Kommentar Integration: Der zu heiße Stuhl

Ein Minister, der für die Integration verantwortlich ist, müsste dafür in Zukunft den eigenen Kopf hinhalten - und würde an seinen Erfolgen auf diesem Felde gemessen.

Es gibt vieles, was für ein Integrationsministerium spricht. Ein solches Amt könnte konkrete Ziele formulieren, sie mit entsprechenden Maßnahmen angehen und mit nachprüfbaren Zahlen evaluieren. Es könnte Aufgaben in der Zuwanderungs-, Sozial- und Arbeitsmarktpolitik bündeln und strategisch planen. Der Minister oder die Ministerin, mit eigenem Geld und eigenen Zuständigkeiten, würde ernster genommen als eine Staatssekretärin oder ein "Beauftragter", die lediglich als Diener ihrer jeweiligen Chefs fungieren. Nicht zuletzt würde man damit symbolisch anerkennen, dass Deutschland längst ein Einwanderungsland geworden ist - eine Einsicht, gegen die sich gerade die Union jahrzehntelang gesperrt hat.

Doch dazu wird es nicht kommen. Stattdessen sollen die Zuständigkeiten für das Thema stärker gebündelt werden, heißt es aus den Koalitionsverhandlungen. Aber wo? Bislang war die Integration bei Wolfgang Schäuble angesiedelt. Der berief in seiner vergangenen Amtszeit zwar einen löblichen, wenn auch ergebnislosen "Islam-Gipfel" ein, richtete sein Augenmerk ansonsten aber vor allem auf Fragen der inneren Sicherheit und der europäischen Abschottung. Integration aber ist etwas anderes. Das Bildungsministerium wäre besser geeignet, Integration als Aufgabe der Schulen, Kitas und Universitäten zu gestalten, hat aber kaum Einfluss auf die Länder. Bleiben noch das Arbeits-, das Familien- oder gar das Justizministerium als mögliche Kandidaten.

Fragt sich nur, wer das heiße Eisen überhaupt anfassen möchte. Bislang war es ja leicht, über Versäumnisse bei der Integration zu schimpfen und dafür wahlweise "die Türken", "die Kopftuchmädchen" oder gar die Gemüsehändler verantwortlich zu machen. Ein Minister, der für die Integration verantwortlich ist, müsste dafür in Zukunft den eigenen Kopf hinhalten - und würde an seinen Erfolgen auf diesem Felde gemessen.

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Daniel Bax ist Autor und Journalist und schreibt zu Themen wie Migration, Integration und Religion, über Rassismus und Antisemitismus, Popkultur und globale Musik. 2015 erschien sein Buch “Angst ums Abendland” über antimuslimischen Rassismus. 2018 veröffentlichte er das Buch “Die Volksverführer. Warum Rechtspopulisten so erfolgreich sind.” Er war von 1998 bis 2017 Redakteur bei der taz: im Kulturteil, im Ressort "Meinung und Debatte" und im Inlandsressort. Heute leitet er die Stabsstelle Kommunikation und Wissenstransfer am Deutschen Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM). Er lebt in Berlin.

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