Documenta-Chefin über ihre Kunstidee

"Ich mag keinen 'Ismus'"

Sie ist US-Amerikanerin italienisch-bulgarischer Herkunft und liebt das ruhige Kassel. Carolyn Christov-Bakargiev, die designierte Chefin der documenta 13, spricht über Feminismus und Kunst.

Möchte anderen Frauen ein Vorbild sein: Documenta-Chefin Carolyn Christov-Bakargiev. Bild: ap

taz: Frau Christov-Bakargiev, Sie wurden als zweite Frau in der Geschichte zur Chefin der documenta erkoren. Verstehen Sie sich als Feministin?

Carolyn Christov-Bakargiev: Mein Denken ist sehr stark vom Feminismus geprägt. Autorinnen wie Julia Kristeva, Judith Butler, Laura Mulvey, Carla Lonzi und Lucy Irigaray haben mich beeinflusst. Zum Beispiel, dass das Persönliche und das Öffentliche miteinander verwoben sind und dass Bildende Kunst einen Raum für Erzählungen hat. Ich würde sagen, dass sich mein Denken im Kräftefeld von Strukturalismus, Semiotik, Psychologie und Feminismus entwickelt hat. Für die Kunst habe ich mitgenommen, dass Widersprüchliches, Ungewisses und selbst ein Scheitern, aus dem etwas Neues entstehen kann, für eine Ausstellung sehr lohnend und interessant ist.

Und persönlich, was bedeutet es Ihnen, documenta-Chefin zu sein?

Ich bin sehr stolz, dass ich es als zweite Frau geschafft habe. Ich hoffe, ich kann anderen ein Vorbild sein, denn es gibt heute sehr viele hervorragende junge Kuratorinnen, Künstlerinnen und Kunsthistorikerinnen. Ich würde sagen, sie bilden die dritte Generation, die man postfeministisch nennen könnte, weil für sie das Geschlecht wirklich keine Rolle mehr spielt. Ich gehöre zur zweiten Generation.

Im Jahr 2000 haben Sie in New York mit 150 Künstlern die Ausstellung "Greater New York" am P.S.1 kuratiert. Wie kam es dazu?

Ich hatte mit Alanna Heiss für die Ausstellung "Molteplici Culture" in Rom und für die Venedig Biennale zusammengearbeitet, zu der wir 1993 eine Hommage an John Cage beitrugen. Nach New York ans P.S.1 hat sie mich als europäische Kuratorin eingeladen, obwohl ich gebürtige US-Amerikanerin bin. Meine Eltern stammen aus Italien und dem Balkan. Ich bin zurück nach Europa gegangen, habe in Pisa studiert und danach als unabhängige Kuratorin gearbeitet. Als ich wieder nach New York kam, waren Zeit und Geld für die geplante Ausstellung knapp, nur Platz hatten wir jede Menge. Ich regte an, etwas mit Künstlern aus der Stadt zu machen. Das traf zu meiner Überraschung auf keine so große Begeisterung. New York befand sich damals in einer merkwürdigen Selbstverachtung, als sei überall mehr los, in Mumbai oder wo auch immer.

Ihre europäische Herkunft beschäftigte Sie als US-Amerikanerin?

Mein Vater, er lebt noch, ist Bulgare. Er kam nach dem Zweiten Weltkrieg nach Italien, um Medizin zu studieren. Er hat mir erzählt, dass er in Triest aus dem Zug gestiegen ist. Er war von zu Hause gewohnt, dass die Zwischenhalte einige Zeit dauerten. Aber als er zurückkam, waren der Zug und all seine Habe darin fort. Er stand ohne Papiere und Geld da. Irgendwie schaffte er es aber doch, sich nach Turin durchzuschlagen und an der Fakultät angenommen zu werden. In einer Straßenbahn traf er meine Mutter. Sie war eine sehr radikale Frau, die sich gegen die Konventionen stellte. Und jetzt verliebte sie sich in diesen Mann und setzte es in ihrer Familie durch. Er konnte sein Studium vollenden, aber danach war es ihm verboten, in Italien zu arbeiten. Deshalb gingen meine Eltern in die USA. Wir lebten in New York und Washington.

Hat sich ihr Migrationshintergrund auf Ihre Sicht der Kunst ausgewirkt?

Er ist vermutlich der Grund dafür, dass ich eine große Abneigung gegen Vereinheitlichungen habe und mehrdeutige, manchmal unvereinbar erscheinende Sachverhalte nebeneinander bestehen lassen will. Ich mag keinen "Ismus". Modernismus, Postmodernismus - das gibt es doch im Grunde gar nicht, dahinter verbergen sich doch so viele verschiedene Strömungen! In den 1990er Jahren habe ich gerne mit den Begriffen "Zentrum" und "Peripherie" gearbeitet, weil sie damals frisch waren und halfen, die Diskussion zu strukturieren. Heute verwende ich diese Begriffe nicht mehr, sie wurden zu modisch und bekamen einen falschen Klang.

Okwui Enwezor hat mit seiner documenta 2002 versucht, die herkömmliche Lesart von Moderne und Postmoderne zu unterwandern. Ihr Vorgänger Roger M. Buergel wollte andere Verbindungslinien durch die Kunst- und Kulturgeschichte ziehen. Sie werden in dieser Richtung weiter machen?

Ich weiß heute nicht, wie die 13. documenta 2012 in Kassel aussehen wird oder welche Künstler dabei sein werden. Ich rede hier bewusst nicht über einzelne Namen. Ich habe alle documenta-Ausstellungen seit der von Manfred Schneckenburger 1987 gesehen, möchte mich aber nicht dazu äußern, wie ich sie gefunden habe. Ich wünschte, man würde aufhören, immer über den Kurator als Held zu reden! Was denkt Enwezor? Was denkt Catherine David? Es ist besser, wenn man sich an 2 bis 3 Arbeiten erinnert und über diese spricht.

Die documenta galt lange als zentrale Schau für Gegenwartskunst. Inzwischen gibt es aber viele Mega-Ausstellungen und Biennalen auf aller Welt. Sie haben zuletzt die Sydney Biennale mit 180 Künstlern kuratiert. Beeindruckt Sie die Aufgabe überhaupt noch?

Doch, Kassel und die documenta sind wichtig. Es herrscht dort ein ruhiger Rhythmus, nicht nur wegen des Abstands von je fünf Jahren zwischen den einzelnen Ausstellungen, sondern auch wegen der Geschichte zurück bis 1955. Damals wurde die documenta als Antithese zu der Nazi-Ausstellung "Entartete Kunst" ins Leben gerufen. Es ging darum, Kunst als Motor der Emanzipation und Freiheit zu zeigen, und nicht länger als etwas, das gefährlich ist und kontrolliert werden muss. Ich glaube, dass diese Tradition und der lange Pendelschlag hilft, etwas gegen den Kult der Schnelllebigkeit zu setzen. Aber auch andere internationale Ausstellungen sind wichtig, denn sie betonen lokale Traditionen und fördern den Bezug einer ganz bestimmten Region zur Kunst. Ich glaube, dass die Dezentralisierung in der Kunstwelt eine gute Offenheit erzeugt.

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