die wahrheit: Fuck Tha Devil

Gangsta Rap mit christlichen Inhalten liegt im Trend: "Wenn der Teufel zu dir spräche: ,Suck my motherfuckin' dick!' Wie verhältst du dich dann, Alter? Fall nicht rein auf diesen Trick! ...

... Komm zu uns, denn wir sind gläubisch! Unser Gott, der ist echt krass! Und auf Jesus sind bei uns nicht nur die Christbaumengel nass …" Es waren ungewohnte Töne, die der Chor in der alten Dorfkirche im niedersächsischen Sassenholz bei Bremen zu Pfingsten im Sonntagsgottesdienst anschlug, zur Verblüffung der größtenteils hochbetagten Gemeindemitglieder. Auf Initiative des umtriebigen örtlichen Jugendpfarrers Hans-Gert Hubrich hatte der Gangsta Rap Einzug in die Liturgie gehalten.

"Es ist mein Ziel, die erlösende Botschaft von Jesus Christus mit neuen Mitteln zu, äh … zu vermitteln, und zwar auch und gerade jungen Leuten, die sich von den traditionellen Gesangbuchtexten eher weniger angesprochen oder sogar abgetörnt und regelrecht verkaspert fühlen", hat Hubrich gegenüber dem Evangelischen Pressedienst erklärt. "Christlicher Gangsta Rap, das klingt natürlich erst einmal irgendwo paradox, aber wenn man sich darauf einlässt und die eigenen Hörgewohnheiten eine Zeit lang vergisst, dann merkt man ziemlich schnell, dass von dieser Musik eine Power ausgeht, die aus den herkömmlichen Kirchenliedern einfach nicht herauszuholen ist, und deshalb fördere ich hier eine ebenso eingängige wie anspruchsvolle Unterhaltungskunst, die christliche Glaubensinhalte auf zeitgemäße Weise transportiert und zugleich unser amtskirchliches Selbstverständnis manchmal sicherlich auch ein Stück weit hinterfragt."

Musiziert haben in der Sassenholzer Kirche inzwischen Bands wie Straight Into Konfirmandenunterricht, 2Believe, Kling Glöckchen Cool, Vadderunser, Boyzn the Church, Fuck Tha Devil, Fette Homiletik, Boss on the Cross, Lord Extra und E.S.D.S.G.N. (Ein Schiff Das Sich Gemeinde Nennt). Den Gerüchten über ein Zerwürfnis zwischen dem Bandleader Big Jörg von Vadderunser und dem Bassisten Wolli D. von Fuck Tha Devil, die nach einer Skatrunde im Vereinsheim der Sassenholzer Kleingartenkolonie Vergissmeinnicht e.V. im Streit auseinandergegangen sein sollen, tritt Hubrich scharf entgegen: "Dieser Vorfall ist von der Bravo extrem aufgebauscht worden. Der Jörg war halt sauer, weil ihm der Wolli nach seinem Sieg keine Revanche geben wollte, und da ist der Jörg eben ausgetickt und hat dem Wolli sein Hörgerät in die Holundersuppe geworfen. Mit den Konflikten der Rapper an der Westcoast hat das nichts zu tun! Ich nehme darin eher etwas von der überschäumenden Lebensfreude wahr, mit der uns auch Jesus vertraut machen möchte, wenn er sagt: ,Lasset die Kindlein zu mir kommen.' "

Die Kindlein, die Hans-Gert Hubrich in der Dorfkirche zu Sassenholz musizieren lässt, sehen jedoch bemerkenswert angejahrt aus. Wenn man genauer hinschaut, erblickt man nach und nach immer mehr Stützstrümpfe, Altersfalten und mechanische Gehhilfen, und auch der Wortschatz der evangelischen Gangsta Rapper wirkt eigentümlich verstaubt: "Sei doch kein schafsköpfiger Atheist, mach keinen Mist! Leb dich lieber in einer funktionierenden Christengemeinde aus, denn sonst kriegst du irgendwann von Gott eins aufs Haus! Schließ dich uns an, Kamerad! Wir sind unbeschreiblich gut drauf! Und für alle, die nicht glauben wollen, tun sich am Jüngsten Tag die Höllenpforten auf …"

Davon hätten sich die Väter des Gangsta Rap nichts träumen lassen. Friede sei mit ihnen.

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kari

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