Gebrauchsanweisung fürs Theater

Ärger beiseite

Nackte, Scheiße, Blut: Das moderne Theater hat sich viele Vorurteile verschafft. Der Kritiker Peter Michalzik zeigt in seiner "Gebrauchsanweisung fürs Theater" die schönen Seiten.

Deutsches Theater kann mehr als nur provozieren. Bild: dpa

Das Buch beginnt mit den Vorurteilen gegenüber dem Metier, mit den Nackten, der Scheiße, dem Blut - und holt sein Zielpublikum ebendort ab, wo es vermutet wird. Geschrieben hat es der Kritiker Peter Michalzik,er nennt sein Werk eine "Gebrauchsanweisung fürs Theater".

Michalzik wendet sich dabei an jene Menschen, die zu Hause bleiben. Zum Beispiel, weil die öffentliche Diskussion um das Theater wesentlich von jenen Nackten und jener Scheiße, von Stückzertrümmerung und "undurchschaubarem Zeug, das nach Kunst aussieht" bestimmt ist. So sei der Theaterbesuch "etwas diffus Problematisches" und aus der "Lustbarkeit" eine "Last" geworden.

Dem abzuhelfen, ist erklärtes Ziel des Autors. Seine "Handreichungen für den Theaterbesuch" rufen den Lesern mit jeder Seite zu: "Geht ins Theater! Es lohnt sich!" - eine Fan-Rekrutierungs-Maßnahme, die sagt, dass ein Theaterbesuch Spaß macht. Das ist lobenswert, denn diese "Gebrauchsanweisung" wirbt mit allen Mitteln um jene ganz normalen Zuschauer, die das Theater auch in Zukunft nötig haben wird. Und für den Zweck der Schmackhaftmachung ist es von Vorteil, dass Michalzik nur über das schreibt, was er liebt, und alles, über das er sich in seinen Kritiken in der Frankfurter Rundschau ärgert, beiseite schiebt.

Auch den Theaterliebhaber Peter Michalzik gibt es zu entdecken, seine Lieblingsschauspieler (allen voran Joachim Meyerhoff), seine favorisierten Regisseure, seine Art, den Theaterbesuch zu zelebrieren. Das "ich", das in Kritiken eher verpönt ist, wird dabei ganz groß geschrieben.

Vorgestellt werden Regiehandschriften der für Michalzik derzeit tonangebenden Regisseure, denen er sich anschaulich und manchmal aus durchaus überraschenden Richtungen nähert. So beschreibt der Kritiker den Autor-Regisseur René Pollesch über das permanente Schreien der Schauspieler, in dessen frühen Inszenierungen. Diese realkörperliche Anstrengung lässt die Schauspieler einerseits "wirklicher" werden, andererseits ist dies Ausdruck des Vorwurfs, den Polleschs Theater der Gesellschaft macht. Auch Castorf entdeckt er weniger als Textdekonstrukteur denn als den Erfinder einer neuen Schauspielweise.

Daneben gibt es noch Kapitel zu Stemann, Schlingensief, Marthaler, Kriegenburg, Petras, Rimini Protokoll, Lösch, Perceval, Simons, Gosch und Pucher. Die "alten Meister" Stein, Zadek und Co. kommen eher am Rande vor. Es überrascht nicht, dass einem hier vor allem die großen, die "etablierten" Namen begegnen, die bereits zu wiedererkennbaren "Marken" geworden sind und von denen die meisten etwa auch während Michalziks Zeit als Mitglied der Theatertreffen-Jury auf dem Berliner Festival präsent waren.

Insofern ist es auch die Fort- und Festschreibung eines bestimmten Kanons. Fokus hier wie dort sind - und das meint der Autor, wenn er verallgemeinernd über "das Theater" spricht - die größeren Stadttheater und die dort angesagten Ästhetiken, über die freie Szene und Abseitiges schweift der Blick weitgehend hinweg.

Das Buch möchte keine Tiefgründigkeit, keine Theorie, kein Argument und keine Debatte - und sagt das auch deutlich. Michalzik stellt einfache Fragen, Gedankenversuche und so manche interessante Beobachtungen an - dass etwa die Auftrittsrichtung von Schauspielern anzeigt, ob deren Figur, von links, mit der Handlung geht oder sich, von rechts, gegen sie stellt - und eine Menge Behauptungen auf: zum Beispiel, dass die Komödie den Zuschauer außer sich, die Tragödie ihn bei sich sein lässt. Er schreibt dabei überaus unterhaltsam, ohne Scheu vor Populärem und fällt bisweilen in eine kumpelige Wir-Form ("das sollten wir uns merken"). Sein Buch handelt von den nervtötenden Hustern im Parkett, von der Kantine, von Video und Mikroports, von Dramatikerförderung oder Theaterschlaf, vor allem aber von tollen Schauspielern und magischen Bühnenmomenten.

Es steuert seine Zielgruppe an, indem es die komplexen Sach- und Kunstverhalte so weit als möglich vergröbert und herunterbricht. Aber das macht nichts, es dient hier der Sache. Und ist bekanntlich selbst eine Kunst. Dass es Begriffe gibt, die unscharf bleiben, kleinere Unkorrektheiten, im Detail fragwürdige Einschätzungen - das alles wird dem Leser, auf den es Michalzik abgesehen hat, herzlich egal sein. Sehr unwahrscheinlich auch, dass der es besser weiß. Hauptsache, er geht erst mal hin, ins Theater. Alles Weitere sehen wir dann. Es lohnt sich!

.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de