Bürgerkrieg in Kolumbien: Die preiswerte Grausamkeit

Landminen sind im kolumbianischen Bürgerkrieg eine strategische Waffe, die einfach, billig und effizient ist. Vor allem die Guerilla nutzt diese Waffe.

Kinder nehmen häufig die nicht explodierte Munition zum Spielen mit. Bild: dpa

CALDONO taz | "Da oben sind die Granatsplitter durch das Dach geschlagen." Mit der flachen Hand zeigt Lehrer Francisco nach oben. 30 Paar Kinderaugen folgen der angezeigten Richtung. Zwischen zehn und zwölf Jahre alt sind seine Schüler an der Grundschule im kleinen Dorf Caldono in der kolumbianischen Provinz Cauca. Die Reparatur der Schäden ist deutlich zu sehen.

Cauca ist Kriegsgebiet. In den schwer zugänglichen Bergregionen der Provinz geht die Armee gegen die Guerilla vor und treiben paramilitärische Gruppen ihr Unwesen. Gefechte, Bombardierungen und Detonationen gehören für die Zivilbevölkerung in den kleinen Weilern auf den Bergketten zum Alltag. Als in Caldono die Schule plötzlich mitten im Sperrfeuer von Armee und Guerilla lag, erwies sich der nach einer Seite offene Schulhof als lebensgefährlich. Zum Glück wurde niemand verletzt. Jetzt verbinden kleine Durchgänge in den Wänden die Klassenräume und bieten einen Fluchtweg.

Doch die größte Gefahr lauert außerhalb der Schule. "Dort, wo die Guerilla oder die Soldaten waren, sollen wir alles Verdächtige nicht anfassen, denn das kann etwas Explosives sein." Wenn der kleine Manuel auf dem Pfad bei Wind und Wetter zwei Stunden zur Schule geht, dann muss er gut aufpassen. "Ein Korb, eine Tasche oder auch ein Ball - das alles kann mit Sprengstoff gefüllt sein", weiß der Zehnjährige.

Vom 30. November bis 4. Dezember findet im kolumbianischen Cartagena die zweite Überprüfungskonferenz der Ottawa-Konvention zur Ächtung von Antipersonenminen statt. 156 Staaten haben die Konvention seit ihrem Inkrafttreten 1999 unterschrieben. Sie verbietet Einsatz, Weiterverbreitung, Lagerung sowie Produktion von Antipersonenminen. Außerdem sucht die Konvention die weltweite Stigmatisierung und das Verbot von Landminen. In Cartagena soll die weitere Durchsetzung der Ottawa-Konvention für die kommenden fünf Jahre definiert werden. Kolumbien ist am stärksten von Antipersonenminen betroffen. Nach dem jüngsten "Landmine Monitor" der Internationalen Kampagne für das Verbot von Landminen (ICBL), der seit 1999 die humanitären Auswirkungen von Landminen, Streumunition und nicht explodierter Munition verfolgt, wurden 2008 mindestens 5.197 Unfälle mit Minen, nicht explodierten Munitionen und anderen Sprengkörpern registriert, 777 davon in Kolumbien. Nur in Afghanistan waren es mit 992 Opfern mehr. Damit überholte erstmals seit 2005 Afghanistan wieder Kolumbien in den Opferzahlen. (j.v.)

Von Antipersonenminen und nicht explodierter Munition sprechen Fachleute - für die Menschen in Cauca ist beides eine alltägliche und lebensbedrohende Gefahr. Nach Angaben der internationalen Kampagne für das Verbot von Landminen werden in Kolumbien die meisten Menschen weltweit durch Blindgänger und Minen getötet. Von 1990 bis September 2009 haben die kolumbianischen Behörden offiziell 8.034 Opfer von Landminen und nicht explodierter Munition verzeichnet. Kolumbien hat damit weltweit die meisten Minenopfer. 65 Prozent der Opfer wurden aufseiten der Armee und Polizei registriert, 35 Prozent sind Zivilisten. Wie viele Minen im Boden, im Wasser und auf Bäumen versteckt sind, ist jedoch schwer zu schätzen.

"Kolumbien ist ein Land, in dem täglich mehr Minen gelegt, als entschärft und beseitigt werden", bestätigt Jorge Bastidas von der Organisation Tierra de Paz. Zufall ist es deshalb nicht, dass in Kolumbien die zweite Überprüfungskonferenz der Ottawa-Konvention zur Ächtung von Antipersonenminen stattfindet. Vom 30. November bis 4. Dezember werden sich in Cartagena die 156 Vertragsstaaten treffen, die die Konvention seit ihrem Inkrafttreten 1999 unterschrieben haben. Sie verbietet den Einsatz, die Weiterverbreitung, Lagerung sowie Produktion von Antipersonenminen. Kolumbien war zum 1. März 2001 beigetreten.

Minen sind im kolumbianischen Bürgerkrieg eine strategische Waffe vor allem der Guerilla. Sie sind billig und einfach herzustellen, zudem sehr effektiv. Minen verursachen gegenwärtig die meisten Opfer unter den Soldaten. Die Kapazität, Minen zu räumen, ist sehr beschränkt und kann nur vom Militär vorgenommen werden. Und dort, wo Minenräumkommandos zum Einsatz kommen, werden sie von der Guerilla als Teil des militärischen Vorgehens des Staates gegen sie ausgelegt. Sollen doch die Minen verhindern, dass Bodentruppen vordringen.

Heute ist die Guerilla in einer weitaus defensiveren Position als noch vor sieben Jahren. Damals hatte die Regierung von Präsident Álvaro Uribe mit einer durchaus erfolgreichen militärischen Offensive besonders gegen die Farc-Guerilla begonnen und sie zunehmend in die Bergregionen gedrängt. Im September 2008 hatte der gegenwärtige Farc-Kommandant Alfonso Cano in einen Interview mit der Zeitung El Espectador angekündigt, dass die Guerilla verstärkt auf den Einsatz von Minen zurückgreifen werde.

"Wenn ich etwas Verdächtiges sehe, gehe ich zu meinem Lehrer und erzähle es ihm." Die Lehrer an Manuels Schule wurden von den Mitarbeitern von Tierra de Paz geschult. Vor dem Schulgelände steht ein großes Schild: "Waffen verboten".

Tierra de Paz leistet als Partner der Diakonie-Katastrophenhilfe und dem Amt für humanitäre Hilfe der Europäischen Gemeinschaft ECHO seit acht Jahren Aufklärungsarbeit und Hilfe zum Thema Minen und nicht explodierte Munition in der Provinz Cauca. Besonders die Minen sind schwer zu erkennen. "Minen sind Fallen, in die jemand hineintappen soll, und es gibt eine Unzahl von selbst gebastelten Varianten", erklärt Jorge Bastidas. Seit die Armee versucht, die Guerilla auch aus den Bergen in Cauca zu verdrängen, leidet die Zivilbevölkerung unter der Militarisierung ihrer Dörfer und Gemeinschaften. Im Ortskern graben sich die Soldaten ein. Fast immer in der Nähe der Schule, der Kirche oder der Polizeistation. Die Guerilla feuert mit Sprengkörpern Marke Eigenbau mehr schlecht als recht auf die kleinen Stützpunkte. Die elfjährige Nilda erzählt von den Schießereien, die oft zwei, drei Tage dauern. "Einmal haben sie das Haus meiner Tante beschossen, gegenüber der Polizeistation. Eine selbst gebastelte Bombe hatte es zerstört."

Während Erwachsene die Mehrzahl der Minenopfer ausmachen, werden besonders viele Kinder wegen fehlender Aufklärung Opfer von nicht explodierter Munition. Was vor allem die Kinder anzieht, ist die nicht explodierte Munition. Eine Mischung aus Neugier, Spieltrieb und Unwissenheit verleitet Kinder und Jugendliche dazu, nicht detonierte Sprengkörper aufzuheben und mitzunehmen. Auch dem 13-jährigen Juan ist dies passiert. Auf dem Nachhauseweg fanden er und zwei Freunde eine nicht explodierte Granate.

"Weil sie so rostig war, haben wir gedacht, die ist schon alt, und haben sie mitgenommen." Zu Hause versuchten sie die Metallhülle zu öffnen, zuerst mit einem Messer, dann mit einem Schraubenzieher und am Ende mit einer Spitzhacke. Leise erzählt Juan weiter. Sie wollten das Schießpulver und vielleicht Silvesterkracher basteln. Ohne Erfolg. Dann wurden sie von Juans Onkel überrascht, vor Schreck fiel Juan die Granate auf den Boden und explodierte. Er und sein Freund hatten sagenhaftes Glück, der Onkel aber wurde von den Metallsplittern erheblich verletzt.

"Viele Kinder sind von Kriegserlebnissen traumatisiert", sagt Lehrer Francisco. Und sie müssen mit ihren Erlebnissen ganz allein fertig werden. Es gibt keine psychologischen Hilfsprogramme, auch die Familienstrukturen bieten oft keinen Rückhalt, sind wegen der Kriegssituation häufig zerrüttet. Die Schule ist oftmals der Ort der Ruhe, die Ablenkung und auch eine warme Mahlzeit bietet. So auch für die kleine Meira. "Einmal waren wir im Haus bei meiner Tante zum Fernsehschauen, und um zehn Uhr nachts kam die Guerilla. Es ist ganz schlimm, man weiß nie, ob man sterben oder überleben wird. Meine Tante wurde am Kopf von einer Granate getroffen, und der ganze Kopf ist weggeflogen. Dann ist die Granate eingeschlagen. Und ich habe alles gesehen …" Die Tränen ersticken ihre Stimme.

Billig und effizient

"Wir haben einen Konflikt, in dem eine finanziell, technisch und an Mannstärke sehr gut ausgerüstete Armee auf eine Guerilla trifft, die sich wesentlich über den Drogenhandel finanziert, aber dennoch unterlegen ist", analysiert Bastidas. Das bringe die Guerilla dazu, Antipersonenminen einzusetzen. "Denn Minen sind billig und aus militärischer Sicht sehr effizient." Ein General erklärte kürzlich, dass mehr als 50 Prozent der Verletzten und Toten unter den Soldaten Opfer der Minen sind.

Auch für die kolumbianische Menschenrechtsorganisation CODHES sind die Minen das wichtigste Verteidigungsmittel der Guerilla. Und sie haben noch eine andere Wirkung: die Vertreibung der Menschen. Legt man eine Karte mit den Vertreibungen über eine Karte mit verminten Gebieten, stellt man eine erstaunliche Übereinstimmung fest, so Jorge Rojas, Direktor von CODHES. Aber es ist sehr schwer, Zahlen zu nennen, denn es ist unklar, wer wegen der Minen flieht und wer nicht fliehen kann, weil es so viele Minen gibt. Dennoch gibt es einen direkten Zusammenhang.

"Hier ist das Dorf, auf diesem Weg wurde Sprengstoff gefunden, hier ist ein Gelände vermint." Jaime erläutert die Karte, in der sein Dorf und die Umgebung eingezeichnet sind. Für viele Gebiete gibt es keine Karten, in denen Minen oder nicht explodierte Munition eingezeichnet sind. Deshalb werden alle Informationen in selbst gefertigte Risikokarten eingezeichnet, die die betroffenen Gemeinden von den Straßen und Wegen erstellen. Auch die Beobachtungen der Kinder werden auf der Karte verzeichnet.

"Wenn wir die Verminung nicht verhindern können und eine Räumung nicht effektiv durchführbar ist, bleibt nur ein besserer Selbstschutz der Bevölkerung, damit sie in größerer Sicherheit leben kann", beschreibt Jorge Bastidas das Bemühen der Arbeit von Tierra de Paz. An der Schule in Caldono geht der Unterricht weiter. Manuel und Nilda sitzen wieder auf ihrer Bank. Auch Meira hat die Tränen getrocknet: "Ich möchte mal Ärztin werden, damit nicht noch mehr Menschen in den Kämpfen sterben, weil es keine Ärzte gibt."

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