Noch nicht erreicht: Das Wir des Barack Obama

Der schwarze Millionär Ward Connerly will im Namen der Gleichheit jegliche Minderheitenförderung abschaffen. Für Obama ist Gleichheit etwas, das noch erkämpft werden muss.

Das obamageprägte "Wir" muss erst noch hergestellt werden. Bild: dpa

Alles überstrahlt, und völlig zu Recht, der triumphale Sieg des Barack Obama. Unbequeme Wahrheiten aber bleiben - und keiner weiß das so gut wie Obama selbst. Am Tag von Obamas historischem Sieg unterstützte in Kalifornien eine Mehrheit der WählerInnen - wenn auch knapp - das Verbot der gleichgeschlechtlichen Ehe. Und im ebenfalls an Obama gegangenen Rocky-Mountains-Staat Colorado wäre um ein Haar ein Verfassungszusatz zum Zuge gelangt, der alle Maßnahmen zur affirmative action, also zur gezielten Förderung von Minderheiten verbietet. Ein Verfassungszusatz übrigens, der in Kalifornien bereits seit mehr als einem Jahrzehnt in Geltung ist.

Die USA waren, sind und bleiben fürs Erste ein in zentralen Fragen des gesellschaftlichen Zusammenlebens tief und in zwei ziemlich genau gleich große Hälften gespaltenes Land. Weil die Politik Kompromisse zu finden nicht in der Lage scheint, ist der Schauplatz der seit Jahrzehnten mit nicht nachlassender Bitterkeit ausgetragenen gesellschaftlichen Kulturkämpfe längst das Recht geworden, dessen notwendige Verstrickung in Politik und Gesellschaft angesichts bedeutender Urteile wieder und wieder ins Auge fällt. In den nächsten vier Jahren stehen mit großer Wahrscheinlichkeit Neubesetzungen am Obersten Verfassungsgericht an. Viele Liberale fürchteten im Fall eines Siegs von John McCain fast am meisten die dann zu erwartende Fortsetzung von George W. Bushs konservativer Berufungspolitik. In Sachen Abtreibungsrecht und affirmative action wären Revisionen geltender, halbwegs progressiver Rechtsprechung zu gewärtigen gewesen.

Obamas so meisterhaft vorgetragene Einheitsrhetorik, fraglos auf Überzeugung gegründet, leugnet die existierenden Spaltungen nicht. Sie zielt vielmehr, um sie wissend, auf ihre Überwindung. Freilich ist Obama - hier wie überall, könnte man sagen - in einer äußerst diffizilen Position. Es ist kein Zufall, das Cornell Belcher, der für Rassismusfragen zuständige Wahlforscher der Obama-Kampagne, die Frage nach der Hautfarbe in eine Sprache kleidet, die aus den Kämpfen um affirmative action wohl vertraut ist. In der New York Times vom Mittwoch wird er mit den folgenden Worten zitiert: "Es wäre zweifellos schwierig für einen Afroamerikaner, in diesem Land zum Präsidenten gewählt zu werden. Es ist jedoch nicht schwierig für ein außergewöhnliches Individuum, das zufällig Afroamerikaner ist." Über den alltäglich vorhandenen Rassismus triumphiert, mit anderen Worten, einzig Außergewöhnlichkeit.

Darum ist Obama paradoxerweise gerade als Verkörperung der Überwindbarkeit des real existierenden Rassismus nicht der Beweis für dessen bereits vollendete Überwindung. Eben deshalb ist das "Wir", in dessen Namen sein "Yes, we can" spricht, selbst gespalten. Aber nicht so, wie etwa Ward Connerly glaubt. Der afroamerikanische Millionär Connerly und sein - in einer nicht unraffinierten Aneignungsgeste sogenanntes - "American Civil Rights Institute" sind die treibende Kraft hinter dem Kampf um die Abschaffung der affirmative action. Connerly war als Verwaltungsrat an der Universität von Los Angeles (UCLA) verantwortlich für das dort und in ganz Kalifornien 1996 in Kraft getretene Verbot der Minderheitenförderung durch gezielte Stipendien-, Aufnahme- und Einstellungspolitik. (Dass die UCLA diese Regelungen unter Berufung auf Bundesrecht geschickt zu umgehen gelernt hat, steht auf jenem anderen Blatt, das eben die Besetzung des Supreme Court zu einer so wichtigen Sache macht.)

Das zentrale Argument gegen die Praxis der affirmative action ist das Beharren auf der verfassungsmäßig garantierten Gleichheit, aus der totale Gleichbehandlung zu folgen habe. Während gezielte Minderheitenförderung davon ausgeht, dass diese Gleichheit im Wissen um Vorurteile durch gezielte und aktive Gegenmaßnahmen erst herzustellen ist, sieht der libertäre Standpunkt Connerlys diese Gleichheit nur durch eine - in Wahrheit natürlich ebenso gezielte und aktive - Blindheit für gesellschaftliche Ungleichheiten gewährleistet. Das "Wir", von dem Connerly spricht, ist ein kontrafaktisches Wir, das keinen Unterschied machen will zwischen Hautfarbe und Geschlecht, Minoritäten und Mehrheiten. Dabei ist eine solche Unterschiedslosigkeit von der Realität weit entfernt und kann nur in einer Zukunft liegen. Sie kann nur das Ziel eines fortgesetzten aktiven Bemühens um eine nie vollständig erreichbare Gleichheit sein.

Im emphatischen Potentialis von Barack Obamas "Yes, we can" steckt dieses in Jahrzehnten unter Schmerzen erworbene Wissen des Aktivismus. Das bezeugten die Tränen des Jesse Jackson, der bei Obamas großer Dankesrede im Publikum stand. Das bezeugen gerade im gar nicht eindeutigen "Wir", in deren Namen sie sprechen, die Worte von Henry Louis Gates Jr., des bedeutendsten Gelehrten der Afro-American Studies. Er schrieb zu Obamas Sieg: "Von Harlem bis Harvard, von Maine bis Hawaii - und sogar Alaska -, von ,den ungeheuren Bergspitzen von New Hampshire zum Stone Mountain in Georgia', wie Dr. King es formulierte, wird jeder von uns diesen Moment für immer erinnern. Auch unsere Kinder, die wir aufweckten, auf dass sie Zeugen würden, wie Geschichte gemacht wird." Nicht zuletzt bezeugt es die so typische Verbindung von Pathos und Nüchternheit, mit der Barack Obama im Grant Park von Chicago seinen Refrain des "Yes, we can" vortrug. Er lud sein Publikum in der mehrfachen Wiederholung dieser Formel mitnichten zum chorischen Sprechen ein. Vielmehr sprach er diesen Satz wie beiseite, ohne die mindeste Aufforderung, es ihm nachzutun.

Es war vielmehr, als forderte Obama noch und schon im Moment des größten Triumphs das amerikanische Volk auf, das aktivische und aktivierende "Wir", in dessen Namen er sprach, in einem Sprechakt der Selbstermächtigung erst zu finden. Darum ist das "Wir" in "Yes, we can" kein vereinnahmendes Wir, sondern eines, das die Differenz als zu überwindende in der Möglichkeitsform zu markieren versteht. Es ist ein Wir, das es - sehr wohl unter Schmerzen und Kämpfen - immer erst herzustellen gilt. Ein Wir, das jene Überwindbarkeit nicht nur des Rassismus, die die Wahl Obamas anzeigt, in Aussicht stellt als etwas, dem man nur durch Worte und Reden näherkommt. Ihnen folgt ein gemeinsames Handeln aus der Initiative des Einzelnen.

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