Alles muss raus

Die Blöße der Bürger

In der NDR-Sendung "lieb & teuer" können Bürger ihre Kunstgegenstände von Experten schätzen lassen. Wie viel sie wert sind, erfahren sie dann vor laufender Kamera - das macht ihre Reaktionen authentischer. Und die Sendung zu einem Seismografen der Krise des deutschen Bildungsbürgertums

Beim Casting für "lieb und teuer": Dr. Karl Hennig, Experte für ostasiatische Kunst, begutachtet den Buddha von Peter und Christiane Enders Bild: ULRIKE SCHMIDT

Ein Goethe-Kopf, der Alte Fritz, Gläser von Émile Gallé, Erstausgaben, Uhren. Auf einem Ölgemälde schneits. Draußen auch. Das, was hier in Schloss Reinbek geschieht, hat sehr viel mit dem zu tun, was draußen passiert, in der Welt der Banken und Börsen.

Die Fernsehsendung "lieb & teuer" des NDR funktioniert so, dass Bürger Gegenstände aus ihrem Besitz ins Schloss Reinbek bringen, von denen sie nicht wissen, was sie materiell wert sind. Diese Gegenstände werden von Sachverständigen geprüft, und wenn ein interessantes Stück dabei ist, ob echt oder nicht, kommt es in die Sendung, die im Schloss aufgezeichnet wird.

Die Bürger bringen ihren Besitz in Plastikfolien, Bettlaken, Kopfkissen, Bettbezügen und Handtüchern nach Schloss Reinbek. Wenn die Gegenstände in die Sendung kommen, erfahren die Besitzer erst dort, vor laufender Kamera, was sie Wert sind. Weil ihre Reaktion dann authentischer ist.

Die Sendung "lieb & teuer", das kaufmännische "&" ist wichtig, sehen im Sendegebiet um die 190.000 Menschen, über Kabel kommen 260.000 dazu, so dass fast eine halbe Million am Sonntag Nachmittag vor dem Fernseher sitzt, wenn die "norddeutsche Antiquitätenshow" (NDR) ausgestrahlt wird. "Unsere Zuschauer haben eine höhere Bildung als der Schnitt, sie sind über 50 Jahre alt und haben Familie", sagt Marina Bartsch-Rüdiger vom Programmbereich NDR-Kultur, die "lieb & teuer" zusammen mit Renate Jacob redaktionell betreut.

Es sind die deutschen Bildungsbürger, diese geheimnisvollen Wesen, die ihren Besitz hier schätzen lassen, weil sie ihn nicht mehr zu schätzen wissen. Und es sind Bildungsbürger, die sich das angucken. Sie alle besitzen etwas, von dem sie keine Ahnung haben. Womöglich ist dies das Verhängnis des deutschen Bürgertums.

Im NDR-Jargon heißt der Bürger "Kandidat", denn dies ist auch ein Quiz. Die Experten wissen etwas, was die "Kandidaten" nicht wissen, aber herausfinden wollen. Bildung und Besitz, die beiden Momente, die das Bürgertum ausmachen, sind auseinander getreten und kommen hier, vermittelt durchs Fernsehen, für einen Moment wieder zusammen. Die "Kandidaten" bekommen hier "einen Service, für den sie sonst wo bezahlen müssten", erklärt Bartsch-Rüdiger, die auch davon spricht, "dass da ein Mistrauen ist, gegenüber Händlern, die einen übers Ohr hauen könnten, während hier niemand ein Eigeninteresse an den Gegenständen hat".

Das ist der Tausch, und vom Tauschen versteht das Bürgertum mehr als von den Dingen, die es besitzt. Ihr bekommt von uns eine mündliche Expertise, Tipps und Ratschläge. Dafür gebt ihr euch als Banausen zu erkennen, die ihre Familiengeschichte verloren haben.

In dem Raum, in dem die "Kandidaten" auspacken, flimmern Bildschirme für die Recherche der Experten in Online-Datenbanken und es stehen reihenweise Bücher herum. Dort kann nach Preisen geschaut werden. Ein tibetanischer Buddha, 18. Jahrhundert, Amitayus. Der Experte, Dr. Karl Hennig, entscheidet: "Kommt in die Sendung." Christa und Peter Enders schauen sich an.

Wenn die Eltern sterben, dann ist es zu spät, dann kann man sie nicht mehr nach dem Ölschinken überm Sofa fragen. Wenn eine Veräußerung geplant ist, wenn Interesse an der Familiengeschichte erwacht, wenn etwas, das aus der Mode kommt, in Mode kommt, dann kommen die Bürger zur Sendung "lieb & teuer".

Es kommen auch "Kandidaten", die übers Vererben nachdenken, und im Todesfall kein Familienmitglied übervorteilen wollen. Andere müssen etwas verkaufen, auch die brauchen Wissen. Deshalb sind die "lieb & teuer Kunst-Sprechstunden", die sieben Mal pro Jahr im Sendegebiet stattfinden, so beliebt. Etwa 300 Kandidaten kommen jedes Mal und stellen ihre Schätze vor: Spielzeug, Porzellan, Uhren, Asiatika, Bücher, Silber und Bronze, Gemälde.

Der obszöne Moment ist der, auf den alles hinsteuert. In der Sendung ist es immer Moderatorin Ann-Katrin Schröder, die diesen Part übernimmt. Im Moment, in dem die Zahl gesagt wird, kommt es darauf an, das richtige Gesicht zu machen. Keine Entgleisung. Manche ringen um Fassung. Hoffnungen zerfliegen. "Es hat ja keinen Sinn", sagt Bartsch-Rüdiger, "hier unrealistische Werte zu nennen, nur um die Menschen nicht zu enttäuschen." Sie versichert, dass es nicht darum geht, die "Kandidaten" in der Sendung bloß zu stellen, indem die Kamera in diesem Moment deren Gesicht zeigt. Die Bloßstellung liegt schon darin, dass man sein Unwissen eingestehen muss, wenn man hier auftreten will.

Zwei Tässchen von einem böhmischen Kopisten der Porzellan-Manufaktur Wien: Nein, leider nicht handgemalt von Angelika Kauffmann (1741-1807), sondern nur nach ihren Motiven. Aus dem 19. Jahrhundert. Besitzer Jobst von Arnim nimmt es mit Humor, während ein paar Tische weiter "Friedrich der Große" ausgewickelt wird. Radierung, Erbstück, die Vorlage von einem Herrn Bock, von einem Herrn Börner gestochen, nach dem Gemälde von Anton Graff, das im Schloss Charlottenburg hängt. Expertin Heike Lieske schüttelt den Kopf. Ehepaar Hosseinpour ist nicht begeistert.

"Wir stellen häufig fest, dass die Familien-Überlieferungen nicht stimmen", sagt Bartsch-Rüdiger, "in Familien ranken sich oft Legenden um bestimmte Gegenstände." Und so gehen Gudrun und Hermann Zastrow, die der Expertin Dorothée Rather einen Goethe-Kopf und zwei Gallé-Vasen präsentieren, die zweite Vase mit Expertise, mit dem Verdacht, dass bei der Vase mit Expertise beides falsch ist, die Vase und die Expertise. Der Goethe ist aus Marmor, den Rest erfahren sie in der Sendung.

Derzeit greift das Gefühl um sich, es breche alles zusammen. "Lieb & teuer" zeigt, dass vieles schon zusammengebrochen ist. Man merkt es nur erst jetzt.

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