Buchhandlung Taranta Babu: Eine Insel der Sprachen

Es ist eine der letzten alternativen Buchhandlungen Deutschlands, ein Relikt aus den 70er-Jahren: Die Dortmunder Buchhandlung Taranta Babu feiert ihr dreißigjähriges Bestehen.

Gastarbeiterkinder sollten Literatur in ihren Muttersprachen bekommen - so entstand die Idee zum Buchladen Taranta Babu. Bild: dpa

"Hier ist meine Insel", sagt Hasan Sahin. Er steht an der Theke des Literaturcafés Taranta Babu und gießt langsam kochendes Wasser auf die frischen Minzblätter. Den Kopf neigt er dabei nahe an das Glas heran. Auf seinem rechten Auge ist er blind geworden, mit dem linken sieht er nur noch Umrisse.

Dennoch bewegt sich Sahin, 63, schnell und sicher zwischen Café und benachbartem Buchladen hin und her. Schritte, die er seit 30 Jahren geht - als Vorsitzender des "Vereins zur Förderung der interkulturellen Lesekultur", der Café und Buchladen in der Humboldtstraße, in Dortmunds Klinikviertel, betreibt. Es ist eine der letzten alternativen Buchhandlungen Deutschlands, ein Relikt aus den 70er-Jahren.

Mit seiner Gründung 1979 entwickelte sich das Taranta Babu schnell zum Kulturtreffpunkt. Hier lasen Autoren wie Peter Kurzeck, Peter Paul Zahl, der brasilianische Kulturminister Fernando Morais oder die Filmemacherin Emine Sevgi Özdamar; Initiativen von Attac, Rosa-Luxemburg-Club oder Dortmunder Autoren haben im Taranta Babu ihren Stammtisch.

"Ich höre hier täglich vier bis fünf verschiedene Sprachen", sagt Sahin, "wie in meiner Kindheit auf der Insel Büyükada vor Istanbul." Dort lebten Griechen zusammen mit Türken, Armeniern und anderen Volksgruppen. Miteinander leben, jeder in seiner Sprache, aber mit einer gemeinsamen Verkehrssprache - so lautet von jeher Sahins Lebensmotto.

Als 27-Jähriger kam er 1974 nach Dortmund. Er hatte 10 US-Dollar in der Tasche und sprach kein Wort Deutsch. Statt an der Fachhochschule sein in der Türkei begonnenes Fotografiestudium fortzusetzen, gründete er zusammen mit Lehrern und Gastarbeitern schon bald einen der ersten Ausländervereine der Stadt. Es ging um gemeinsame Freizeitgestaltung für deutsche und ausländische Kinder. "Heute redet man über Konzepte für Migranten", sagt er. "Wir haben damals schon gehandelt."

Sahin lernte schnell Deutsch. Mit den Freunden Holger Ziebler und Freddy Schneider-Pass gründete er 1978 den Arbeitskreis "Gemeinsam Lesen", um Gastarbeiterkindern auch Literatur in ihren Muttersprachen zu beschaffen. So entstand auch die Idee zum Buchladen Taranta Babu. Der Name, erinnert an eine äthiopische Freiheitskämpferin, der der türkische Schriftsteller Nazim Hikmet Gedichte aus dem Gefängnis widmete.

"In der Buchhandlung geht es uns auch um Minderheiten, deren Sprachen verboten wurden", sagt Sahin. Als Kind musste er selbst ein Pogrom gegen die griechische Minorität auf Büyükada miterleben, verlor dabei Freunde. Als Student und Mitglied der verbotenen Türkischen Sozialistischen Arbeiterpartei wurde er 1968 verhaftet, floh aus dem Gefängnis nach Frankreich und gelangte später nach Deutschland.

Das Taranta Babu ist seit Jahren Ziel rechtsradikaler Anschläge in Dortmund. Hakenkreuze an der Hauswand, zertrümmerte Fensterscheiben sind keine Seltenheit. Man ließ sich nicht einschüchtern. Auch die ständigen Geldsorgen haben den Verein nicht mürbe gemacht. Auch wenn Sahin daran denkt, sich langsam aus der Leitung zurückzuziehen, um künftig hier und in der Türkei zu leben.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben