Kommentar OECD-Migranten-Studie

Gegen die Wand

Das Problem liegt nicht nur an der mangelnden Qualifikation. Selbst wenn Migranten Abitur haben und studieren, werden sie auf dem deutschen Arbeitsmarkt benachteiligt.

Dass Kinder von Einwanderern in Deutschland oft ohne Abschluss auf der Straße landen, ist nicht neu. Doppelt so oft wie ihre deutschstämmigen Altersgenossen stehen junge Migranten ohne Ausbildung oder Abitur da, hat die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) jetzt berechnet.

Dass sie deshalb auf dem Arbeitsmarkt schlechte Chancen haben, ist kein Geheimnis, das erst ein Thilo Sarrazin hätte enthüllen müssen. Seine Schelte über "fehlenden Integrationswillen" war trotzdem falsch. Immerhin bringt es die viel gescholtene "Parallelgesellschaft" mit sich, dass viele Einwandererkinder trotz fehlender Abschlüsse überhaupt einen Job finden - und sei es im Taxibetrieb des Schwagers oder beim Onkel im Gemüseladen.

Das Problem liegt aber nicht nur in mangelnder Qualifikation. Denn selbst wenn sie Abitur haben und studieren, sind Kinder von Einwandern auf dem deutschen Arbeitsmarkt benachteiligt, stellten die OECD-Forscher überrascht fest. Mit anderen Worten: Türkischstämmige Schüler haben es schwerer, an eine Lehrstelle zu kommen, als ihre deutschen Freunde. Abiturienten mit Migrationshintergrund finden seltener einen Ausbildungsplatz als Schon-immer-Deutsche. Und selbst Uni-Absolventen stoßen an Grenzen, wenn sie Öztürk oder Kandemir heißen, statt den Nachnamen Müller oder Schulze zu tragen.

Bildungserfolge von Migranten würden in Deutschland wohl "nicht ausreichend honoriert", formulieren die OECD-Experten höflich - was nichts anderes bedeutet, als dass viele Einwanderkinder bei der Stellensuche gegen eine unsichtbare Wand aus Vorurteilen fahren. Kein Wunder, dass sich viele türkischstämmige Akademiker nach dem Studium lieber in der Türkei nach einem Job umsehen als in dem Land, in dem sie geboren und aufgewachsen sind.

Deutschland hätte die Möglichkeit, hier gegenzusteuern. Nicht nur im Bildungssystem, um die Integration schon in den Kitas und Grundschulen zu fördern; gerade die öffentliche Verwaltung muss endlich mit gutem Beispiel vorangehen. Nirgendwo in Europa finden sich auf den Ämtern so wenig Mitarbeiter, die einen Migrationshintergrund aufweisen, wie hierzulande. Die neue Bundesregierung könnte da ein prominentes Signal setzen - etwa indem sie erstmals einen Minister mit Migrationshintergrund in ihre Reihen beruft.

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Jahrgang 1970, ist seit 1998 bei der taz. Er schreibt über Migration und Minderheiten, über Politik und Popkultur. Sein Buch "Angst ums Abendland. Warum wir uns nicht vor Muslimen, sondern vor den Islamfeinden fürchten sollten" ist gerade im Westend Verlag erschienen.

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