise sind die deutsch-usbekischen Beziehungen endgültig desavouiert. Seit dem Massaker von Andischan ist das deutsche Werben um Usbekistan ein Skandal. Die deutschen Soldaten sollen in Afghanistan Demokratie und Rechtssicherheit schaffen und operieren aus Usbekistan, dessen Regierung zum Erhalt des korrupten Systems von Panzerwagen auf Frauen und Kinder schießen lässt.

Der Kanzlerkandidat der SPD, Frank-Walter Steinmeier, umtanzt als Außenminister den usbekischen Despoten Islam Karimow. Steinmeier hat die Chuzpe, die Anbiederung an einen "Blutsäufer" als Menschenrechtsdialog zu verkaufen. In Steinmeiers Gefolge pilgern die sozialdemokratischen Zombies der "Ostpolitik", die jedes Anhimmeln eines Despoten als "Wandel durch Annäherung" rechtfertigen. Steinmeier ist es zu verdanken, dass die EU die Reisebeschränkungen gegen usbekische Offizielle aufgehoben hat, wodurch Inojatow überhaupt erst nach Deutschland kommen konnte. Möglicherweise hat Steinmeier den usbekischen Geheimdienstchef nicht ausdrücklich eingeladen. Er hat aber für dessen Reise nach Deutschland den Weg gespurt.

Im Antiterrorkampf hat sich der Bundesnachrichtendienst dann nicht lange bitten lassen, Inojatow zu empfangen. Der BND liegt in Merkels Verantwortung. Die Bundeskanzlerin lässt sich vor Kameras vom Dalai Lama segnen, den Folterknechten aus Usbekistan aber öffnet sie die Hintertür. Wenn eine Demokratie jedoch wegen einer Terrorbedrohung mit Unrechtsregimen paktiert, haben die Terroristen schon gewonnen. Denn Leute wie Karimow und Inojatow gefährden die Sicherheit mehr als bärtige Männer in Höhlen. MARCUS BENSMANN

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„Das liegt doch irgendwo in Russland“ oder „Samarkand?  Seidenstrasse?“ sind zwei häufige Antworten, wenn ich in Deutschland von meiner Arbeit in Zentralasien erzähle. Die Region zwischen dem Kaspischen Meer und chinesischer Grenze tut sich auch 20 Jahre nach der Unabhängigkeit schwer, einen Platz in der Wahrnehmung der deutschen Öffentlichkeit zu erobern.Mich aber faszinieren Turkmenistan, Usbekistan, Kasachstan, Kirgistan und Tadschikistan seit vielen Jahren, obwohl in den Redaktionen das ungeschriebene Gesetz gilt,dass Veröffentlichungschancen sinken, je mehr Stans in einem Satz vorkommen. Ich berichte aus dem Hinterland des Natokrieges in Afghanistan über Aufstände, Revolutionen,Wasserkriege und wie deutsche Politiker mit dem usbekischen DespotenIslam Karimow kungeln, um sich die Bundeswehrbasis in dessen düsteren Reich an der afghanischen Grenze zu sichern.Ich nehme die Ereignisse selbst in Augenschein und berichte in Zentralasien oft als einer der ersten, manchmal sogar als einziger, vom Ort des Geschehens. Sei es bei den zwei Machtumstürzen (2005 und 2010), und dem ethnischen Konflikt in Kirgistan (2010), dem Massaker in der usbekischen Provinzstadt Andischan (2005), den Ölarbeiterstreiks in der westkasachischen Steppenstadt Schanaozen und dessen blutigem Ende (2011), und den Gefechten in der tadschikischen Pamirprovinz Badachschan (2012). Ich, Jahrgang 1969, arbeite seit 1994 aus Zentralasien für Schweizer und deutsche Medien. Seit 2006 bin ich zudem dort als taz-Korrespondent tätig. Ich halte Vorträge zu Zentralasien und beteilige mich an Podiumsdiskussionen. Deutschland:+491795057442 Kirgistan:+996777565575

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