Julia Franck über ihr neues Buch

"Die Grenze hat sich verändert"

Ihr neues Buch, eine Anthologie über die deutsche Teilung, heißt "Grenzübergänge" - im Überschreiten von Grenzen hat Julia Franck Erfahrung: Ihre Kindheit verbrachte sie in Ost- und Westberlin.

Julia Franck schaut auch mal über den Tellerrand - hier von ihrem Balkon. Bild: detlev schilke

Julia Franck wurde 1970 in Lichtenberg geboren. Im Alter von acht Jahren kam sie mit ihrer Mutter und ihrer Zwillingsschwester nach Westberlin. Im Notaufnahmelager Marienfelde begann sie zu schreiben; es war der Grundstein ihrer Karriere. 2007 gewann die 38-Jährige mit "Die Mittagsfrau" den Preis des deutschen Buchhandels. Der Roman erzählt eine Familiengeschichte im Wesentlichen zwischen den zwei Weltkriegen; im Zentrum steht eine "Frau, die ihren Sohn verlässt, ohne sich selbst zu finden", wie es in der Begründung der Jury heißt.

Die Schriftstellerin zog mit 13 Jahren von zu Hause aus und lebte bei Freunden. Nach einem einjährigen Aufenthalt in der Villa Massimo in Rom 2005 zog sie mit ihren zwei Kindern in den Stadtteil Friedenau. Dort fühlte sie sich von dem aggressiven Auftreten der "Pro Reli"-Unterstützer provoziert und bezog in einem Artikel für den Spiegel Stellung - pro Ethik.

Vor wenigen Tagen erschien der von Franck herausgegebene Band "Grenzübergänge - Autoren zwischen Ost und West erinnern sich", in dem Schriftsteller wie Thomas Brussig, Günter Grass und Thomas Hürlimann über ihre Erinnerungen an die deutsche Teilung schreiben. Am Montagabend liest Julia Franck aus dem Buch im Berliner Ensemble, Beginn ist 20 Uhr.

taz: Frau Franck, in dem von Ihnen herausgegebenen Band "Grenzübergänge. Autoren aus Ost und West erinnern sich" wird Ihr Schriftsteller-Kollege Volker Braun mit den Worten zitiert, die DDR sei das langweiligste Land der Welt gewesen. Sehen Sie das auch so?

Julia Franck: Ich glaube nicht, dass die DDR langweiliger oder interessanter war als Wohnort als andere Länder. Ich vermute, er meint das als Provokation: Natürlich wird vieles im Nachhinein in die DDR hineininterpretiert, vieles wird mystifiziert, was mit dem Land zusammenhängt.

Viele Autoren haben Ihre Einladung, einen Beitrag zu dem Buch zu schreiben, abgelehnt. Offenbar haben sie keinen Bezug mehr zur DDR, zur Grenze oder hatten nie einen. Empfinden Sie das als Ignoranz seitens der "Westler" gegenüber der DDR?

Ignoranz klingt so absichtsvoll. Ich glaube, es war einfach außerhalb des Interessenshorizonts vieler in Westdeutschland und auch in Westberlin lebender Menschen. Was mich vielmehr an den Begründungen zur Absage verwunderte, ist der häufig genannte "Mangel an Erfahrung". Hier stellt sich die Frage, wann eine Erfahrung eine solche ist und ob nicht auch ihr Mangel literarisch reizvoll gewesen sein könnte.

Welche Absage hat am meisten geschmerzt?

Ich habe die Stimmen von Christa Wolf, Volker Braun, Hans Magnus Enzensberger und Peter Handke vermisst, das sage ich ganz offen. Diese Stimmen hätte ich gern in diesem Band gehabt. Das wären für mich vier Stimmen gewesen, die ich gerade, weil sie weit auseinanderliegen und ihr Blick auf die Grenze ein sehr unterschiedlicher sein muss, gerne dabeihätte.

Sie sagen ja, dass es um das Überwinden von Grenzen in den Köpfen geht. Das setzt voraus, dass die Grenze noch vorhanden ist.

Ich denke, die Grenze hat sich sehr verändert in den letzten 20 Jahren. Sie besteht nicht mehr mit ihrer ganzen Undurchlässigkeit, bleibt aber in der Erinnerung lebendig. Bei bestimmten Themen wird schnell deutlich, aus welchem Teil Deutschlands man kommt. An denen sich zeigt, welche Identitäten sich entlang der Grenze herausgebildet haben durch das Heranwachsen hier oder drüben. Das ist auch in Bezug auf manche Entscheidungen nicht unwichtig - ich habe Freunde, die nach der Wende unbedingt nach Prenzlauer Berg oder Friedrichshain ziehen wollten, die aber in den Ferien nie in den ehemaligen Osten fahren würden. Das mit dem Service würde da nicht so gut klappen und so weiter. Da kommen viele Vorurteile hoch, die zeigen, dass da noch Fremdsein oder Unbehagen ist.

War es für Sie eine bewusste Entscheidung, nach Friedenau zu ziehen, in den "Ur-Westen"?

Die Entscheidung, ob Westen oder Osten, war weniger wichtig. Ich wollte eben nicht mehr im Prenzlauer Berg wohnen, weil ich einen Beruf habe, der große Zurückgezogenheit erfordert. Ich wollte nicht mehr ständig Freunde auf der Straße treffen. Für mich ist der Rückzug wichtig. Ich habe mich mit dem Vater meiner Kinder darauf geeinigt, dass wir in die Nähe voneinander ziehen und unsere Kinder kurze Wege haben - es waren also viele praktische Gründe.

Sind Sie jetzt ein Stück weit angekommen nach mehreren Umzügen in Berlin?

Wenn ich ehrlich bin, kann ich mir schon wieder vorstellen, auch woanders in der Stadt zu wohnen. Was ich schätzen gelernt habe in Berlin, ist, dass ich mich in vielen Stadtteilen vertraut fühlen kann. Ich würde trotzdem in den nächsten zwei, drei Jahren keine neue Wohnung suchen, weil meine Kinder ihren Freundeskreis nicht schon wieder aufgeben sollen müssen.

Sie sind als Kind ins Flüchtlingslager nach Marienfelde gekommen. Es war Ihre Initialzündung zu schreiben, haben Sie einmal gesagt.

Die Monate in dem Notaufnahmelager waren in Abhängigkeit zum Ort sicher die furchtbarsten in meinem Leben. Niemals sonst hat ein Ort so stark auf mein Leben und den Alltag gewirkt. Es ist für jeden Menschen schrecklich, auf so engem Raum und so unentrinnbar mit Menschen zusammenzuleben. Dazu wurden wir in der Schule als "Lagerkinder" verspottet und verprügelt; aus dieser Zeit ist mir die Erfahrung, fremd zu sein in einem Land, sehr eindringlich in Erinnerung geblieben.

Wie kamen Sie dort zum Schreiben?

Das Weihnachtsgeschenk meiner Mutter an meine Zwillingsschwester und mich bestand aus je einem einfachen Heft mit einem Klarsichtfenster auf der Vorderseite; mit dem Hinweis, dieses Blanko könnten wir als Tagebuch benutzen. Schon bald war ich überdrüssig, das, was ich erlebt hatte, auch noch aufschreiben zu sollen. Ich verfasste also fiktionale Geschichten, die natürlich noch sehr viel mit meinem Alltag zu tun hatten.

Sie haben sich übers Schreiben als Kind versucht, sich einen neuen, eigenen Raum zu schaffen?

Einen ideellen Raum, ja. Das Schreiben wurde für mich der Ort des Daseins und zugleich der Flucht aus der körperlichen Verortung im Lageralltag, dem Gefühl von Gefangenschaft, und das blieb über viele Jahre eine nahezu zwanghafte Neigung von mir. Nachmittags nach der Schule schrieb ich, Geschichten, Gedichte, Tagebücher, Briefe.

Es drängt sich der Eindruck auf, dass Sie in jedem Roman einen Teil von sich verarbeiten.

Keiner meiner Romane ließe sich eins zu eins als meine Biografie lesen. Wohl aber partiell. Im Kern ist jede Arbeit eng verknüpft mit Dingen, die mich geprägt haben. Eher hat mich wohl meist das Thema gepackt, als dass ich das Thema packe.

Ist eines dieser Themen das des Verlassenwerdens, das in Ihrem preisgekrönten Roman "Die Mittagsfrau" im Zentrum steht?

Das ist vielleicht mein archetypisches Thema - verlassen und verlassen werden von Orten und auch von Menschen. Der Umzug von Ost nach West war nicht die erste Erfahrung, schon innerhalb des Ostens sind wir mehrfach umgezogen, als Säugling war ich in einer Pflegefamilie, als Kleinkind im Wochenheim, dazwischen wechselnde Wohnungen, Bezugspersonen, Kindergärten und später Schulen. Über bewusste Entscheidungen versuche ich, meinen Kindern ein anderes Aufwachsen zu ermöglichen, eines, das mehr Kontinuität verspricht.

In Ihrem Roman wurden die Passagen, in denen es um das Verlassenwerden geht, sehr gelobt. Andere, gerade die Erzählungen über das Berlin der 20er-Jahre, wurden scharf kritisiert. Wie gehen Sie mit so harscher Kritik um wie etwa dem Vorwurf einer "gestelzten Sprache" und "klischeehafter Darstellung"?

Es gab Tage, an denen ich mich kaum aus dem Haus traute, beschämt, dass ich es überhaupt wage, einen Roman zu veröffentlichen. Polemik und Häme trifft persönlich genau an der Stelle, an der sie treffen will. Vielleicht ist Kritik ein natürlicher, demokratischer Reflex auf Kunst. Sie misst sich an ihrer Streitbarkeit. Daran, dass das subjektive Empfinden des Betrachters sich genau an diesem einen Objekt in mehrere Lagen hinein streitet. Ich versuche, das, was persönlich treffen soll, zu ertragen. Froh bin ich, dass 32 fremdsprachige Verlage ihre Entscheidung getroffen haben, das Buch zu veröffentlichen. Froh bin ich auch über die ökonomische Unabhängigkeit, die mir aus dem Erfolg erwächst. Alles Weitere, in welcher Form der Roman in 50 Jahren noch Bestand hat, entscheiden wohl spätere Leser.

Kritik, zum Teil harsche, brachte Ihnen ja auch der Essay im Spiegel ein, in dem Sie gegen das Volksbegehren "Pro Reli" Position bezogen. Warum haben Sie sich öffentlich geäußert?

Anfangs hielt ich es für ein kommunales Thema unter vielen. Erst als die Pro-Reli-Initiative allgegenwärtig wurde und ich bemerkte, wie emotional aufgeladen und aggressiv die Debatte geführt wurde, beschloss ich mich zu positionieren.

Die Pro-Reli-Kampagne fordert, was in den meisten deutschen Bundesländern gang und gäbe ist. Ethik als Pflichtfach ist ja die Ausnahme.

Das ist ein Argument von Pro Reli, das ich für schwach halte. Warum sollte etwas gut sein, nur weil es in den meisten Bundesländern üblich ist? Religion als ordentliches Lehrfach wurde in der Verfassung von 1919 festgelegt. Das ist lange her. Die Kirche hat den Nationalsozialismus nicht verhindern können. Religion allgemein verhindert keine Kriege und Auseinandersetzungen. In Regionen, wo Religion fest verankert ist wie im Gaza-Streifen, gehört Krieg zum Alltag. Das Argument der Pro-Reli-Aktivisten, dass man sich anderen Religionen und Kulturen erst öffnen kann, wenn man ein tieferes Verständnis der eigenen Religion gewonnen hat, wird von der Realität entkräftet.

Worin sehen Sie den Vorteil des Ethikunterrichts gegenüber dem Religionsunterricht?

Ich glaube, dass die Konkurrenz zwischen beiden konstruiert ist. Die Religion konkurriert mit der Ethik so wenig, wie der Geschichtsunterricht mit Religion konkurriert. Ethik ist ein Teilbereich der Philosophie, der die Religion berücksichtigt und als Fach die Möglichkeit bietet, über gemeinsame und unterschiedliche Werte zu diskutieren.

Glauben Sie wirklich, dass ein streng muslimisch erzogenes Kind im Unterricht über seine kulturelle Prägung spricht - etwa über so intime Dinge wie den Ehrbegriff der Familie?

Ist das nicht ein Vorurteil? Warum nicht? Es ist Aufgabe des Lehrers, ein Klima zu schaffen, in dem ein muslimisches Kind über intime Dinge sprechen kann. Kleinere Klassen helfen hier sicherlich mehr als ein nach Herkunft getrennter Unterricht. Es ist keineswegs so, dass christliche Religion durch das Fach Ethik aus dem Unterricht verdrängt wird. Man kann im Deutschunterricht Literatur ja gar nicht verständlich machen, ohne auf das abendländische Weltbild einzugehen, das der Literatur zu Grunde liegt. Musik, Kunst und Geschichte ebenso. Was ich befürchte, wenn die Pro-Reli-Kampagne sich durchsetzt, ist eine Spaltung der Schülerschaft. Keine Schule hat die Kapazitäten, Religionsunterricht in mehreren konfessionellen Ausrichtungen anzubieten. Das bedeutet, dass an der einen Schule die Thora, an der anderen die Bibel und an der nächsten der Koran unterrichtet wird. Mein Kind wäre dann kaum mit muslimischen Kindern an derselben Schule. Und das will ich einfach nicht.

Sie sind engagiert in der Diskussion um Pro Reli, geben einen Ost-West-Band heraus, der gerade erschienen ist, werden diesen Band überall in Deutschland vorstellen. Bleibt noch Zeit für die Arbeit an einem neuen Buch?

Ja, ich arbeite an einem neuen Roman. Werde aber erst ab September die Zeit haben, mich ihm ganz zu widmen.

Welche Idee haben Sie für den neuen Roman? Die eigene Biografie ist langsam erschöpft, oder?

Ach, Sie ahnen ja gar nicht, mit welchen Erfahrungen meiner Biografie ich noch nicht gearbeitet habe. Mein Leben ist wesentlich vielseitiger als das, was ich bislang in Interviews und Büchern erzählen wollte.

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