Essener Verlag

Hombach spart die WAZ klein

Fallende Auflagen, Probleme in Thüringen und auf dem Balkan: Trotz schwarzer Zahlen will WAZ-Chef Bodo Hombach nach der Redaktion jetzt den Verlag zusammenstreichen.

Deutschlands größte Regionalzeitung wird kleiner: Im WAZ-Verlag sollen 200 Stellen wegfallen. Bild: dpa

ESSEN taz | Nach der Redaktion jetzt der Verlag: Die Essener WAZ-Mediengruppe will auch bei Geschäftsstellen und Verwaltung massiv sparen und deshalb Arbeitsplätze abbauen. Schon in der kommenden Woche sei dazu eine Betriebsversammlung geplant, so WAZ-Geschäftsführer Bodo Hombach in Essen. Gewerkschafter rechnen mit 200 wegfallenden Stellen. Hombach betonte, er kenne diese Zahl erst aus der nicht-konzerneigenen Presse: "Aber wenn mir eine solche Hausnummer vorgesetzt wird, will ich sie nicht dementieren." Im Verlagsbereich beschäftigt die Mediengruppe derzeit noch rund 1.500 MitarbeiterInnen.

Entschärfen wollte Hombach die neue Hiobsbotschaft mit einer Bilanz seiner Kürzungsorgie im redaktionellen Bereich. Bei den vier Titeln Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ), Neue Ruhr/Neue Rhein Zeitung (NRZ), Westfälische Rundschau (WR) und Westfalenpost (WP), mit denen der Konzern seinen nordrhein-westfälischen Heimatmarkt bedient, sind bereits 287 von 870 Redakteursstellen verschwunden. Dazu sei aber "nicht eine einzige betriebsbedingte Kündigung" nötig gewesen, betonte der WAZ-Geschäftsführer übereinstimmend mit den Betriebsräten der vier Titel.

Grund dafür dürften die guten Bedingungen sein, mit denen Hombach seinen RedakteurInnen einen Abschied schmackhaft gemacht hat: Pro Beschäftigungsjahr zahlt die Mediengruppe eine Abfindung von 13,7 Monatsgehältern - wer sich beeilte, bekam noch einmal eine "Sprintprämie" von 60 Prozent oben drauf. "Über 100 Kolleginnen und Kollegen haben davon Gebrauch gemacht", sagte WAZ-Betriebsrätin Barbara Merten-Kemper der taz. Über 100 weitere KollegInnen nutzen die staatlich geförderte Altersteilzeit, weitere Planstellen wurden über den Wechsel in Teilzeit abgebaut.

Die "schwierige Operation Stellenabbau" koste die WAZ einmalig 30 Millionen Euro, rechnete Hombach vor. Dem stünden künftig Einsparungen von 28,5 Millionen Euro im Jahr gegenüber. "Ich muss mich bei den Betriebsräten bedanken", so der ehemalige Kanzleramtsminister von SPD-Bundeskanzler Gerhard Schröder. Die hätten "die Interessen ihrer Kolleginnen und Kollegen sehr intensiv vertreten", aber "betriebswirtschaftliche Zwänge" letztlich akzeptiert. Der "tiefste Einschnitt in der Geschichte der Redaktion" sei insgesamt "sehr harmonisch" umgesetzt worden, revanchierte sich WR-Betriebsrat Jörg Tuschhoff.

Allerdings ächzen die Redaktionen nach dem Wegfall jeder dritten Stelle nun unter der "hohen Arbeitsbelastung" und verlängerten Arbeitszeiten, klagen die Betriebsräte. Selbst der Chefredakteur des Konzern-Flaggschiffs WAZ, Ulrich Reitz, will deshalb noch einmal "nachjustieren" und denkt über hausinterne Versetzungen nach.

Die dürften auch nötig sein: Nach Einführung eines Zentralredaktionskonzepts unter Leitung von Reitz, bei dem ein Groß-Newsdesk in der Essener Konzernzentrale die überregionalen Seiten von WAZ, NRZ und WR beliefert, der Schließung von drei Lokalredaktionen in Werl, Hilden und Soest sowie der Zusammenlegung von zehn weiteren Redaktionen klagen die Leserinnen und Leser nicht nur über den neuen "Einheitsbrei". Auch die Auflage sinkt: Deren Entwicklung sei "ärgerlich, aber durchschnittlich", räumte Hombach ein.

Indirekt bestätigte der WAZ-Geschäftsführer sogar Zahlen, die der taz im August zugespielt wurden. Danach verlor allein die WAZ im Juli - also keine zwei Monate nach Einführung der neuen Zentralredaktion - über 8.000, WR und NRZ jeweils über 4.000 Abonnements. Allerdings bildeten diese "in die Öffentlichkeit lancierten Zahlen" nur "eine Ausnahmesituation direkt nach Schließung der Lokalredaktionen" ab und seien deshalb nicht repräsentativ, sagte Hombach.

Konkrete Zahlen für die einzelnen Blätter wollte er aber ebenso wenig nennen wie Konzernsprecher Paul Binder: Die Mediengruppe veröffentlicht im Rahmen der Auflagenstatistik nur einen Gesamtüberblick, der auch den Iserlohner Kreisanzeiger mit einschließt. Danach sank die Gesamtauflage auf dem nordrhein-westfälischen Heimatmarkt von 902.603 Exemplaren im ersten Quartal 2009 auf 886.338 Stück in den Monaten April bis Juni. Nicht zufriedenstellend sei besonders die Entwicklung bei der in Dortmund erscheinenden WR, so Hombach: "Wir haben uns aber entschieden, dieses Problem nicht so übel zu nehmen."

Der Geschäftsführer denkt deshalb über neue Geschäftsfelder nach: Schließlich lasten auf dem Konzern, der seinen Jahresumsatz - inklusive der Beteiligungen, an denen die Gruppe mit über 50 Prozent eingestiegen ist - mit 1,4 Milliarden Euro angibt, keine "drückenden Schulden". Trotz der Abfindungsorgie schreibt die Gruppe auch 2009 schwarze Zahlen. So will die WAZ will ihren knapp 25-prozentigen Anteil am regionalen Fernsehsender NRW.TV so weit wie möglich ausbauen. Auch eine Stärkung des WAZ-Portals derwesten.de ist denkbar, nachdem in der Online-Redaktion trotz Sparzwangs bereits 20 neue Stellen geschaffen wurden.

"Diskussionsbedarf" gebe es dagegen bei den Blättern in Thüringen, wo die Mediengruppe die Thüringer Allgemeine, die Ostthüringer Zeitung und die Thüringische Landeszeitung herausgibt. Problematisch sei auch die Situation auf dem Balkan, wo die WAZ in Rumänien, Bulgarien, Kroatien, Ungarn, Serbien, Montenegro und Mazedonien aktiv ist. "Von 12 Prozent Wachstum ist die Wirtschaft dort in eine 15-prozentige Rezession gerutscht", warnt Hombach bereits heute: "Das bleibt nicht folgenlos."

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