Gelehrte zu Gast bei Horst Köhler: Der Präsident lässt denken

Drei ganze Tage lang bat Horst Köhler Gelehrte zu Tisch, um über die Vielfalt der Moderne zu diskutieren. Hat er etwas gelernt? "Die Antworten sind nicht einfach", sagt er.

Horst Köhler (CDU, rechts), begrüßt den Leiter des Deutschen Stiftungszentrums, Ambros Schindler. Bild: dpa

Der Bundespräsident wird im politischen Berlin gerade nicht gebraucht. Nächste Woche, wenn Angela Merkel im Bundestag wiedergewählt ist, wird er das neue Kabinett zum Gruppenbild empfangen und die Ernennungsurkunden aushändigen. An diesem Dienstag jedoch streitet die künftige Regierung noch über Schattenhaushalte und neue Schulden, das Gegenteil dessen, was sich Horst Köhler einst von Schwarz-Gelb versprach.

Da darf er sich um Angenehmeres kümmern. Zum dritten und letzten Mal im Laufe eines Jahres hat er die Weisen der Welt zu jeweils drei Tagen in seinen Amtssitz geladen. Gelehrte jeden Kulturkreises, jeder Altersgruppe, jeden Geschlechts waren in Bellevue vorgefahren. Zumindest auf den ersten Blick ein angenehmer Kontrast zum Einerlei der deutschen Geisteswissenschaften, wo gewöhnlich ältere Herren über rein europäische Themen diskutieren.

Die Versuchsanordnung war immer die gleiche. Die Wissenschaftler saßen um einen großen runden Tisch, diskutierten die "Vielfalt der Moderne", wie die Veranstaltungsreihe hieß. Der Präsident und seine Frau saßen dabei, hörten zu. Es hatte etwas Höfisches. "Der König und die Philosphen", wie einer der Teilnehmer am letzten Abend sagte.

Das Thema ist vielleicht das umfassendste in den Sozialwissenschaften. Lange hing man in Europa, ob ausgesprochen oder unausgesprochen, der Idee der einen Moderne an. Abweichungen vom westlichen Weg waren nur in der Kategorie einer Rückständigkeit vorstellbar, die mit den Mitteln generös zugemessener Entwicklungshilfe zu beheben war. Mit dem Konzept verbunden war der Glaube an einen Fortschritt, der den Gesellschaften des alten Westens mittlerweile abhandengekommen ist. Die Idee, dass sich andere Weltregionen auch selbst entwickeln können, löst Ängste aus.

Andernorts ist man weniger resignativ. Der ägyptische Philosoph Hasan Hanafi, der an einem islamischen Modernekonzept arbeitet, der indische Sozialwissenschaftler Ashis Nandy, die senegalesische Schriftstellerin Aminata Sow Fall: Sie alle vertraten ihre Thesen am Dienstagabend mit einer Energie und einem Selbstbewusstsein, die man bei deutschen Intellektuellen meist vergebens sucht. Allerdings taten sie es wiederum mit Ideen aus dem Westen - zumal Hanafi demonstrierte eine Kenntnis der deutschen Geistesgeschichte, die hierzulande schon wieder altmodisch erschiene.

Hat Köhler, haben die rund 180 geladenen Gäste der Abschlussveranstaltung dabei etwas gelernt? Die Zuhörer, zumeist professionelle Globalisierungsarbeiter aus Wissenschaft und Politik, Religion und Diplomatie, hatten mehrheitlich die bereitliegenden Kopfhörer für die Simultanübersetzung souverän ignoriert. Keiner will sich des Provinzialismus verdächtig machen, so hat man es als weltläufiger Nachkriegsdeutscher gelernt.

Mit indischem Englisch oder senegalesischem Französisch sind die meisten dann aber doch überfordert. Nur zaghaft lassen sich die Zuhörer anschließend beim Wein auf eine Auswertung der Debatte ein. "Wenn ich das richtig verstanden habe", sagen sie dann einschränkend, oder auch "soweit ich folgen konnte". Dabei hätte angesichts der recht unterschiedlichen Wissenschaftskulturen, in denen die gleichen Begriffe oft Unterschiedliches bedeuten, auch die exakte Übersetzung nur bedingt geholfen.

Köhler selbst hat sich an den drei Tagen emsig Notizen gemacht. An mangelndem Fleiß oder fehlender Lernbereitschaft kann es also nicht liegen, wenn auch er am Ende ratlos bleibt. "Die Antworten sind nicht einfach", sagt er, bevor er zum Empfang bittet - und zeigt auf die Gelehrten: "Die denken für uns alle. Dafür bin ich dankbar."

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