L'Aquila und der G-8-Gipfel

Als wären sie Täter und nicht Opfer

Am Mittwoch beginnt in L'Aquila, wo nach dem Erdbeben noch immer 24.000 Menschen in Zelten leben, das G-8-Treffen. Die Bewohner der vom Erdbeben zerstörten Stadt halten wenig von der Politshow.

L'Aquila am 6. Juli 2009, drei Monate nach dem Beben: nächtlicher Demonstrations- und Gedenkzug. Bild: ap

L'AQUILA taz | "Ganz einfach. Ich will mein L'Aquila wiederhaben." Paolo muss nicht lange nachdenken, warum er sich mitten in der Nacht auf der Piazza einfindet, mit einer Fackel in der Hand, einen mehrstündigen Marsch vor sich. Es sei die erste Demonstration seines Lebens. Auch seine Mutter ist noch nie in ihrem Leben auf einer Demo gewesen.

G 8: Den ursprünglich auf der Insel La Maddalena geplanten Gipfel verlegte Silvio Berlusconi nach L'Aquila. Sein Argument: Die Infrastrukturinvestitionen kämen der Bevölkerung zugute, außerdem will Berlusconi die Staats- und Regierungschefs überzeugen, die Schäden an je einer Kirche oder einem Palazzo auf Rechnung ihres Staates beheben zu lassen. 15.000 Polizisten und Soldaten werden im Einsatz sein.

Die Proteste: Neben den lokalen Komitees mobilisieren Basisgewerkschaften und linke Gruppen zu globalisierungskritischen Protesten. An einer für den 10. Juli geplanten Demonstration wird das Gros der örtlichen Komitees nicht teilnehmen, aus Angst, die globalisierungskritische Bewegung könne ihrerseits - gleichsam spiegelbildlich zu Berlusconi - die lokale Bevölkerung vereinnahmen. MB

In gespenstischem Dunkel liegt der Corso Vittorio Emanuele, der von der Piazza ins Stadtzentrum führt. Die Straßenbeleuchtung ist abgeschaltet, die Fenster der Palazzi sind dunkel, kein Auto, kein Fußgänger ist zu sehen. Friedhofsruhe: Seit dem schweren Beben in der Nacht auf den 6. April ist L'Aquilas Innenstadt komplett geräumt und abgeriegelt. Ausgerechnet diese Stadt wird von Mittwoch an den G-8-Gipfel beherbergen.

Drei Monate sind seit dem Beben vergangen, drei Tage sind es noch bis zum Gipfel - Grund genug für mehrere tausend Aquilaner, ihrer Toten zu gedenken und zugleich zu zeigen, was sie vom G-8-Gipfel im Katastrophengebiet halten. Ein Mann zeigt auf seine Frau, seine zwei erwachsenen Töchter. "Seit drei Monaten schlafen wir im Auto. Zeltlager? Nie im Leben! Tagsüber gehen wir in unsere Wohnung, obwohl das verboten ist, sie ist nämlich als beschädigt klassifiziert. Absolut nichts hat die Regierung bisher für uns getan, der Wiederaufbau kommt nicht in Gang. Und von dem Gipfel haben wir schier gar nichts."

Kurz nach Mitternacht setzt sich der Zug in Bewegung, ein langer Lichtwurm schlängelt sich den Viale Gran Sasso herunter, draußen an den Stadtmauern vorbei. Nicht eine Parole ertönt, keine Fahne weht, nur an der Zugspitze fordert ein Transparent "Wahrheit und Gerechtigkeit" für die Erdbebenopfer. Ein paar Dutzend Jungen und Mädchen vom Komitee "3.32" haben sich gelbe T-Shirts übergestreift mit der Aufschrift, "Stark und freundlich ja, blöd nein".

"Wir wollen die Wahrheit wissen: Warum dieses Beben so viele Tote gefordert hat", sagt Alessio. Der Mittzwanziger ist Philosophiestudent an der Uni von L'Aquila. Praktisch jeden Mittag ging er in die Mensa der "Casa dello Studente", die in der Erdbebennacht wie ein Kartenhaus einstürzte und acht Studenten unter sich begrub. Mit einem aus dem Wohnheim war er befreundet, erzählt Alessio. Jetzt will er juristische Aufklärung darüber, warum zum Beispiel die tiefen Risse nach einem ersten Beben Ende März ignoriert wurden. Große Hoffnungen macht er sich nicht. "Direkt nach dem Beben war der örtliche Staatsanwalt laufend im Fernsehen und hat Mega-Prozesse angekündigt. Doch seit Monaten schon hat sich ein dicker Mantel des Schweigens über die Frage nach der Schuld der Baufirmen wie der der Behörden gelegt."

Links und rechts der Via Strinella stehen die vier- und fünfstöckigen Wohnblocks alle noch. "Die Straße ist relativ gut weggekommen", wirft Annalisa ein, auch sie studiert Philosophie. "Relativ gut", das heißt, dass sich tiefe Risse durch die Fassaden ziehen und kaum eine Wohnung nutzbar ist. Es regt sie auf, dass Silvio Berlusconi kurz nach dem Beben die Verlagerung des G-8-Gipfels von der sardischen Insel La Maddalena nach L'Aquila verfügte. "Der will hier eine Riesen-Show auf unsere Kosten abziehen, und deshalb sind wir heute Nacht hier." "Lager" im wahrsten Sinne des Wortes seien die Zelt-Camps, und sie versteht auch nicht, wieso nicht nach besseren Übergangslösungen gesucht wird. Man könnte zum Beispiel einfache Holzhäuser errichten.

"Stattdessen haben die jetzt extra für den Gipfel den Flughafen vor der Stadt komplett ausgebaut - einen Flughafen, den wir nicht brauchen", wirft eine ältere Dame ein, "genauso wenig wie die neu geteerte Verbindungsstraße. Wir dagegen hocken weiter in den Zelten." Sie sagt, dass sie der G-8-Gipfel eigentlich gar nicht interessiere, sie ist keine Globalisierungskritikerin, sie hat keine Meinung zu Klimazielen und Wirtschaftskrisen. "Was uns hier eint, ist der Zorn darüber, wie wir mit der Gipfelshow als Komparsen vereinnahmt und verarscht werden." Ein paar Reihen weiter vorn macht ein Fernsehteam Interviews. In dem gleichen ruhigen Ton, den hier alle anschlagen, fasst eine Frau die Gründe des lokalen Protestes zusammen, dann fragt sie, aus Erfahrung mit Italiens Jubelsendern klug: "Warum erzähle ich euch das eigentlich? Das strahlt ihr doch sowieso nicht aus."

3.000, vielleicht 4.000 Menschen werden es sein, die mittlerweile im Zug mitmarschieren - und kaum einer, der nicht aus L'Aquila käme. Kaum einer auch, der nicht vom Beben betroffen wäre. Eleonora lebt seit drei Monaten in einem Zelt, zusammen mit wildfremden Menschen. Am meisten stößt der Studentin aber auf, dass die Leute vom Zivilschutz "ein quasi militärisches Regiment errichtet haben. Wir werden laufend kontrolliert, so als wären wir nicht Opfer, sondern Täter." Sie wundert sich über Berlusconis Zahlen. Bis zum Herbst sollen alle 24.000 Leute endlich aus den Zelten raus sein, "aber die Behelfswohnungen, die jetzt errichtet werden, bieten Platz für gerade 13.000 Menschen". Sie sorgt sich, dass auch im Winter noch Tausende in den Zeltstädten ausharren müssen, schließlich sacken in der Bergregion die Temperaturen schon im Oktober nachts oft unter null Grad.

Am meisten aber erregt sie sich, wenn die Rede auf Guido Bertolaso kommt, den Chef des Zivilschutzes. Er ist Berlusconis Mann für alle Fälle, von Neapels Müllkrise über das Erdbeben bis zur Organisation des G-8-Gipfels. "Der führt sich hier auf wie der absolute Diktator, der keinem Rechenschaft schuldig ist. Wir Aquilaner werden nie gefragt, etwa wenn es um die Wege des Wiederaufbaus geht." Die Wege, die die Regierung einschlägt, halten die Menschen hier jedenfalls für verheerend.

Zum Beispiel die 20 Behelfssiedlungen, die bis September fertig sein sollen: alle weit draußen, auf der grünen Wiese gelegen. "Das städtische Gefüge geht total kaputt", fürchtet Alessio. L'Aquila, meint er, droht eine langsame Agonie. Von den 27.000 bisher eingeschriebenen Studenten könnten schon nächstes Jahr nur noch 7.000 übrig bleiben, "keiner wird sich neu immatrikulieren, und viele der bisher hier Studierenden werden weggehen, weil sie keine Wohnung haben und ihre Fakultät nur im Notbetrieb läuft".

Um halb zwei Uhr nachts ist der Fackelzug am Ziel, dem kleinen Park vor dem Corso Federico II. Links, hundert Meter die Straße runter, stand die Casa dello Studente. Einige Dutzend Angehörige der Toten können, begleitet von Feuerwehrleuten, die Absperrung passieren, um einen Blumenstrauß niederzulegen. In den Händen halten sie ein schwarzes Transparent mit den Namen der Opfer, Luciana, Francesco, Davide und die anderen, darunter steht: "Ermordet in der Casa dello Studente".

Die anderen Demonstranten dürfen, in Gruppen von je 200 Personen, den kurzen Weg zum Domplatz nehmen, der seit drei Wochen wieder auf ist - und den zurzeit einzigen Blick ins historische Zentrum erlaubt. Gleich am Beginn des Weges bilden Dutzende Windlichter die Zahl 307: die Zahl der Opfer, die das Beben gefordert hat. Ein Trompeter geht mit, er spielt traurige Weisen, die meisten schweigen jetzt, schauen beklommen an den schwer beschädigten Fassaden herauf, in die kleinen Seitenstraßen hinein, wo sich Schuttberge vor Ruinen türmen. Um drei Uhr kommt die letzte Gruppe, mittlerweile drücken Polizisten und Feuerwehrleute ein Auge zu, es dürften wohl jetzt 400 sein. Das Transparent "Wahrheit und Gerechtigkeit" hängt inzwischen an dem großen Brunnen in der Mitte des Platzes, hunderte Fackelstümpfe, im Kreis um den Brunnen abgelegt, beleuchten die Szenerie.

"Wir wollen, dass dieses Transparent hier hängen bleibt, auch in den Tagen, in denen die Großen der Welt hier ihren Erdbebenspaziergang machen, und später auch noch", sagt ein Mädchen vom Komitee "3.32" ins Megafon. Sie hält keine Rede, bloß ein knappes Statement, gegen die Vereinnahmung der vom Erdbeben gepeinigten Stadt und ihrer Menschen "für eine politische Inszenierung", gegen die Nutzung L'Aquilas "als Schaufenster für den G-8-Gipfel". Um 3.32 Uhr, zu der Stunde, als am 6. April das Erdbeben L'Aquila verwüstete, senkt sich Stille über den Platz. Viele haben Tränen in den Augen, eine weinende Frau hockt auf dem Boden, vor sich Tasche und Schirm. Als die Schweigeminute schließlich mit einem trotzigen Applaus endet, beratschlagen die Jungen und Mädchen vom Komitee "3.32" schon die nächsten Aktionen. " ,Yes, we camp' wird unser Motto sein", sagt Alessandro, "wir werden auch während des G-8-Gipfels auf unsere Situation, auf das Zwangscamping von tausenden Menschen aufmerksam machen - anders als Berlusconi sich das vorstellt."

.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben