Schnöder deutscher Filmförderbetrieb: Jeder ist ersetzbar

Ab 3. September in den Kinos: Die Komödie "Whisky mit Wodka" von Andreas Dresen. Ein melancholischer Blick auf den deutschen Film - und auf die deutsch-deutsche Geschichte.

Whisky mit Wodka: Die Angst, ersetzbar zu sein. Bild: ap

Filme, die von Dreharbeiten handeln, haben oft eine unangenehme Doppeldeutigkeit: Einerseits gaukeln sie dem Zuschauer vor, intime Einblicke in ein Geschehen hinter der Kamera zu vermitteln, also gewissermaßen besonders realistisch zu sein. Andererseits findet in der insiderhaften Darstellung des Filmbetriebs oft eine etwas eitle Selbstmythisierung statt, insbesondere, wenn es um den deutschen Filmbetrieb geht.

Schließlich geben dessen Realitäten mangels Glamour kaum genug Stoff ab für eine Film-im-Film-Geschichte. Das fängt schon bei der Frage an, wie man etwa einen deutschen Filmstar spielt: Wie eitel darf einer sein, dessen Filme nur in Ausnahmefällen ihr Geld an der Kinokasse einspielen und der Teil eines Systems ist, das sich vielfach auf Fördergelder gründet?

Andreas Dresen findet in seinem neuen Film "Whisky mit Wodka" darauf eine verblüffend überzeugende Antwort: Henry Hübchen spielt Otto Kullberg, einen älteren Schauspieler, auf dessen Namen als Werbeträger für den Film man nur ungern verzichten würde. Als Ottos Neigung zum Alkohol aber den termingerechten Fortgang der Dreharbeiten bedroht, drängt der Produzent auf einen Ersatzmann. Fortan werden alle Szenen doppelt gedreht, zuerst mit Starschauspieler Otto und dann mit dem gänzlich unbekannten Theaterschauspieler Arno Runge (Markus Hering).

Das Motiv geht auf eine Anekdote zurück, die sich tatsächlich im Defa-Filmbetrieb der 50er-Jahre abgespielt haben soll. Kurt Mätzig habe einmal zu diesem "Trick" gegriffen, um einen trinkenden Hauptdarsteller durch die drohende Konkurrenz zu disziplinieren. Das Schöne bei Dresen ist nun, dass er und sein Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase daraus keine sentimentale Rückschau auf die DDR-Filmindustrie gemacht haben, sondern eine flott-sarkastische Komödie, die ganz ohne Hollywoodklischees in deutscher Verkleidung auskommt.

"Whisky mit Wodka" ist bis in die Trinkrituale hinein im schnöden deutschen Förderfilmbetrieb angesiedelt (so konsequent, dass man sich den Film, der hier gedreht wird - zum großen Teil in 20er-Jahre-Badekostümen -, allenfalls im Fernsehen vorstellen kann). Henry Hübchen spielt seine Rolle als eine Art Harald Juhnke zu dessen besseren Zeiten: ein sehr versierter Performer, der gleichzeitig gelangweilt und desillusioniert davon ist, wie weit er es gebracht hat und wie wenig ihn das befriedigt.

Seine Filmpartnerin Bettina Moll (Corinna Harfouch) ist eine alte Geliebte von Otto, nun aber schon länger mit dem Regisseur Martin Telleck (Sylvester Groth) verheiratet. Man versteht sich selbstverständlich gut; für größere kapriziöse Auftritte steht einfach zu wenig auf dem Spiel. Weshalb auch die Sache mit dem Ersatzmann nach kurzem emotionalen Ausbruch schlicht professionell umgesetzt wird.

Alltägliche Glanzlosigkeit

Dresens große Kunst besteht nun darin, diese alltägliche Glanzlosigkeit der deutschen Filmarbeit als Hintergrund zu nehmen, vor dem die aktuelle Gegenwart, dieses schwer zu fassende, flüchtige Ding, mit ihrer zwiespältigen Stimmungslage umso heller aufscheint. Trotz gegenteiliger Beteuerungen nämlich beginnen Otto und sein Rivale Arno einen Kampf auszufechten, der umso unerbittlicher wird, je weniger sich hier jemand dazu bekennt zu kämpfen. Beiden sitzt gleichermaßen die Angst im Nacken, absolut ersetzbar zu sein.

Da sie aber genau das Tag für Tag bei den Dreharbeiten vorführen müssen - was manchmal in wunderbaren Slapstick ausartet -, geraten auch die anderen Darsteller sichtlich ins Schwanken. Auf einmal sieht sich jeder dazu gezwungen, Selbstverständlichkeiten zu überprüfen, zu überlegen, in welcher Rolle man eigentlich stecken möchte und wer die eigene womöglich besser spielen könnte.

In seinem ersten Spielfilm, "Stilles Land" (1992), hat Dresen schon einmal das "abgehobene" Schauspielermilieu benutzt, um auf raffinierte Weise Gegenwart zu reflektieren. Dort probt eine Theatertruppe in der DDR-Provinz Becketts "Warten auf Godot", während in Berlin die Mauer fällt. Obwohl er keinerlei Bilder zeigt vom großen historischen Geschehen, gibt es kaum einen präziseren Film darüber, wie die Hoffnungen des damaligen Aufbruchs überrollt wurden von ihrer plötzlichen Erfüllung.

Ein bisschen ist es so, als hätten die Figuren in "Whisky mit Wodka" einst an jenem Theater gearbeitet. "Ich hab mich damals auf dem Klo gebildet. Leider konnte ich nicht so viel scheißen, wie ich hätte lesen sollen", sagt Hübchens Otto an einer Stelle. Ohne sie zu auch nur zu erwähnen, zieht "Whisky mit Wodka" eine Art melancholische Bilanz nach 20 Jahren Wende: Man ist gealtert, die Möglichkeiten sind vielfältiger geworden, aber ihre Nutzung erscheint weniger verlockend.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de