Priesterweihe bei den Pius-Brüdern

Zwölf Millionen Rosenkränze

In Zaitzkofen bei Regensburg wurden am Samstag drei Priester der Pius-Brüderschaft geweiht - trotz Verbot des Vatikans.

Priesterweihe nach vorkonziliarem Ritus. Bild: ap

ZAITZKOFEN taz | Für Hochwürden hat der Buchhändler etwas ganz Feines: einen nagelneuen, prächtigen Bildband über Papst Pius XII., der zum Holocaust schwieg - oder doch irgendwie nicht schwieg, wie der Vatikan neuerdings weiszumachen versucht, weshalb Papst Benedikt XVI. ihn wohl bald seligsprechen wird. Klar, meint der Buchhändler, für Hochwürden reiße er auch gern die Schutzfolie auf, damit er hineinschauen könne. "Er ist sicher heiligmäßig", sagt der junge Geistliche in der Soutane nach einem kurzen Blick in den Band.

Bruderschaft: Die Sekte hat weltweit etwa 600.000 Anhänger und ca. 500 Priester, davon 50 in Deutschland. Sie wurde 1970 von dem französischen Erzbischof Marcel Lefebvre gegründet, der Grundaussagen des Zweiten Vatikanischen Konzils (1963-65) ablehnte.

Exkommunikation: 1988 wurde Lefebvre exkommuniziert, als er gegen den Willen Roms vier Bischöfe weihte, darunter den Holocaust-Leugner Richard Williamson und den Spanier Alfonso de Galarreta. Anfang 2009 wurden beide Bischöfe mit zwei anderen Oberhirten der Pius-Bruderschaft von Papst Benedikt XVI. wieder in die Kirche aufgenommen.

Ein solches Werk ist hier im Priesterseminar Herz Jesu der "Priesterbruderschaft St. Pius X." im bayerischen Dorf Zaitzkofen nahe Regensburg eine todsichere Sache. Mehrere Exemplare liegen eingeschweißt auf dem Büchertisch gegenüber dem Herrenhaus der Bruderschaft bereit. In diesem kleinen Schloss lebte einst - ausgerechnet! - Graf Maximilian Montgelas, ein Reformer und Mitglied des freimaurerischen Illuminatenordens. Seit 25 Jahren werden hier junge Männer zu Priestern ausgebildet und geweiht. Am nächsten Tag ist es wieder so weit. Doch was eigentlich ein fröhliches Kirchenfest in der bayerischen Provinz sein könnte, sorgt seit Monaten für Streit - bis nach Rom.

Denn die Priester gehören zur ultratraditionalistischen Pius-Bruderschaft, einer katholischen Sekte außerhalb der Kirche, der auch der Holocaustleugner Bischof Richard Williamson angehört. Die römisch-katholische Kirche trennte sich 1988 von der Bruderschaft, auch wenn diese Gegenteiliges behauptet. Der Vatikan hatte Anfang 2009 vier exkommunizierte Bischöfe der Bruderschaft wieder in die Kirche aufgenommen, die für dieses Wochenende geplanten Weihen von drei Priestern nach altem, lateinischem Ritus durch einen dieser Bischöfe, den Spanier Alfonso de Galarreta, jedoch für "illegitim" erklärt. Denn Pius-Bischöfe dürfen keine Sakramente spenden, also auch keine Priester weihen.

Genau das aber soll in Zaitzkofen geschehen, obwohl es auch der Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller den Pius-Brüdern schon vor Monaten ausdrücklich verboten hat. Doch darum schert sich niemand im Herrenhaus, das mit Fahnen - frecherweise in den Farben Gelb und Weiß, den Fahnen der Kirche - festlich geschmückt ist. Das Wetter ist frühsommerlich strahlend. Pius-Anhänger aus ganz Europa, viele mit weißen Haaren, wuseln herum, Priester in schwarzen Soutanen fragen in radebrechendem Deutsch oder Englisch nach ihren Gästezimmern im Seminar, die örtlichen Pius-Brüder sind hektisch und schwitzend dabei, die Festwiese hinter dem Schloss für die illegale Weihe herzurichten.

Noch konservativer

Ein paar Kilometer entfernt sitzt Fritz Wallner vor einer Apfelschorle in einem Biergarten und kann die ganze Sache nicht fassen. Wallner, Jahrgang 1951, ist seit 24 Jahren der Verwaltungschef der Gemeinde Schierling, zu der Zaitzkofen gehört - und allein dieser Umstand dürfte belegen, dass der liebe Gott einen feinen Sinn für Humor hat. Denn Wallner ist zwar nicht der Montgelas des 21. Jahrhunderts - im Gegenteil, seine katholische Biografie ist seit Messdienerzeiten vorbildlich. Aber er gehört zu den leidenschaftlichen Verfechtern der fortschrittlichen Regeln des Zweiten Vatikanums.

Deshalb war Wallner mit dem Regensburger Müller in den vergangenen Jahren so heftig aneinandergeraten, dass das höchste Gericht der Weltkirche in Rom nach langwierigen kirchlichen und weltlichen Prozessen im Mai urteilte: Ja, der Beschluss von Bischof Müller war richtig, den widerspenstigen Wallner nicht nur aus allen Laiengremien des Bistums zu schmeißen, sondern ihm sogar das passive Wahlrecht zu entziehen. Bis 2005 war Wallner Vorsitzender des Diözesanrates, des höchsten Laiengremiums in Müllers Bistum.

"Wir dürfen als Kirche nicht jedem Zeitgeist nachrennen", sagt das CSU-Mitglied Wallner, "aber wir können ihn vielleicht beeinflussen." Das Volk Gottes, das heißt alle Gläubigen der Kirche, müssten die Welt durchdringen mit dem Evangelium, "der besten Nachricht, die die Menschheit kennt. Das aber gelingt nicht mit autoritärem Handeln." Deshalb ist Wallner so über Kreuz mit dem herrischen Bischof Müller, der - und das ist die Pointe - wie die Pius-Brüder eigentlich eine "priesterzentrierte Kirche" wolle, in der die Priester Halbgötter sind und die Gläubigen nichts zu sagen haben. Ausgerechnet der erzkonservative Bischof Müller, der in seinem Bistum liberale Theologen streng maßregelte, liegt nun im Streit mit den noch konservativeren Pius-Brüdern - und Liberale wie Wallner hoffen, dass er streng bleibt.

Das ist so absurd, dass die Zaitzkofener am Stammtisch beim Bier im einzigen Wirtshaus des 190-Seelen-Dorfs, dem Gasthaus Prückl, gut bayerisch am liebsten über alle lästern: den Wallner, den Müller, die Journalisten, die neuerdings in die Idylle eindringen - kaum jedoch über die Pius-Brüder, mit denen man seit Jahrzehnten doch ganz gut auskommt, wie es einhellig heißt. Ein Hauptargument für die Akzeptanz der Ultratraditionalisten, gegen die die Dorfjugend alljährlich kickt: "Wann die net komme wärn, da wärn bloß die Asylanten oder Ausländer neikomme" - "nei" bedeutet hier das Schloss, das fast am Verfallen war, ehe es die Pius-Brüder über einen Strohmann erstanden.

Einen Steinwurf entfernt sitzt die 78-jährige Rosina Bauer in ihrem überaus gepflegten Gemüsegarten auf einer Bank direkt vor der römisch-katholischen Kirche des Dorfes und sagt im Schein der Abendsonne: Nein, zu den Messen der Pius-Brüder gehe kaum jemand vom Dorf. Nur die, die bei den Pius-Brüdern arbeiteten - "Net dass die ihren Arbeitsplatz verlieren". Rosina Bauer putzt auch in der römisch-katholischen Kirche gegenüber. Sie ist wenig später eine von sechs Gläubigen, die die Freitagabendmesse des Pfarrers Josef Vattathara miterleben. Er kommt aus Indien, was durchaus Sinnbild der Krise der katholischen Kirche in Deutschland ist. Vattathara muss in Schierling sechs Kirchen betreuen, nur einmal im Monat hält er in Zaitzkofen die Sonntagsmesse. Dann aber sei die Kirche voll, erzählt er beim Ausziehen des Messgewands in der Sakristei. Mit den Pius-Brüdern gebe es keine Kooperation. Der Pfarrer ist sehr kurz angebunden. Bischof Müller habe doch schon alles gesagt.

Gesundgebetet

Die Pius-Anhänger sind in der Regel auskunftsfreudiger. Etwa Peter und Maria Renate Jaspers, 65 und 59 Jahre alt, aus Wirges im Westerwald. Maria Renate Jaspers erzählt, sie sei "sterbenskrank" gewesen, ehe sie die Pius-Brüder entdeckt habe - nach drei Messen im alten Ritus war sie gesundet. "Das ist das, was wir vor 40 Jahren verloren haben", schwärmt ihr Mann, "die", er betont das Wort, "heilige Messe." Seit sieben Jahren fahren sie wöchentlich 444 Kilometer hierher, "und jeder Kilometer ist ein Genuss". Das Paar will mit anderen Gläubigen bis März insgesamt 12 Millionen Rosenkränze dafür beten, dass es zu einer Einigung mit dem Vatikan kommt. Das Konzil aber sollten die Pius-Brüder, anders als von Rom gefordert, keinesfalls anerkennen.

Ähnlich radikal redet ein 62-jähriger Pius-Anhänger, der regelmäßig von der Mosel hierhergefahren kommt. Er spricht von der Amtskirche und ihrem "ganzen evangelischen Scheißdreck" - gemeint sind die Neuerungen des Konzils. Ganz offensichtlich würde er auch gern etwas über "Bischof" Williamson und die Zahl von sechs Millionen Toten des Holocaust sagen, aber seine Frau zieht ihn da hektisch, ja fast ängstlich weg.

Endlich ist der große Tag der Priesterweihe da. Auf der Wiese hinterm Schloss sind am Samstag nach Angaben der Polizei etwa 2.000 Gläubige versammelt, etwas weniger als in den Vorjahren. Nonnen aus Frankreich sind da, Schülerinnen eines deutschen Pius-Gymnasiums in Schuluniform, viele Frauen in Röcken, manche mit Kopftuch. Die Priester sitzen unter zwei Zelten, die frommen Schäfchen im Freien. Gott sei Dank regnet es nicht. Sechs Kamerateams und wohl ein Dutzend Journalisten durften sich akkreditieren.

Die Pius-Brüder fahren alles auf, was die katholische Kirche an Pomp zu bieten hat. Die Messe dauert geschlagene vier Stunden. Alles ist auf Latein - bis auf einer Erklärung des Leiters des Priesterseminars. "Wir lieben die Kirche", sagt Stefan Frey - und verteidigt die unerlaubten Weihen damit, dass es eine "Notsituation", einen "beispiellosen Ausnahmezustand", in der Kirche gebe. Deshalb habe man gegen die Weisung Roms geradezu verstoßen müssen. Bischof Galarreta predigt weitschweifig und auf Französisch über die Kraft der Messe, den "siegreichen Kampf gegen den Teufel" und "die Schönheit der Keuschheit". Die Gläubigen dürfen vor allem schweigen und oft knien.

Irgendwann während der vierstündigen Zermonie sagt Pressesprecher Steiner am Rande der Messe, Rom habe die Weihen keinesfalls verboten: Der Ordensoberste Bernard Felley habe bei jüngsten Gesprächen im Vatikan nichts davon gehört. Gut möglich, dass er recht hat. Auch der Papst liebt die Priesterkirche.

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