Workshop im Rudi-Dutschke-Haus: Labor für Nachwuchstazzler

Die taz räumt am Montag vier Seiten frei, damit 20 junge Möchtegern-Journalisten sie befüllen können. Eigentlich wollte die Redaktion das Thema für die Seiten vorgeben - doch jetzt kommt alles ganz anders.

Diese 20 Nachwuchsjournalisten hatten vier Tage, um vier leere Seiten zu füllen. Bild: Anja Weber

Wenn die taz andere Leute einlädt, um das Blatt zu befüllen, dann ist das immer ein Experiment. Als die "Lieblingsfeinde" Kai Diekmann (Bild-Chefredakteur), Jürgen Fliege (Fernsehpfarrer) und Rudolf Scharping (SPD) die taz für einen Tag übernehmen durften, kam unter anderem ein Interview mit Helmut Kohl dabei heraus. Diesmal konnten 20 mehr oder weniger erfahrene Jungjournalisten vier Seiten in der taz ganz nach eigenem Gusto gestalten - und wieder ist das Ergebnis einigermaßen überraschend.

Eigentlich war das Thema fest vorgegeben: "Wer hat Angst vor Schwarz-Gelb?" Wir hatten uns wohl vorgestellt, die jungen Leute würden dort über die Nachteile der neuen Regierung schreiben und die benachteiligten Zielgruppen durchdefinieren. Aber nichts da, antworteten die Teilnehmer: Angst vor Schwarz-Gelb? Wir doch nicht!

In dem Editorial stellt der Nachwuchs klar: "Selber schreiben heißt selber denken." Als Journalist in spe seien sie keine Dienstleister für die von der Redaktion erwarteten Inhalte: "Autoritäten sind irgendwie bäh." Ok, wir haben verstanden!

Andererseits - zeigt nicht gerade diese Widerborstigkeit den Erfolg des Experiments? Schließlich heißt es in der Eigendarstellung der taz-Akademie, die sich über Spenden und Zustiftungen finanziert, man wolle "die Erfahrungen und Überzeugungen aus dreißig Jahren taz-Unabhängigkeit weitergeben". Und Respektlosigkeit gehörte schließlich immer schon zu dieser Zeitung.

Bevor es an die Rebellion ging, stand aber noch die Theorie auf der Tagesordnung des Seminars. Arno Luik (Ex-taz-Chefredakteur, jetzt beim Stern) sprach über die Kunst, ein gutes Interview zu führen: Gute Vorbereitung und immer gleich die wunden Punkte ansprechen. Sein Stil zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass er viel mit Behauptungen statt mit Fragen arbeitet und das Gespräch als Kampf mit offenem Visier versteht.

Das verstehe er als Aufgabe der Presse als vierter Gewalt, sagte er. Er wolle Aufklärung schaffen, die Leser unterhalten und sein Gegenüber dazu bekommen, sich selbst zu demaskieren, was er an zahlreichen Beispielen aus seinen Interviews der vergangenen Jahren und Jahrzehnte erläuterte. Eine kleine Reise in die Geschichte gab es auch beim Workshop zur "Ethik des kritischen Qualitätsjournalismus". Die taz-Urgesteine Michael Sontheimer (heute beim Spiegel) und Ute Scheub (inzwischen Freie Journalistin) konnten das Thema mit zahlreichen Anekdoten aus ihrer langjährigen journalistischen Erfahrung lebendig machen.

Auf den Redaktionskonferenzen verhandelten die 20 Teilnehmer, welche Artikel sie auf ihre vier Seiten bringen wollen. Dabei begleitete die Referentin Elisabeth Schmidt-Landenberger den Entstehungsprozess der Texte mit vielen Tipps. Ein paar ihrer Grundregeln: Adjektive vermeiden! Starke Verben verwenden! Den Leser (gerade am Textanfang) nicht ins kalte Wasser werfen!

Das Ergebnis steht am Montag in der taz, einige Texte stehen auch online (siehe links) und außerdem gibt es die gesamten vier Seiten auch als PDF zum Download. Im taz-Blog beschreiben außerdem die beiden Teilnehmerinnen Emilia Smechowski und Mareile Reiners ihre Eindrücke vom Workshop. Hier das Editorial der Ausgabe:

Editorial

Die Frage: Wer hat Angst vor Schwarz-Gelb? Unsere Antwort: Wir nicht! Angst bedeutet Lähmung, Stillstand. Angst haben paralysierte Kaninchen, nicht wir.

Doch ein bloßes Nein ergibt noch keinen Artikel und füllt keine vier Seiten. Wer sich nicht streitet, hat schon verloren. Wir sind ja hier bei der taz. Linker Meinungspluralismus nennen die das. Wie der in der Praxis aussieht, erleben wir bei der Redaktionssitzung. Doch die Option, mit einem "Ihr könnt mich alle mal!" den Raum zu verlassen, haben wir 20 Workshop-Teilnehmer nicht. Wir wollen ja Erfahrungen sammeln. Kompromissbereitschaft ist gefragt.

30 Jahre taz in 4 Tagen Workshop. Wir werden gemästet - mit Informationen, Lebensgeschichten, Tipps und belegten Broten. Nach schneller Aufteilung in diejenigen, die nach den Ursachen des Wahlergebnisses fragen, und diejenigen, die mögliche Konsequenzen beschreiben, geht es ans Werk. Die taz-Zentrale wird zum Bienenstock schwarz-gelber Fragen. Die alten Hasen der Schwerpunktredaktion stehen uns zur Seite - mit Rat statt Tat: "Soll ich dir das machen? Hm. Ne, des kannste auch selber."

Die Arbeit an den eigenen Sonderseiten wird strategisch unterbrochen von Theorieseminaren. Die Ethik und die Sprache des kritischen Journalismus. Die Kunst, ein Interview zu führen. Große Namen (Scheub, Sontheimer, Luik) werden im Gespräch zu Menschen (die Ute, der Michael, der Arno). Was treibt euch an? Warum schreibt ihr, wie ihr schreibt? Kurzes Zögern, dann: "Ich will die Welt verändern! Drunter mach ichs nicht." Die Ute lacht.

Qualität kommt von Qual, hören wir, kehren zurück zu unseren Laptops und schreiben. Die Feldforscher unter uns sind mittlerweile in ganz Berlin verstreut: 350 Angies sammeln sich vor dem Brandenburger Tor. Wir besuchen einen Carrotmob, führen Interviews und fotografieren. Über den Newsticker gelangen die Ergebnisse der Koalitionsverhandlungen in die Redaktion. Die Mächtigen in Deutschland haben das Land neu unter sich aufgeteilt. Schwarz-gelbe Tatsachen wurden geschaffen. Haben wir jetzt Angst? Als Quereinsteiger und Journalist in spe sind wir keine Dienstleister.

Selber schreiben heißt selber denken. Autoritäten sind irgendwie bäh.

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