Über Essen und Strafen

Verbotene Speisen

Wer isst, zerstört: Essen und Ethik haben viel miteinander zu tun. Aus gegebenem Anlass einige Überlegungen zum Verhältnis von Ernährung und Schuld.

Die Erdbeere: Unschuldiges Vergnügen oder Sünde? Bild: ap

Irgendwie ist beim Essen von Anfang an der Wurm drin. Das beginnt schon mit Adam und Eva: Einmal ins falsche Obst gebissen und dafür nie wieder Paradies. Ganz abgesehen davon, dass diese reichlich überdeterminierte Szene den ersten menschlichen Freiheitsakt in der Bibel markiert, scheint beim Sündenfall nicht von ungefähr ein Zusammenhang zwischen Essen und Strafen hergestellt zu werden. So bildet das wohl berühmteste biblische Nahrungsverbot eine Art Blaupause für die Unterscheidung zwischen "reiner" und "unreiner" Speise.

Von Speise und Trank im moralischen Sinne ist im biblischen Pentateuch, den fünf Büchern Mose, oft zu lesen. Ein weiteres markantes Beispiel sind die koscheren Speisegesetze mit der Grundregel zur Trennung von Milchigem und Fleischigem: "Du sollst das Böcklein nicht kochen in der Milch seiner Mutter." Diese Gesetze gelten im Judentum bis heute.

Warum befassen sich religiöse Vorschriften mit etwas so Banalem wie Essen? Und warum werden sie eingehalten?

Dass es strenge Regelungen für Nahrung gibt, hat einen guten religionspolitischen Sinn. Gerade der elementare Charakter des Essens, seine Notwendigkeit als "Lebensmittel", macht sie besonders geeignet für identitätsstiftende Zwecke. Wenn ich vorschriftsgemäß bestimmte Speisen esse und andere meide, gebe ich mich damit als Angehöriger der Gemeinschaft zu erkennen, für die diese Regeln gelten. Mehr noch, mit der Aufnahme und dem Verzehr der Speise "verleibe" ich mir eine bestimmte Identität ein, ich eigne sie mir mit der Speise buchstäblich an. Umgekehrt gilt, dass ich mich durch die falsche Nahrung von dieser Gemeinschaft ausschließe. Mein Körper, der die verbotene Speise aufnimmt, sondert sich damit von anderen ab, und ich verliere meine Identität als (guter) Jude, Christ oder Muslim.

Mit der Nahrungsaufnahme geht also eine spezifische Form der Identifizierung einher. Sofern man ist, was man isst, muss man sich mit diesem Essen auch bis zu einem gewissen Grad identifizieren, sei es, um dazuzugehören, oder um sich von anderen abzusondern. Was auf den ersten Blick als archaisches religiöses Relikt erscheinen mag, lässt sich auch in anderen Lebenszusammenhängen beobachten. Statt von reiner und unreiner Speise zu sprechen, braucht man ersatzweise nur die Ausdrücke "richtige" und "falsche Ernährung" zu wählen, schon hat man ein Mantra der gegenwärtigen Ernährungsdiskurse, das so wirksam wie allgegenwärtig ist.

Jeder Esser ist ein Sünder

Ob man Diätratgebern folgt, seine Kost streng vegan ausrichtet oder "Die zehn Regeln der Deutschen Gesellschaft für Ernährung" befolgt, stets orientiert sich die Speisenwahl an der Opposition von richtig und falsch. Die Begründung mag im Einzelnen funktional ("Ich will abnehmen") oder ideologisch ausfallen ("Meat is murder"), normativ ist sie in jedem Fall.

Die Beobachtung mag trivial erscheinen, doch es ist bemerkenswert, wie empfänglich "Konsumenten" für ein normatives Koordinatensystem bei der Ernährung sind - und wie vielfältig und unterschwellig es ausfallen kann. Fragen der Identität stehen anscheinend auch hier an erster Stelle: Will ich zu den Menschen gehören, die schlank sind oder nicht? Will ich einer von denen sein, die Tiere essen oder nicht? Die heutigen Ernährungsdiskurse stellen allem Anschein nach die säkularisierte Form der religiösen Speiseregeln dar, mit derselben identitäts- und gruppenbildenden Funktion.

Folgt man der Psychoanalytikerin Gisèle Harrus-Révidi, dann gibt es nicht nur strukturelle Entsprechungen zwischen religiösen und säkularen Speiseregeln, sondern der Ernährungsdiskurs selbst ist an die Stelle der Religion getreten, so selbstverständlich wird an ihn geglaubt. Hier wie da gilt: "Jeder Esser ist ein Sünder, und er weiß es, aus Gründen, die ihm um so klarer und deutlicher sind, als ihm das Wesentliche unbewusst ist." Das Wesentliche sind laut Harrus-Révidi die "Gefahren der Einverleibung", also das Risiko, sich mit einer falschen Speise aus einer bestimmten Gruppe auszuschließen. Aus diesem Grund ist das Essen für sie eine Angelegenheit, in der das nutrimentale Über-Ich hemmungslos seinen Machtanspruch behaupten und auf nahezu unbedingten Gehorsam zählen kann.

Allerdings stellt sich die Frage, ob die weite Verbreitung normativer Ernährungsregeln ausschließlich auf das Phänomen der Identifizierung zurückzuführen ist. Wie, wenn all diese moralischen Oppositionen nur eine noch grundlegendere Form der Schuld gegenüber dem Essen verdecken, und das womöglich aus guten Gründen? Die Identifizierung hat, wenn man so will, einen Preis. Sich Essen einzuverleiben und anzueignen, bedeutet zwangsläufig auch, das Essen zu zerstören. Gegen diese Zerstörung lässt sich wenig ausrichten, wenn man nicht vollständig auf die Nahrungsaufnahme verzichten möchte. Trotzdem sei einmal bewusst naiv gefragt, ob diese Zerstörung folgenlos ist oder den Essenden in ein Schuldverhältnis gegenüber der Nahrung bringt.

"Man muss wohl essen"

Vegetarier argumentieren, dass es moralisch nicht zu rechtfertigen sei, Tieren zu Ernährungszwecken Gewalt anzutun oder sie anderweitig zu instrumentalisieren. Als Grund für diese Position wird immer wieder die Leidensfähigkeit von Tieren angeführt. Doch warum sollte nur die Leidensfähigkeit ein Grund sein, um Gewalt gegenüber Lebewesen als rechtfertigungsbedürftig zu betrachten? So ließe sich einwenden, dass höchstwahrscheinlich nicht nachgewiesen werden könne, ob Pflanzen in irgendeiner Weise leidensfähig sind, dies jedoch nichts daran ändere, dass man jedem Lebensmittel, gleich welcher biologischen Herkunft, Gewalt antut, um zu überleben.

Es kann nun nicht die Frage sein, ob man besser nicht essen sollte oder zumindest so wenig wie möglich. "Man muss wohl essen", wie der Philosoph Jacques Derrida feststellt.

Vielleicht ist es aber gerade die unausweichlich mit dem Essen verbundene Gewalt, die zur Folge hat, dass man dem Essen gegenüber in fundamentaler Form schuldig ist. In diesem Sinne ist jeder Esser - in einem ganz außerreligiösen Sinne - ein "Sünder". Da dieser Gedanke alles andere als selbstverständlich ist, sei darauf hingewiesen, dass die Schuld, um die es geht, keine moralische Kategorie ist, sondern eine existentielle. Schuldig ist man dem Essen gegenüber nicht durch Fehlverhalten, also durch Verstoß gegen bestimmte Normen, sondern durch ein konstitutives Gewaltverhältnis, zu dem es keine Alternative gibt.

Alle normativen Essensregeln, die man befolgt, dienen - aus dieser Perspektive gesehen - lediglich dazu, die existenzielle Schuld zu moderieren und handhabbar zu machen. Ob man also will oder nicht, gibt es bei der Nahrung Rechtfertigungszwänge, denen von der Mehrheit der Essenden durch vorauseilenden Gehorsam entsprochen wird.

Ein Ausweg aus dem normativen Verhältnis zum Essen, in welcher Form auch immer, scheint nicht in Sicht, denn "man muss wohl essen". Auch auf "Erlösung durch Sünde", um eine Formel des Judaisten Gershom Scholem zu entlehnen, kann man beim Essen kaum hoffen. Lediglich die Kulinarik bietet sich, wenn nicht als Ausweg, so doch als nicht-normative Möglichkeit an, sich zum Essen zu verhalten, ohne von den skizzierten Ernährungsdiskursen geleitet zu werden.

Eine kulinarische Haltung gegenüber der Nahrung liefe auf den ersten Blick darauf hinaus, dass sich das Essen nur noch als ästhetisches Phänomen rechtfertigen lässt. Selbst bei dieser Strategie sind freilich Bedenken anzumelden, denn auch die Kulinarik kann dem Normativitätsdilemma nicht vollständig entgehen: So haben Sternekoch Johann Lafer und Bundesminister Horst Seehofer vor kurzem die Initiative "Köstliches Deutschland - Geschmackstage 2008" ins Leben gerufen, mit der sie "dem Genuss, der Esskultur, der Geselligkeit sowie der Wertschätzung von qualitativ hochwertigen Lebensmitteln wieder mehr Bedeutung verleihen" wollen. Auch "Wohl-Essen" ist ein Imperativ. Doch besser, wir haben es mit einer verfeinerten Essensmoral zu tun als mit einer repressiv-genussfeindlichen. Die Wertschätzung des Essens ist - auch als Ethos - nicht die schlechteste Form der Sünde.

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