IMK-Chef über die Rezession: "Prognosen lösen keine Krise aus"

Mit ihren Rezessionsvorhersagen verbreiten Forscher keine Panik, meint IMK-Chef Gustav Horn. Sie klären darüber auf, was möglich ist - allerdings unterschiedlich gut.

"Ohne Vorhersagen könnten sich die Politik und die öffentlichen Institutionen nicht auf die Zukunft einstellen." Bild: dpa

taz: Herr Horn, man kann gar nicht so schnell gucken, wie die Konjunkturforscher ihre Prognosen immer weiter nach unten korrigieren. Sind die so schlecht, dass man ständig nachbessern muss?

Gustav Horn: Auch gute Prognosen sind unsicher. Wie sehr, das hängt davon ab, wie kompliziert die wirtschaftlichen Zusammenhänge sind, die sie einfangen müssen. Die aktuelle Situation, wo verschiedene Krisen zusammenkommen und es um die gesamte Weltwirtschaft geht, ist sehr kompliziert. Wir haben Deutschland sehr gut im Blick, aber viele Faktoren, die im nächsten Jahr eine große Rolle für die Wirtschaftsentwicklung spielen werden, haben sich in den deutschen Daten noch gar nicht richtig niedergeschlagen.

Aus unsicheren Prognosen kann man nichts lernen, sagt der Chef des größten deutschen Wirtschaftsforschungsinstituts DIW, Klaus Zimmermann. Er schlägt deshalb ein Moratorium vor.

Das ist Unsinn. Aber tatsächlich waren die Prognosen des DIW zuletzt Substandard. Im Sommer, als alle anderen Institute längst die Risiken sahen, beharrten seine Experten noch darauf, dass die deutsche Wirtschaft bestens gewappnet sei. Die haben jetzt ein Problem. Doch wenn plötzlich niemand mehr Prognosen abgeben würde, würden die Spekulationen umso mehr ins Kraut schießen, was wohl dahintersteckt. Und das würde niemandem helfen.

Was machen Sie im IMK anders als etwa das DIW?

Das DIW arbeitet, wie viele Institute in Deutschland, mit Modellen, in denen Krisen nur in Dellenform vorkommen. Das heißt, sie gehen davon aus, dass der Markt nur kurzfristig aus dem Tritt kommen kann und sich automatisch schnell wieder beruhigt. Das ist eine Frage der Philosophie. Aber diese Modelle taugen jetzt überhaupt nichts. Wir arbeiten mit keynesianischen Modellen, in denen auch lang andauernde Krisen möglich sind.

Die meisten Prognosen haben diesmal enorme Spannweiten. Das IMK hält - mit unterschiedlichen Wahrscheinlichkeiten - ein Wirtschaftswachstum von plus 1 Prozent, aber auch einen Rückgang von 1,8 bis 3,5 Prozent für möglich. Das heißt doch, man weiß gar nichts!

Wir arbeiten schon seit längerer Zeit mit Risikoszenarien: Wir entwickeln die wahrscheinlichste Prognose - in diesem Fall ist das, dass die Wirtschaft um 1,8 Prozent einbricht. Und dann sehen wir uns an, was alles schiefgehen könnte. Und auch, was passieren müsste, damit es besser wird. Das gehört zur Bewältigung der Unsicherheit und bringt mehr Transparenz. Es informiert die Öffentlichkeit darüber, was alles möglich ist. Wenn sie die Prognose dann noch mit der anderer Institute vergleicht, hat sie ein ganz gutes Bild.

Die Bundesregierung warnt davor, dass zu viele negative Prognosen die Stimmung nur weiter verschlechtern und so zu sich selbst erfüllenden Prophezeiungen werden. Was halten Sie davon?

Man kann nicht ernsthaft glauben, dass der Konsum zurückgeht oder die Franzosen nichts mehr bei deutschen Firmen bestellen, weil Konjunkturexperten eine schlechte Entwicklung vorhersagen. Prognosen allein lösen mit Sicherheit keine Krise aus. Das wäre eine völlige Überschätzung.

Mal ganz blasphemisch: Wozu brauchen wir überhaupt Prognosen?

Ohne Vorhersagen könnten sich die Politik und die öffentlichen Institutionen nicht auf die Zukunft einstellen. Der Sinn von Prognosen ist doch, dass sie dafür sorgen, dass die Politik mit der Realität in Verbindung bleibt. Vor allem die Negativszenarien zeigen, was passiert, wenn die Wirtschaftspolitik nicht handelt, sondern wartet. Sie lassen sich deshalb auch widerlegen - dadurch, dass die Wirtschaftspolitik jetzt die richtigen Instrumente einsetzt, um die Konjunktur zu stimulieren. Wenn das erreicht wird, wären sie wertvoll wie nie - auch wenn sie letztlich gar nicht eintreffen. Sie haben dann dabei geholfen, Kosten und Nutzen richtig einzuschätzen.

INTERVIEW: BEATE WILLMS

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