Modenschauen in Paris: Eleganz als Ausweg

Kein Firlefanz, bitte: In Zeiten der Krise suchen auch die Modemacher auf den Herbstschauen in Paris nach neuen Impulsen.

Es ist eine der zentralen Fragen der Mode, was Frauen von ihren Körper zeigen wollen und dürfen, und Martin Margiela machte sie zum Thema seines Defilees. Bild: ap

Auf dem Weg zur Schau von Martin Margiela sind am Eingang zur Metrostation zwei Frauen zu sehen, die in eine schwarze Burka gehüllt sind. Das Sichtfenster, für gewöhnlich aus dünnerem Stoff, ist kaum zu erkennen, aber sicher bahnen sie sich den Weg durch die Menschenmengen auf dem Bürgersteig und betreten eine arabische Buchhandlung.

Natürlich stellt sich nicht nur muslimischen Frauen die Frage, was sie von ihrem Körper zeigen dürfen und möchten und was nicht: Es ist eine der zentralen Fragen der Mode, und Martin Margiela machte sie zum Thema seines Defilees. Der Saal in den Gewölben der Sportarena von Bercy ist dunkel, nur drei grelle Scheinwerfer, die an großen Armen befestigt sind, folgen den Models. Das erste Mädchen trägt nichts als eine hautfarbene Leggings. Mit den Händen bedeckt sie ihre blanken Brüste, und fast ist es einem peinlich hinzusehen, weil es so scheint, als wäre das halbnackte Mädchen in dem Lichtkegel den Blicken ausgeliefert. Ein anderer Entwurf besteht aus einer Hose, deren kühler schwarzer Viskose-Jersey das eine Bein bedeckt und das andere nackt lässt. Die Ärmel des tiefgrünen Oberteils sind lang und doch hoch geschlitzt, sodass bei jeder Bewegung die Haut darunter zu sehen ist.

Schulterpolster aus durchsichtigem Plexiglas parodieren den Powerlook, der hier überall zu sehen ist. Margiela selbst hat bekanntlich diese Silhouette wieder eingeführt, und jetzt sitzen die Gäste der Modenschauen ziemlich schief in der Front Row, da sie mit ihren Schulterpolstern auf den engen Plätzen nicht allzu gut nebeneinander passen. Margiela hat der Mode entscheidende Impulse gegeben, weil er macht, was er will. Im Moment heißt das allerdings, dass niemand genau weiß, ob er überhaupt noch im Haus ist oder "für sehr, sehr lange verreist", wie eine Frau im Powerblazer beim Hinausgehen vermutet.

Auch der türkischstämmige Brite Hussein Chalayan hat sich gefragt, was eine Frau preisgeben will und was nicht, doch er arbeitet an der Silhouette. Chalayan betont zwei Regionen des weiblichen Körpers, die in der letzten Zeit etwas vernachlässigt wurden: Brust und Gesäß. Seine Kleider sind so geschnitten, dass es aussieht, als gäben sie den Blick frei auf ein darunter sitzendes Lederkorsett: So haben die schmalen Models ein richtiges Dekolletee, und am Rücken reicht die Korsage bis hinunter zum Gesäß, dessen Ansatz das Leder nachvollzieht. Man könnte sagen: ein in Leder gefasstes Bauarbeiterdekolletee.

Wie Chalayan ist Haider Ackermann, der Kolumbianer, der in Antwerpen studiert hat, schon lange im Geschäft, aber einem größeren Publikum nicht bekannt. Er zeigte viel Satin: bodenlange Röcke in Rubinrot und Grau, dank Diagonalschnitt beweglich und schillernd.

Bei Isabel Marant ging es unbekümmert zu. Die Supermodels Carmen Kass und Natasha Poly marschieren im Punk-Rock-Takt über den Laufsteg, die langen Haare wippend, der Blick herausfordernd, denn was Isabel Marants Kollektion sagen will, ist dies: Wir sind jung, wir sind sexy, das Leben ist schön. Gemusterte Flatterröckchen, enge Jerseryminikleider zu nietenbesetzten Cowboystiefeletten, schwarze Overknees aus Wildleder, Boyfriend-Blazer - alles, was das Mädchenherz begehrt. Die Modechefin der französischen Vogue, Emmanuelle Alt, die das Styling für die Marke macht, ist seit Jahren Allstar sämtlicher Modeblogs. Isabel Marants Entwürfe sind so beliebt, weil sie zu vergleichsweise günstigen Preisen verkauft werden, elegant und zugleich lässig sind und dieses "Je ne sais quoi" haben, um das Frauen in aller Welt die Französinnen beneiden.

Albert Kriemler von Akris hat allerdings eine andere Auffassung von Eleganz. Er ist der Enkel der Firmengründerin, Alice Kriemler Schoch, die in den Zwanzigerjahren in St. Gallen Schürzen schneiderte. Zu den Akris-Schauen kommen Frauen, die klare Linien wollen. Condoleeza Rice und Angelina Jolie gehören zu Kriemlers Kundinnen. Seine Entwürfe sind von kühler Präzision, aber immer gibt es einen Twist: Die Schultern und Ärmel eines grauen Doubleface-Kaschmirkleids sind aus feinem Seidentüll und mit einem klaren Gittermuster aus Wollfaden versehen. Nur ganz leicht sind so die Schultern akzentuiert - eine aktuelle, aber subtile Silhouette.

In dieser Eleganz liegt eine gewisse Nachhaltigkeit, die man sich in der Branche zurzeit wünscht: keinen Firlefanz bitte. Also: kein Logo, keine "Must-haves" und "It-Pieces". Dries van Noten kann das nur recht sein, denn er setzt ohnehin auf Zurückhaltung. Seine Entwürfe sind so einfach und schlicht, dass sie vielleicht langweilig wären, arbeitete er nicht kunstvoll mit Farben und Farbkombinationen: rosa, safrangelb, mauve, ocker, kamel und karamell, purpur, salbeigrün. Fast frühlingshaft wirken die Farben, doch draußen vor dem Lycée Carnot, in dem die Schau stattgefunden hat, ist es kalt. Der Wind fährt den Frauen durchs Haar, die zu den wartenden Autos eilen. Die Modeblogger bekommen noch schnell ein Foto. Wo sind die Anzeichen für die Wirtschaftskrise? Weniger Schauen auf dem Schedule, weniger kurzlebige und mehr alltagstaugliche Mode, mehr Eleganz? Vielleicht. Aber ein zentrales Motiv der Mode ist schließlich auch, immer gute Miene zum bösen Spiel zu machen.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de