Norwegens erstes Osmose-Kraftwerk: Kaffee kochen mit Kraft des Salzes

Norwegens erstes osmostisches Kraftwerk ist in Betrieb genommen worden. Dabei wird die Energie genutzt, die frei wird, wenn Salzwasser auf Süßwasser trifft.

Auch noch hübscher als ein AKW: Norwegens erstes Osmose-Kraftwerk. Bild: dpa

STOCKHOLM taz | Wenn Süßwasser und Salzwasser sich treffen, entsteht eine Energie erzeugende Reaktion. Diesen Knackwursteffekt, der beispielsweise die Haut salziger Bockwürstchen durch das hineindrängende heisse (Süß-)Wasser platzen lässt, nützt man in Norwegen jetzt zur Elektrizitätsgewinnung aus. Am Dienstag wurde am Oslo-Fjord das weltweit erste osmotische Kraftwerk in Betrieb genommen.

"Erneuerbare Energie, die im Gegensatz zu Sonnen- oder Windenergie unabhängig vom Wetter in stabiler und voraussehbarer Menge zur Verfügung steht", schwärmt Stein Erik Skilhagen, Projektleiter beim staatlichen Energiekonzern Statkraft.

Der arbeitet seit 10 Jahren an dieser Art der Stromerzeugung und glaubt an die Zukunft der Salzkraft. Die Anlage am Ufer des Oslofjords bei Tofte, gebaut in einer ehemaligen Chlorfabrik, ist nur ein kleiner Anfang. Mit ihr will man Erfahrungen sammeln und die produzierte Energie von rund 1500 bis 2000 Watt reicht gerade für den Betrieb einer Kaffeemaschine oder eines Staubsaugers aus.

Das Salzkraftwerk nutzt das physikalische Prinzip der Osmose. Die Natur strebt immer nach einer Balance. Trifft Süßwasser als die weniger konzentrierte Lösung auf Salzwasser, wird diese stärker konzentrierte Lösung durchdrungen, bis sich beide im "Gleichgewicht" befinden, die gleiche Konzentration aufweisen.

Trennt man Salz- und Süßwasser durch eine Membran, wird das Süßwasser durch diese hindurch zum Salzwasser hinübergezogen, wodurch auf der Salzwasserseite ein Überdruck entsteht. Das führt zu einer Ausweitung des Volumens der Wassersäule auf dieser Seite des Systems. Das unter Druck stehende Wasser treibt eine Turbine zur Stromerzeugung an und verlässt die Anlage als Brackwasser ins Meer.

Theoretisch wurde das Prinzip eines solchen Salzkraftwerks bereits in den siebziger Jahren von dem israelischen Forscher Sidney Loeb entwickelt. Für eine Realisierung war die Entwicklung geeigneter Membranen der Knackpunkt. Diese sollen nämlich einerseits für Süsswasser leicht durchlässig sein, während sie andererseits das Salzwasser trotz des entstehenden starken Drucks auf "seiner" Seite halten müssen. In der "Knackwurst" soll sich kräftig Druck aufbauen, sie darf aber nicht platzen.

Die Anlage in Tofte besteht aus 66 Druckröhren mit einer Membranfläche von 2000 Quadratmetern aus Acetylzellulose. Pro Quadratmeter dieser Membran lässt sich aktuell ein Effekt von knapp einem Watt erzeugen. Man hofft demnächst mit effektiveren Membranen für 2-3 Watt arbeiten zu können, das Ziel ist eine Leistung von 5 bis 6 Watt pro Quadratmeter.

Geht alles nach Plan, soll 2015 das erste kommerzielle Salzkraftwerk in Betrieb genommen werden. Gross wie ein Fussballplatz sollen dann 4 bis 5 Millionen Quadratmeter Membranfläche 20 bis 25 Megawatt erzeugen und damit den Bedarf von rund 20.000 Haushalten decken.

Als Standorte bieten sich vor allem Flussmündungen an, wo Süß- auf Salzwasser trifft. Ein mögliches Potential für Kraftwerke mit einer Leistung von 200 Terrawattstunden in Europa und 1700 Terrawattstunden weltweit – etwa die Hälfte der jährlichen europäischen Stromproduktion – haben die Statkraft-Techniker für künftige Salzkraftwerke errechnet. Und kostenmässig glaubt man mit Offshore-Windkraft konkurrieren zu können.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de