KZ-Besuch von Sänger Johannes Heesters

Ein Tag, ein Leben

Darf man sagen, Johannes Heesters habe im KZ Dachau gesungen? Der Autor Volker Kühn meint ja. Deswegen steht er nun in Berlin vor Gericht. Am Dienstag wird das Urteil erwartet.

Tenor im Terrorlager: Vor zwei Jahren aufgetauchtes Fotos, das Heesters (l.) im KZ Dachau zeigt. Bild: dpa

Genau 38.364 Tage ist Johannes ("Jopie") Heesters heute auf der Welt. Was ist da schon ein Tag in diesem langen Leben des seit 70 Jahren gefeierten Schauspielers und Operettensängers, der gerade 105 Jahre alt geworden ist? Es sind knapp 0,0026 Prozent, ein Spurenelement, ein Nichts. Und doch droht dieses Nichts, dieser eine Tag, der 21. Mai vor 67 Jahren, ein Lebenswerk, ja ein Leben zu zerstören. An diesem Frühlingstag des Jahres 1941 war der niederländisch-österreichische Tenor im KZ Dachau. Im grauen Sakko, als Gast der Lagerleitung. Und was hat er da gemacht?

Darum dreht sich ein absurd-trauriger Rechtsstreit, in dem am heutigen Dienstag das Urteil ergehen soll. Die Zivilkammer 27 des Landgerichts Berlin unter dem Vorsitz von Richter Michael Mauck soll darüber urteilen, ob der Berliner Autor Volker Kühn seine in einem Radiofeature gemachte Aussage widerrufen muss, Heesters habe vor den KZ-Wächtern gesungen. Heesters bestreitet, in Dachau aufgetreten zu sein - und gesungen zu haben. Dass er da war, bestreitet er jedoch nicht. Und vor zwei Jahren aufgetauchte Fotos belegen dies.

Gesungen oder nicht - darüber wurde vor knapp drei Wochen im Saal 143 des Landgerichts gestritten. Und zwar heftig. Heesters Münchner Anwalt Gunter Fette, ein ernster Mann mit schwarzem Haarkranz, fuhr Kühns Rechtsbeistand, den Berliner "Staranwalt" Peter Raue, vor dem Gericht mächtig an: "Herr Kollege, Sie sind nicht ganz bei Trost", sagte er zweimal, "Sie zitieren permanent falsch." Und: "Sie lügen schon wieder." Raue, ein Mann mit Fliege und wilden weißen Haaren, hatte sich ein wenig besser unter Kontrolle. Gleichwohl warf er Fette, wie dieser direkt vor dem Richterpult stehend, eine "vorsätzliche Fälschung eines Textes" vor: "Ich finde das Prozessbetrug."

Der Richter blieb gelassen. Nach etwa einer Stunde erklärte er: "Beide Seiten haben ihre Argumente." Ein weiterer Streit vor Gericht "führt nicht weiter". Außerdem könne man heute, Jahrzehnte nach dem Geschehen im KZ und dem Tod fast aller Zeugen, kaum mehr rekonstruieren, was damals wirklich passiert sei: "Wir wissen nicht, was los war."

Tatsächlich ist das unklar. Heesters schrieb 1978 in seiner Autobiografie, deutlich verharmlosend: "Das Lager wirkte auf uns wie ein typisches Soldatenlager, es sah so aus wie ein Arbeitsdienst- oder Hitlerjungenlager, die man aus den Illustrierten kannte. Wir trafen ein, heuchelten Interesse, ein Soldat knipste uns mit seiner Privatbox, und wir fuhren wieder nach Hause. Am Abend, so glaube ich, hatte ich bereits wieder Vorstellung."

Heesters wurde gefeiert im Dritten Reich. Siebenmal soll Hitler ihn in der Rolle des Grafen Danilo aus Franz Lehárs "Die Lustige Witwe" mit dem Evergreen "Da geh ich ins Maxim" gesehen haben. Heesters war zur Zeit des KZ-Besuchs der Gastsolist des Münchner Gärtnerplatztheaters. Das ganze Ensemble hatte eine "Einladung" zu Besuch des KZ bekommen. Der damals 37-jährige Heesters verstand nach eigenen Angaben diese "Einladung" als Befehl, dem zu folgen er sich verpflichtet fühlte.

Aber spielte das Ensemble dort? Im Gärtnerplatztheater trat Heesters damals im musikalischen Lustspiel "Axel an der Himmelstür" von Ralph Benatzky auf. Es gibt ein Gruppenfoto des KZ-Besuchs, das Ensemblemitglieder im Kostüm zeigt. Heesters aber ist immer nur in Straßenkleidung zu sehen - zumindest auf den 27 Fotos, die von ursprünglich 52 in einem Prachtband des Berliner Schwarzkopf-und-Schwarzkopf-Verlages 2006 publiziert wurden. Herausgegeben wurde der Band von Heesters Frau Simone Rethel.

SS-Sturmbannführer Alex Piorkowski, Leiter des KZ Dachau, ließ nach dem Besuch des Ensembles ein Fotoalbum anfertigen, das er den Schauspielern zusandte. Darin schrieb er: "Den lieben Künstlern, die uns am 21. 5. 1941 durch einen frohen und heiteren Nachmittag im K.L. Dachau erfreuten, gewidmet." Hat man in einem KZ schon durch den Besuch eines Theaterensembles und ohne Vorstellung einen "frohen und heiteren Nachmittag"? Ist vorstellbar, dass das Ensemble spielte ohne seinen Star Heesters?

Der Beklagte Volker Kühn sagte vor Gericht: Wenn Schauspieler nach Dachau kamen, und Heesters Truppe war nicht die einzige, dann gab es der Forschung nach dort auch immer einen Auftritt. Gezeigt wurde vor Gericht mithilfe eines von einem Zuschauer geliehenen Laptops auch ein Ausschnitt eines Interviews, das Kühn 1990 mit einem Überlebenden des KZ Dachau geführt hatte: mit Viktor Matejka. Der Zeitzeuge, damals 90 Jahre alt, sagte, er habe Heesters in diesem KZ gastieren sehen, ja sogar den Vorhang bei dieser Aufführung gezogen - Matejka aber ist mittlerweile gestorben. Nachfragen sind nicht mehr möglich. Und Heesters Anwalt Fette ritt, um seinen Mandaten zu entlasten, beim Prozess auf der Tatsache herum, dass man aus Matejkas dürren Sätzen entnehmen müsse, die Aufführung sei abends gewesen. Das könne aber nicht stimmen. Heesters habe doch erwiesenermaßen am Abend des 21. Mai 1941 wieder in München gespielt, eben im Gärtnerplatztheater.

Gut möglich, dass die Sache tatsächlich nicht mehr zu klären ist. Immerhin, einiges spricht für einen Auftritt Heesters. Und deshalb zeigte sich Anwalt Raue auch nach dem Ende des Prozesses zuversichtlich. "Einen Widerruf kriegt er auf gar keinen Fall", sagte er im Flur vor dem Prozesssaal. Schließlich seien Kühns Aussagen schon durch die Freiheit der wissenschaftlichen Erkenntnis gedeckt.

Der Kläger, Johannes Heesters, schweigt unterdessen zu der ganzen Affäre. Eine schon vor Wochen an seinen Agenten gestellte Interviewanfrage der taz wurde negativ beschieden, Termingründe, es gehe nicht anders. Nicht gerade förderlich war sicher auch ein Interview, das Heesters kurz vor seinem 105. Geburtstag einer niederländischen Satire-Sendung gab. In seinem Geburtsland ist Heesters bei vielen als Kollaborateur der Nazis verhasst. Bei Auftritten dort wurde früher gern "Heesters - SS" gerufen. Die Heesters-Geschichte hat den bekannten niederländischen Schriftsteller Harry Mulisch zu seinem Roman "Höchste Zeit" inspiriert.

Bei dem Interview mit dem niederländischen Sender rückte der Reporter, ganz in Schwarz, sehr nahe an Heesters heran, der in einer Art überdimensionalen Baby-Essstuhl saß und rauchte. Die Fragen waren auf Holländisch, der 105-Jährige, fast erblindet, antwortete bezeichnenderweise auf Deutsch: Ob Hitler ein guter Kerl gewesen sei, fragte der Interviewer. Heesters: "Adolf Hitler, ja Gott, ich kannte ihn wenig. Ein Kerl, weißt du, das war er." - "Ein was?", fragt der Reporter. "Ein guter Kerl", antwortet Heesters. Der Interviewer hakt nach: "Ein guter Freund?" - "Ja", sagt Heesters. Da mischt sich seine Frau Simone Rethel ein: "Nein, Jopie, was redest du?" Heesters wirkt verwirrt: "Was?" - "Das war doch kein guter Kerl, der Hitler", fährt sie ihn an. "Na ja, das war er nicht, aber für mich war er nett." Rethel: "Jopie, Hitler war der größte Verbrecher auf der ganzen Welt." - "Ja, das weiß ich doch." "Da kannst du doch nicht sagen, er war ein feiner Kerl. Was redest du für dumme Sachen."

Simone Rethel versuchte nach dem Katastrophen-Interview zu retten, was nicht mehr zu retten war. In einer Presseerklärung betonte sie: "Die schreckliche Antwort wurde meinem Mann in den Mund gelegt." Und weiter: "Die zynischen Fragen des Interviewers kann ein 105-Jähriger nicht mehr durchschauen." Ihr Mann sei "mit den Fragen nach Hitler hereingelegt" worden. "Damit versucht man zweifellos, das Lebenswerk meines Mannes zu zerstören."

Heesters hat sich in der Nazizeit angepasst an das mörderische Regime - auch Gustaf Gründgens, Marika Rökk oder Heinz Rühmann taten dies. Gerade Rühmann ist, trotz ähnlicher, sagen wir: Flexibilität, auch nach dem Krieg ein Publikumsliebling geblieben. Kühn sagte vor dem Prozess, Heesters habe sich "in nichts unterschieden von anderen Künstlern". Heesters profitierte in der Nazizeit von der Emigration wichtiger deutscher Tenöre ins Ausland. Er besuchte ein KZ, täuschte keine Grippe vor und ließ sich fotografieren. Heesters will am Ende seines Lebens partout gerichtlich feststellen lassen, dass er im KZ nicht gesungen habe. So, und durch ein TV-Interview, zerstört man sein Lebenswerk selbst.

Am Abend der Gerichtsverhandlung in Berlin wurde Heesters mal wieder ein "Bambi" verliehen. Er konnte nicht dabei sein. Heesters soll jetzt, bis zu seinem Tod, jährlich einen solchen TV-Preis erhalten, das wurde ihm schon vor einem Jahr zugesichert. Der Moderator der diesjährigen "Bambi"-Verleihung, Harald Schmidt, erwähnte den Prozess mit keinem Wort. Er nannte Heesters "den Grandseigneur unserer Branche überhaupt". Der Applaus für die Ehrung blieb mau. Am Samstag vergangener Woche entschuldigte sich Johannes Heesters während der Fernsehsendung "Wetten, dass ..?" vor einem Millionenpublikum für sein "Guter Kerl"-Geschwätz.

Gesegnet ist, wer lange leben darf. Aber manchmal entscheiden sich auch lange Leben ganz schnell. An einem einzigen Tag.

Einmal zahlen
.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben