Alltag einer HIV-Infizierten

Hetero, Mutter, HIV-positiv

Weltweit gibt es erstmals mehr Frauen, die mit HIV infiziert sind, als Männer. Hierzulande sind 20 Prozent der Infizierten Frauen. Viele scheuen den Weg in die Öffentlichkeit.

Beim Sex sind heterosexuelle Frauen gefährdeter als heterosexuelle Männer. Bild: ap

Zum Weltaidstag am 1. Dezember legt das Robert-Koch-Institut (RKI) Zahlen zu Aids und HIV vor. Das Institut geht für das Jahr 2008 von 3.000 neuen HIV-Infektionen aus, so viel wie im Jahr zuvor. Etwa 350 Betroffene sind Frauen und 25 Kinder. Ein Fünftel der Neuinfizierten haben sich durch heterosexuelle Kontakte angesteckt. Die Zahl der Aidstoten in Deutschland 2008 wird vom RKI auf 650 geschätzt. WS

Maggie H. ist HIV positiv. Sie will es sagen können. Öffentlich. Auch in dem Bochumer Vorort, in dem sie wohnt. Sie will es sagen, ohne in einer Schublade zu landen. "Sinds Männer, heißt es: Die sind schwul, die sind Junkies. Und bei Frauen: Es trifft die Richtige." Soll heißen: Wer den Virus hat, hat ihn verdient. Die grauhaarige Frau, die es beim Reden kaum auf ihrem Küchenstuhl hält, hat das zu hören bekommen. "Der Flattervogel - spät, aber nicht unerwartet, hat sie sich Aids geholt." Maggie H. möchte mit den Stigmatisierungen aufräumen. Deshalb erzählt die 50-Jährige ihre Geschichte. Mit Vorname und großem H. Ein Foto dazu. Das ist sehr viel. Denn sie allein trägt das Risiko.

Inzwischen leben mehr Frauen mit dem Immunschwächevirus als Männer. "50,3 Prozent der Infizierten weltweit sind Frauen", sagt Marianne Rademacher von der Deutschen Aids-Hilfe. Tendenz steigend. Während in Deutschland 20 Prozent der HIV-Positiven weiblich sind, sind es in der Subsahara bereits über 60 Prozent. In Ostasien und Osteuropa sind die Zahlen ebenfalls hoch.

Beim Geschlechtsverkehr sind heterosexuelle Frauen gefährdeter als heterosexuelle Männer. Denn die Viruslast im Sperma ist höher als die Viruslast in der Scheidenflüssigkeit. Infizierte Männer stecken Frauen bei ungeschütztem Sex leichter an als infizierte Frauen Männer. "Wenn mehr Frauen positiv sind als Männer, dann muss nicht nur HIV neu gedacht werden. Dann müssen auch die sozialen, ökonomischen und emotionalen Abhängigkeiten der Frauen von Männern auf den Tisch", fordert Rademacher.

Angesteckt hat sich Maggie H. vor acht Jahren bei Micha. Ihre 27 Jahre alte Tochter meint, dass es eine ungeheuer leidenschaftliche Liebe gewesen sei zwischen den beiden. "Ich weiß noch", erzählt die Tochter, "dass ich meine Mutter gefragt habe, wie sie es mit safer sex hält." Die aber fegte alle Bedenken beiseite. Schließlich kannte sie Micha doch schon lange. Und sie wusste, dass er früher auf Heroin war. "Ein Gentleman-Junkie war er", sagt Maggie, "einer, dem mans nicht ansah."

Als Micha immer kränker wurde, unterzog er sich einem HIV-Test. Ergebnis: positiv. "Ich wusste sofort: Ich bin es auch." Sauer auf den Mann ist sie nicht. "Ich bin sauer auf mich."

Maggie H. hasst Geheimniskrämerei. Das hat, meint sie, mit ihrer Herkunft zu tun. "Immer war Lug und Trug in der Familie." Darüber zu sprechen war unmöglich.

Später rebelliert Maggie H. und macht, was ein Mädchen damals nicht soll. Sie schmeißt nach der Lehre die Arbeit in der Bank und jobbt auf dem Fischmarkt, auf der Trabrennbahn, in der Bäckerei. Und sonst? "Sex and drugs and Rock n Roll", sagt sie. Nie harte Drogen allerdings. Sie hängt in der Szene in Hagen ab. "Nena, Grobschnitt, die Stripes" zählt sie auf. Mit 23 bekommt sie das erste Kind. Der Vater? "Eine Mischung aus Rock und RAF." Sie zieht das Mädchen alleine groß. Dann macht sie doch eine Ausbildung zur Kinderkrankenpflegerin. Mit 32 kriegt sie das zweite Kind, einen Sohn. Dass er gemobbt werden könnte, wenn bekannt wird, dass sie positiv ist, ist für sie der stärkste Grund, nicht noch offensiver aufzutreten.

Maggie H. ist ein Energiebündel. Als die Viruslast nach zwei Jahren hoch ist, nimmt sie Medikamente und powert weiter. Nebenwirkungen? Sie steckt sie weg. Die Medikamente werden an Männern getestet. Der andere Fettstoffwechsel der Frauen und die Hormonschwankungen sind nicht eingeplant. Maggie hat Lipodystrophie. Dabei sammelt sich das Fett am Torso, während Arme, Beine und Gesicht dünn werden. Das trifft Frauen, die HIV-Medikamente nehmen, oft. "Kastanienmännchensyndrom" nennt sie es.

"Ich war immer Highspeed DSL", sagt sie. Bis vor drei Jahren. Als hätte HIV nicht gereicht, diagnostizieren die Ärzte zusätzlich Krebs. Sie besiegt ihn. Seither hält sie inne. Sie hat sich berenten lassen und versucht nun, vor allem sich selbst mehr zu lieben.

Brigitte P. und Jessica J.* haben sich - wie Maggie H. - beim Sex mit Männern infiziert. "Dass ich mich angesteckt habe, ist eine alte Geschichte", sagt Brigitte P. Über den Mann und die Umstände will sie nicht sprechen. Wohl aber darüber, "dass ich mir die Krankheit in einer festen Beziehung holte, wo der Mann das heimgebracht hat". Sie sitzt im hintersten Winkel eines Cafés in Berlin-Kreuzberg. Dort, wo niemand sonst hören kann, was sie sagt. Dabei möchte sie aufrütteln. Sie möchte, dass verstanden wird, was es bedeutet, wenn Frauen jahrelang mit dem Virus leben. Und wie leben sie damit? "Es ist immer noch eine schmutzige Krankheit. Du musst ständig lügen."

Brigitte P. wurde 1985 ohne ihr Wissen getestet. "Positiv - ein Todesurteil damals. Und ich stand in der fränkischen Provinz mit einem einjährigen Sohn." In der Stimme der 49-Jährigen liegt große Härte. Damals ging man davon aus, dass auch das Kind infiziert sei.

Mit der Zeit rückt das Todesurteil in den Hintergrund. Sie lebt. Mitte der Neunzigerjahre verschlechtert sich jedoch ihre Gesundheit. "Die Medikamente, die damals entwickelt wurden, kamen gerade rechtzeitig."

Zwei Jahre braucht sie, um sich zu erholen. Dann wird sie schwanger. Sie will das Kind. Sie hat die Idee, in der Zeit, in der sich die Organe beim Kind bilden, die Medikamente vorübergehend abzusetzen. "Im Bekanntenkreis heißt es: Rabenmutter." Das Kind wird mit Fruchtblase im achten Monat durch Kaiserschnitt geholt. Sie stillt auch nicht. "Glück gehabt", sagen ihre Mutter, ihre Schwester. "Dass das alles wohlüberlegt war, sehen sie nicht."

Seit Jahren leitet Brigitte P. eine Selbsthilfegruppe HIV-positiver Frauen in Berlin. Sie ist eine Mahnerin geworden: "Frauen, schützt euch!" Dann erinnert sie daran, dass es Frauen gibt, die sich gar nicht schützen können. "Vor allem die Abhängigkeit der Türkinnen, Araberinnen, Afrikanerinnen von ihren Männern auch in Deutschland bringt mich in Rage", sagt sie. "Die haben doch gar nicht die Macht, zu denen zu sagen: Wenn du fremdgehst, benutz wenigstens bei mir ein Kondom." Und was, wenn sie schwanger werden?, fragt sie noch.

Viele infizierte Frauen sind jung und haben - zumindest in den Industrieländern - die Chance, mit Medikamenten ein normales Alter zu erreichen. Zum Lebensentwurf der meisten Frauen aber gehören Kinder. HIV-positive Frauen haben bei guter Betreuung zu 99 Prozent die Chance, ein gesundes Kind bekommen. In großen Städten gibt es spezialisierte Kliniken. In Berlin ist sie im Virchow-Krankenhaus.

"Ungefähr 50 Entbindungen positiver Frauen betreuen wir im Jahr", sagt die Leiterin Cornelia Feiterna-Sperling. Gynäkologen seien nach neuen Richtlinien gehalten, Schwangeren einen HIV-Test anzubieten. "Natürlich ist das ein Schock, wenn die Frauen erfahren, sie sind positiv", sagt Feiterna-Sperling. "An der Infektion der Mutter können wir nichts ändern. Wir können aber dafür sorgen, dass das Kind gesund ist." Infizieren kann es sich während der Schwangerschaft, bei der Geburt und beim Stillen.

Jessica J. brachte vor drei Jahren einen Sohn zur Welt. Die Waliserin wohnt in einer Kleinstadt bei Hannover. HIV-positiv ist sie seit 20 Jahren. "Ich wollte Blut spenden. Dann kam ein Brief: Sie sind positiv. Ich wusste gar nicht, was das bedeutet." Als sie es wusste, lebte sie eine Weile auf der Überholspur: "Wenn ich schon sterbe, kann ich auch rauchen, trinken, tun, was mir Spaß macht."

Vor 16 Jahren lernt sie Andreas kennen. Da ändert sich ihr Leben. Mit ihm zieht sie in die norddeutsche Kleinstadt und baut an einer Zukunft mit Eigenheim und perfektem Ausweichen auf Fragen nach Kindern. "Vor vier Jahren aber fragten wir uns plötzlich: Warum eigentlich nicht?" Sie ist zwar positiv, braucht zu diesem Zeitpunkt aber noch keine Medikamente.

Zielbewusst nehmen die beiden das Kinderprojekt in Angriff. Samt künstlicher Befruchtung. Obwohl selbst dies nicht mehr nötig ist, wenn positive Frauen schwanger werden wollen.

Durch den Kinderwunsch kommt Jessica in Kontakt mit der Schwerpunktpraxis in Osnabrück. Und durch diese in Kontakt mit anderen betroffenen Frauen. "Das war eine Riesenüberraschung. Ich habe erst da kapiert: Ich bin nicht die Einzige." Zum ersten Mal outet sie sich unter Gleichen: "Ein Wahnsinnsgefühl!" Seither versucht sie, sich immer mehr Freunden, Verwandten und Nachbarn zu öffnen. Eine Gratwanderung, denn gleichzeitig hat sie Angst: "Angst vor Diskriminierung. Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren. Am schlimmsten: die Angst, mein Kind wird stigmatisiert."

Andreas, Jessicas Mann, der lässig gegen den Schrank in der Küche lehnt, empfindet die neue Offenheit als große Entlastung. Endlich kann man darüber sprechen. "Stigmatisiert werden die HIV-Positiven, weil alle, die kein HIV haben, meinen, es geht sie nichts an. Das allerdings meinen sie, weil Leute wie wir nicht darüber sprechen."

Als Partner oder Partnerin eines positiven Menschen nämlich "muss man sich genauso schützen, als wäre man positiv. Man muss genauso lügen. Man ist genauso krank", meint er. "Kommt noch die Angst hinzu, sich zu infizieren, wenn beim Sex mal das Kondom reißt."

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