Lese-Studie IGLU

"Urangst vor Verlust des Deutschen"

Die Lernforscherin Havva Engin möchte, dass Kinder aus Einwandererfamilien mehr in ihrer Muttersprache lesen. Denn das hilft ihnen später auch deutsche Bücher zu lesen.

Nicht nur im deutschen, auch in der Muttersprache muss die Lesekompetenz von Kindern gefördert werden. Bild: dpa

taz: Frau Engin, Migranten schneiden bei Iglu durchweg schlechter ab - wie kommt das?

Havva Engin: Es bestätigt sich wieder, was wir aus anderen Studien bereits wissen: dass in Deutschland der Bildungserfolg stark von sozialer Herkunft abhängt. Und da sich ein Großteil der Migranten aus sozial schwächeren Schichten rekrutiert, muss uns das Ergebnis nicht wundern. Kinder aus sozial schwachen Elternhäusern, ob mit Migrationshintergrund oder ohne, gehören nicht zu den Leistungsstarken. Und wir wissen auch, dass gerade diese Klientel in Deutschland nicht angemessen gefördert wird.

Wo liegt die Lösung: In der Familie oder in der Schule?

Das ist eine Gemengelage von Problemen. Wenn Kinder von zuhause aus schlechte Startbedingungen haben und das in den vorschulischen Bildungseinrichtungen nicht ausgeglichen wird, dann muss die Schule das auffangen. Bei uns wurde da lange Zeit wenig unternommen, deshalb häufen sich die Versäumnisse: Je mehr diese Kinder in ihrer Bildungskarriere voranschreiten, desto größer werden ihre Probleme.

Wie kann man das ändern?

Um das zu verändern, muss man sowohl in der Familie wie auch in der Schule ansetzen. Und da müssen wir in Deutschland mal weg von einer Haltung, die auch unter Pädagogen verbreitet ist. Sie lautet: Wenn Eltern nicht vernünftig deutsch können, kann man mit ihnen nicht kooperieren. Das ist Quatsch! Lesekompetenz von Kindern kann man auch in deren Erstsprache fördern. Wenn türkische Eltern schlecht deutsch sprechen, muss man sich fragen, wie man sie in ihrer Muttersprache zum Vorlesen motiviert. Man muss die Potenziale der Eltern erkennen und wertschätzen, damit sie diese für die Entwicklung ihrer Kinder nutzen und ihnen nicht immer nur ihre Defizite vorhalten.

Warum können unsere Schulen das nicht?

Weil bei uns bildungspolitisch immer noch der Grundsatz vorherrscht: Deutsche Schule vermittelt deutsche Sprache und deutsche Kultur. Wir haben eine Urangst, dass uns das Deutsche streitig gemacht werden könnte. Außerdem kommen Themen wie interkulturelles Lernen oder das Aufwachsen in einer mehrsprachigen Gesellschaft nicht genug in der Lehrerausbildung vor. Die Pflicht, solche Veranstaltungen zu besuchen, müsste auf alle Ausbildungsphasen ausgedehnt werden. Und die Lehrer müssten begreifen, wie wichtig solche Kenntnisse sind: Sie erleichtern ihre Arbeit!

Was machen andere Länder besser?

Mit Ländervergleichen muss man vorsichtig sein. In Stadtstaaten häufen sich negative soziale Faktoren mehr als im Flächenstaat. Dort gibt es eine andere Zusammensetzung der Schülerschaft und die LehrerInnen können besser auf einzelne Kinder eingehen. In Berlin dagegen gibt es Schulen, die nur von Kindern aus ähnlich schwierigen Kontexten besucht werden. Das ist eine viel größere Herausforderung für Lehrer, da braucht man andere Unterrichtskonzepte, andere Angebote. Man braucht kleinere Klassen, mehr Lehrerfortbildung, Ganztagsschule und ganz andere Förderangebote für die Kinder im Nachmittagsbereich.

Geben Sie uns doch mal ein Beispiel für gute Förderung.

Mein Lieblingsprojekt kommt aus Kanada: Da werden eingewanderte Mütter schon im Kreißsaal mit Büchern beschenkt - in Englisch und ihrer Herkunftssprache. Eltern von Einjährigen werden zu Lesehappenings in Bibliotheken eingeladen. So wird Eltern nicht nur vermittelt: Lesen ist wichtig. Sondern auch, wie Leseförderung geht. So werden auch Menschen ans Lesen herangeführt, die aus Kulturen kommen, wo das vielleicht keine so große Rolle spielt.

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