Neuer Gentechnologiebericht: Deutsche Forschung an der Spitze

Die Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften attestiert Deutschland Modellcharakter in der pflanzengenetischen Forschung. Gentechpflanzen bleiben umstritten.

Wenn der Mensch Hand anlegt: Die Gentechpflanze MON 810 von Monsanto wird als Paradebesispiel der Grünen Gentechnik gezeigt. Bild: ap

Noch nehme Deutschland bei der Grünen Gentechnik eine Spitzenposition ein. "Die pflanzengenetische Forschung in Deutschland ist gut bis sehr gut und hat Modellcharakter", berichtet Bernd Müller-Röber, Professor für Molekularbiologie an der Universität Potsdam, bei der Vorstellung des Zweiten Gentechnologieberichts der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (BBAW). Doch Müller-Röber, der dem zehnköpfigen Autorenteam des Berichts angehört, befürchtet, dass dies nicht mehr lange so bleiben wird. Die zunehmende Zerstörung von Freilandversuchen hemme die Forschung. "Es ist in diesem Jahr dramatischer denn je", beklagte er.

Die Grüne Gentechnologie ist nur ein Bereich von mehreren Forschungsgebieten, die in dem BBAW-Bericht aufgeführt sind. Auf 461 Seiten liefert der Bericht ein "umfassendes Monitoring" zu den aktuellen Entwicklungen auf den Gebieten Stammzellforschung, Gendiagnostik, Gentherapien und Grüne Gentechnik. Zu jedem Themenbereich werden der Stand der Technik, aktuelle Entwicklungen und eine Einschätzung, wohin es gehen wird, aufgeführt. Auch werden besondere Probleme aufgezeigt und Handlungsempfehlungen für Wissenschaftspolitiker gegeben.

Vor vier Jahren legte die BBAW ihren ersten Band vor. Danach gab es noch vier Ergänzungsbände, etwa zu der seinerzeit heftig umstrittenen Forschung mit humanen Stammzellen.

Forscher durften nur mit Zelllinien arbeiten, die vor dem Stichtag 1. Januar 2002 hergestellt worden waren. Die BBAW setzte sich damals für einen sogenannten mitlaufenden Stichtag ein, damit die deutschen Forscher immer mit den neueren aus Embryonen hergestellten Stammzellen forschen könnten. Der Bundestag blieb 2008 jedoch bei einem festen Stichtag, der aber auf den 1. Mai 2007 verlegt wurde.

Heute hat sich der Streit über Stammzellen entspannt. Denn mittlerweile setzten die Forscher vor allem auf induzierte pluripotente Stammzellen (iPS), zu deren Herstellung keine Embryonen getötet werden müssen.

Gestritten wird in letzter Zeit fast nur noch über die Grüne Gentechnik. Der BBAW-Bericht kritisiert hier vor allem die Politik: So habe vor fünf Jahren die EU-Kommission zwar das Anbaumoratorium für Gentechpflanzen aufgehoben, trotzdem wurden "in der EU keine neuen Sorten zum Anbau zugelassen". Und selbst die einzige Gentechpflanze, die bisher kommerziell angebaut wurde, der Mais MON 810 von Monsanto, ist in vielen Ländern - unter anderem in Deutschland - wieder verboten worden. Für die BBAW-Autoren ist klar: Potenzielle Risiken müssen immer im Einzelfall bei der Zulassung überprüft werden. Grundsätzliche Einwände gegen transgene Pflanzen akzeptieren die BBAW-Forscher jedoch nicht. Denn schließlich existierten auch nach über einem Jahrzehnt ihrer Nutzung "kein Beleg dafür, dass transgene Pflanzen besonders negative gesundheitliche Auswirkungen besitzen", heißt es in dem Bericht.

Die BBAW wird das Gentechnologie-Monitoring auch künftig weiterführen. "Mit dieser Langzeitbeobachtung sind wir ein Vorreiter auf diesem Gebiet", sagte BBAW-Präsident Günter Stock. Diese Monitoring-Berichte seien von "unschätzbaren Wert, erklärte der Medizinprofessor, der unter anderem mehrere Jahre dem Schering-Vorstand angehörte. Damit gebe es eine wissenschaftliche Grundlage für die Diskussion über die Gentechnologien.

Die Kritik, dass sich die BBAW-Arbeitsgruppe als Lobbyist für die Gentechnologie betätige, weist Stock von sich. Die interdisziplinäre Arbeitsgruppe der BBAW versteht sich selbst als ein "Observatorium der Gentechnologie". Stock räumt zumindest ein, dass mit den Berichten auch die Interessen der Wissenschaftler vertreten werden. Das ist auch nicht zu übersehen, denn fast alle der Autoren sind selbst in der Genforschung aktiv.

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