Politik nebenan: Frauenfeindliche Öffnungszeiten

Einen Kita-Platz zu finden, ist für Mütter oft ein Problem. Aber auch wenn einer ergattert ist, haben Berufstätige wie die Berlinerin Ulrike Schrimpf-Oehlsen Stress

Kita-Platz: Zwischen fünf und sieben Stunden am Tag. Bild: ap

Sie hat es wieder geschafft. Um neun Uhr war Johannes in der Kita, eine halbe Stunde später war sie bei der Arbeit, um halb vier hat sie das Büro verlassen und ihren Sohn gerade noch rechtzeitig abgeholt. Jetzt sitzt Ulrike Schrimpf-Oehlsen vor einem Eltern-Kind-Café in Berlin-Prenzlauer Berg vor einer Tasse Tee. Neben ihr spielt Johannes in einem Sandkasten.

Die 34-Jährige ist alleinerziehend und berufstätig. Als ihr Sohn 14 Monate alt war, sollte er in eine Kita kommen. Ob das klappen würde, war aber bis zuletzt unklar: "Wir haben erst in der Woche davor Bescheid bekommen", erinnert sie sich. An die erste Kita denkt sie mit Schrecken: Wie in vielen Betrieben gab es eine Stechuhr. Entscheidend war, dass das Kind keine Minute zu spät abgeholt wurde - sonst musste extra bezahlt werden.

Seit einem Jahr ist Johannes in einer anderen Tagesstätte, mit der die Mutter sehr zufrieden ist. "Die sind sehr kulant. Ich kann mein Kind auch mal ein bisschen früher hinbringen", sagt sie. Ulrike Schrimpf-Oehlsen hat eine halbe Stelle an der Charité, wo sie Fortbildungsprogramme für Ärzte, die ins Ausland gehen oder aus anderen Ländern nach Berlin kommen, organisiert.

Damit steht ihr ein Kita-Platz zwischen fünf und sieben Stunden am Tag für ihren Sohn zu. Am frühen Abend bietet die Philologin Sprachkurse und Seminare in interkultureller Kommunikation an. Dann helfen ihr Nachbarinnen oder Freundinnen. Oder ihr Schwestern oder ihre Eltern. "Das kostet schon manchmal Nerven", sagt sie und erzählt von dem anstrengenden Gefühl, ständig jemandem dankbar sein zu müssen: "Das ist auch eine psychische Belastung." Im Kinder-Kiez Prenzlauer Berg hat die alleinerziehende Mutter in mancherlei Hinsicht Glück gehabt. "Das ist schon toll mit den ganzen Spielplätzen, den vielen Kitas und Eltern-Kind-Cafés", sagt sie. Überhaupt stehen Eltern in Berlin vergleichsweise viele Betreuungsangebote zur Verfügung.

"In den ländlichen und traditionell katholischen Gebieten sieht es schon ganz anders aus", sagt Peggi Liebisch vom Verband der alleinerziehenden Mütter und Väter, "da sagt man noch gar nicht Kita. Da ist das noch der Kindergarten - und der macht mittags zu." Auch in Berlin aber schließen viele Kitas um 17 oder 18 Uhr, Zeiten, die für manche Arbeitnehmerin schwierig zu schaffen sind.

"Das betrifft gerade auch typische Frauenberufe im Schichtbetrieb wie etwa Krankenschwestern", sagt Peggi Liebisch. Und Berufe, die Flexibilität erfordern, wie der von Ulrike Schrimpf-Oehlsen, die freiberuflich ihre Seminare anbietet. "Es geht ja nicht um eine Kita bis neun, irgendwann sollen die Kinder ja auch ins Bett", sagt die Mutter. Aber wenn bis sieben geöffnet wäre, "da wäre schon viel geholfen." Und das nicht nur für alleinerziehende Mütter. "Das ist ein grundsätzliches Problem berufstätiger Mütter", betont Peggi Liebisch, "Alleinerziehende sind einfach nur in größerer Anzahl berufstätig und deshalb häufiger betroffen."

Freizeit ist für Ulrike Schrimpf-Oehlsen ein rares Gut: Wenn sie von der Arbeit kommt, holt sie ihren Sohn ab. Einkaufen, putzen, Freunde treffen - im Prinzip läuft das alles mit Kind ab. Auch im kinderreichen Prenzlauer Berg vermisst sie eine gewisse Solidarität zwischen den Müttern: "Es wäre schön, wenn wir uns mehr zusammentun würden." Vorerst aber ist sie oft auf sich selbst gestellt. "Und Babysitter kann man sich ja auch nicht ständig leisten, wenn man nicht voll arbeitet", sagt sie.

Ist ihr Sohn krank und lässt sich privat niemand auftreiben, der sich um Johannes kümmert, muss sie ihre Termine absagen. "Ich liebe Kinder und hätte gerne noch mehr", sagt Ulrike Schrimpf-Oehlsen, "in meiner Situation bin ich aber auch froh, dass ich nur eines habe."

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Gleiche Löhne: Die Wirtschaft soll gleiche Löhne für gleiche Arbeit "pragmatisch umsetzen" durch " freiwillige Lohntest" in Firmen mit dem Computerprogramm Logib, das in der Schweiz schon zum Einsatz kommt. Tarifparteien sollen Arbeitsbeschreibungen von typischen Frauen- und Männerjobs in Tarifverträgen überprüfen.

Elterngeld: Einführung eines "Teilelterngeldes" bis zu 28 Monate. Eltern können wählen, ob sie einen vollen oder halben Elterngeldmonat nutzen. Die Eltern arbeiten reduziert und erhalten für das ausfallende Einkommen Teielterngeld.

Kitas: Betreuungsplätze für Kinder unter Drei ausbauen bis 2013, ab dann gilt das Recht auf einen Kitaplatz für Kinder ab dem ersten Lebensjahr. Kitabesuch soll langfristig beitragsfrei werden. Einführung eines monatlichen "Betreuungsgelds" für Eltern, die Kinder daheim aufziehen.

CDU-Wahlprogramm

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DAS WILL DIE SPD

Gleiche Löhne: Gesetz für gleiche Löhne: Betriebsräte und Antidiskriminierungsstelle des Bundes sollen das Recht erhalten, vom Arbeitgeber eine statistische Entgeltanalyse nach Geschlechtern zu verlangen. Durch Einführung eines Mindestlohns Frauen in schlecht bezahlten Jobs helfen. Öffentliche Aufträge gehen nur an Betriebe mit gleicher Entlohnung von Männern und Frauen. Frauenquote von 40 Prozent in Aufsichtsgremien von Unternehmen.

Elterngeld: Wollen, dass Mütter und Väter gleichzeitig Elterngeld und Elternzeit in Anspruch nehmen können. Zahl der Partnermonate von zwei auf vier (12+4) erhöhen und den gleichzeitigen Anspruch auf Teilzeitbeschäftigung und Elterngeld von sieben auf 16 Monate erweitern.

Kitas: Ab 2013 ab 1. Geburtstag Rechtsanspruch auf Betreuung - soll ausgeweitet werden auf Ganztagsbetreuung. Wollen gebührenfreie Bildung von der Kita bis Hochschule.

SPD-Wahlprogramm

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DAS WOLLEN DIE GRÜNEN

Gleiche Löhne: Fordern Gleichstellungsgesetz für die Privatwirtschaft mit Zielvorgaben. Verbandsklagerecht im Antidiskriminierungsgesetz, "damit Frauen nicht alleine gegen die Firmen klagen müssen". 50-Prozent-Quote für Frauen in Aufsichtsräten. Öffentliche Aufträge gehen "bevorzugt" an Firmen, die Gleichstellung ernst nehmen. Gesetzlicher Mindestlohn als "Beitrag zur Geschlechtergerechtigkeit". Überarbeitung der Eingruppierungskriterien im Öffentlichen Dienst.

Elterngeld: Wollen Elterngeld weiterentwickeln durch "einen bedarfsgerechten Sockelbetrag für Geringverdienende und Studierende".

Kitas: Rechtsanspruch auf "flächendeckende" und "ganztägige" Betreuung für Kinder ab dem ersten Lebensjahr. Anteil der Männer beim pädagogischen Personal in Kitas "deutlich erhöhen".

Wahlprogramm der Grünen

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DAS WILL DIE FDP

Gleiche Löhne: Wenig Konkretes, dafür Lösungshinweise: Teilzeit auch für Führungskräfte und "Mentoring" in Firmen für die Unterstützung von Frauen. Begrüßen betriebliche "Diversity-Strategien" aber wollen keine "Gleichmacherei" von Männern und Frauen.

Elterngeld: Fordern, das Elterngeld an das Brutto- und nicht an das Nettoeinkommen zu knüpfen, damit eine Schlechterstellung von Eltern wegen einer ungünstigen Steuerklasse vermieden wird. Gewährung eines Mindestelterngeldes an Hartz-IV-Empfänger ist angesichts der Einkommensersatz-Funktion zu überprüfen. Die Interessen von Selbständigen müssen stärker berücksichtigt werden: Elternzeit auch wochen- oder tageweise mittels "Zeitbudget" gewähren.

Kitas: Rechtsanspruch auf einen ganztägigen Kinderbetreuungsplatz ab Vollendung des ersten Lebensjahres eines Kindes ab 2013 - fordern dafür einen "bedarfsgerechten Ausbau" und schrittweise Abschaffung der Elternbeiträge für Kitas. Ausgabe von Bildungs- und Betreuungsgutscheinen an Familien.

FDP-Wahlprogramm

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DAS WILL DIE LINKE

Gleiche Löhne: Die Linkspartei will eine bessere Bezahlung für Berufe, in denen vorwiegend Frauen beschäftigt sind, sowie eine bessere rechtliche Absicherung durch ein Verbandsklagerecht durchsetzen. Ebenso fordert sie ein Gleichstellungsgesetz für die Privatwirtschaft, das Firmen zu Maßnahmen verpflichtet, bis eine 50-Prozent-Quote für Frauen auf allen Qualifikationsstufen erreicht wurde.

Elterngeld: Die Linken wollen ein "sozial ausgestaltetes Elterngeldkonto": für Väter und Mütter einen nicht übertragbaren gleichen Anspruch auf jeweils zwölf Monate - für Alleinerziehende auf 24 Monate. Eltern dürfen in 2-Monats-Abschnitten bis zum 7. Lebensjahr des Kindes in Elternzeit gehen.

Kitas: Die Partei fordert eine gebührenfreie öffentliche Kinderbetreuung - flächendeckend mit einem Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung für jedes Kind ab dem ersten Lebensjahr. Öffnungszeiten sollen flexibler werden.

Wahlprogramm der "Linken"

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