Immigranten in Nordirland

Rassistischer Terror in Belfast

115 Rumänen in Nordirland sind gezwungen, vor Angriffen aus ihren Häusern zu fliehen. Sie finden Zuflucht in einer Kirche.

Auf der Flucht: Rumänische Familie nach Attacke in Belfast. Bild: dpa

Seit dem nordirischen Friedensprozess ist es in der Hauptstadt Belfast ruhiger geworden - allerdings nicht für Immigranten. 115 Rumänen, darunter ein fünf Tage altes Baby, mussten in der Nacht zum Mittwoch vor rassistischen Angriffen aus ihren Häusern fliehen. Sie kamen zunächst in der protestantischen City Church im Universitätsviertel unter, gestern zogen sie ins Sportzentrum "O-Zone" um.

Die Situation war am Montag eskaliert, als eine Antirassismusdemonstration auf der Lisburn Road im Süden Belfasts von Jugendlichen mit Steinen und Flaschen angegriffen wurde. Die Angreifer riefen Slogans der englischen Organisation "Combat 18", wobei die Zahl für den ersten und achten Buchstaben des Alphabets steht: AH - Adolf Hitler. Die Polizei erklärte jedoch, es gebe keine Hinweise, dass die neofaschistische Organisation einen Ableger in Nordirland habe.

Begonnen hatten die Attacken im März nach dem Qualifikationsspiel zur Fußball-Weltmeisterschaft zwischen Nordirland und Polen, das die Nordiren gewannen. Das Stadion, in dem die Nationalmannschaft ihre Spiele austrägt, liegt westlich der Lisburn Road im Village, einer Hochburg protestantischer paramilitärischer Verbände. Zur Innenstadt, die seit dem Friedensprozess aufgeblüht ist, sind es nur ein paar hundert Meter, doch es ist eine andere Welt. Das Viertel ist heruntergekommen, und weil die Mieten deshalb billig sind, haben sich viele Immigranten dort niedergelassen. Nach dem Spiel mussten 46 von ihnen aus dem Viertel fliehen. Vor sechs Jahren gab es schon mal eine Terrorkampagne im Village. Die Häuser von drei südafrikanische Familien wurden mit Rohrbomben angegriffen, das Auto eines Schwarzafrikaners angezündet, eine schwarze Frau aus Uganda durch Steine verletzt. Die Hauptzielscheibe waren die chinesischen Immigranten, deren Häuser regelmäßig angegriffen wurden. Der traurige Höhepunkt kam fünf Tage vor Weihnachten, als zwei Männer ins Haus von Hua Long und seiner schwangeren Frau Yin Mei einbrachen und Long mit einem Ziegelstein niederschlugen. Er erlitt einen Schädelbruch, die Familie lebt jetzt in einer Pension in einem Vorort.

Seit dem Waffenstillstand der paramilitärischen Organisationen von 1996 ist die Zahl rassistisch motivierter Übergriffe um 450 Prozent gestiegen. In den vergangenen zwölf Monaten wurden mehr als tausend solcher Fälle gemeldet. Die britischen Gesetze zum Schutz von Minderheiten gelten in Nordirland nicht, das Belfaster Parlament hat sie nie ratifiziert. So kursieren in Belfast Flugblätter, deren Urheber in anderen Teilen des Vereinigten Königreichs streng bestraft würden. Viele Rumänen fanden in letzter Zeit Broschüren mit Auszügen aus Hitlers "Mein Kampf" in ihren Briefkästen. Die meisten wollen nun nach Rumänien zurückkehren.

Anna Lo, die einzige Chinesin, die je in ein Regionalparlament in Großbritannien und Nordirland gewählt wurde, sagte: "Sie haben Angst, weil ihnen ständig die Fensterscheiben eingeworfen werden." Chefinspektor Robert Murdie von der nordirischen Polizei fügte hinzu: "Wir müssen uns alle für die Angriffe schämen, und zwar in ganz Nordirland." Es sei ein trauriges Zeugnis der nordirischen Gesellschaft, sagte Malcolm Morgan, der Pastor in der City Church: "Aber hoffentlich können wir ihnen auch die andere, warmherzige Seite Nordirlands zeigen." Eine Gelegenheit dafür gibt es Ende nächsten Monats. Dann findet in Belfast die dritte antirassistische Fußballweltmeisterschaft statt, an der auch China, Kurdistan, das Baskenland, Deutschland und Irland teilnehmen.

.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de