Neuköllner Bürgermeister über seinen Kiez: "Minarette verbieten? Das ist unklug!"

Neukölln ist für Bürgermeister Buschkowsky mehr als ein Problembezirk. Ein Gespräch über Weltkulturerbe im Kiez, rückschrittliche Herdprämien und Fortpflanzungsangebote an seine Frau.

„Natürlich geht mir auch manches auf den Zünder. Dinge, die die Welt nicht braucht, hat Neukölln reichlich." Bild: dpa

BERLIN taz | „Neukölln macht Spaß“, sagt sein Bürgermeister Heinz Buschkowsky im sonntaz-Gespräch. Allen Problemen des Bezirks zum Trotz. Er ist aufgewachsen in diesem ärmsten Bezirk im ohnehin schon wenig wohlhabenden Berlin und weiß, dass es dort mehr gibt als nur Armut, Rütli-Schule, graue Fassaden, Hundekot und junge Kreative, die vom Norden her in den Kiez Kreuzkölln sickern.

Doch der Bezirk, der mit 300.000 Einwohnern größer ist als so manche deutsche Stadt hat mehr zu bieten. Normalerweise kämen Leute zu ihm, um den „Schmuddelkram“ zu hören. „Wenn man das Geschichtsbuch aufschlägt, sieht man, dass die Welt zum Teil gar nicht denkbar ist ohne Neukölln“, sagt Buschkowsky – und schwärmt von Turnvater Jahn, der in der Hasenheide den modernen Sport erfand, von der doppelten Olympiasiegerin Britta Steffens, dem architektonischen Weltkulturerbe Hufeisensiedlung, von Arbeiterabiturkursen und der Musikschulbewegung, die hier ihren Anfang nahm. „Da geht einem doch das Herz auf.“

Buschkowsky ist in den vergangenen Jahren immer wieder mit provokanten Äußerungen aufgefallen. 2004 konstatierte er: „Multikulti ist gescheitert“. Dieses Jahr schimpfte er über die Pläne der schwarz-gelben Bundesregierung, Eltern Geld zu zahlen, wenn sie ihre Kinder zu Hause erziehen, statt sie in die Kita zu schicken. „Bei diesem Quatsch könnte ich wieder zum Juso werden. Weil diese Herdprämie einfach nur rückschrittlich ist“, sagt er nun gegenüber der sonntaz.

Werdegang: Geboren 1948, aufgewachsen in einfachen Verhältnissen, machte eine Ausbildung zum Diplomverwaltungswirt und trat der SPD bei. Seit späten Siebzigern arbeitete er sich in der Neuköllner Bezirkspolitik nach oben, vom SPD-Fraktionschef bis zum Bezirksstadtrat. Seit 2001 ist er dort Bürgermeister.

Provokationen: Bundesweit bekannt wurde Buschkowsky durch provokante Äußerungen wie "Multikulti ist gescheitert" im Jahr 2004. Auch 2009 klopfte er mit einer Äußerung auf den Putz: Mehr Geld für Eltern, die ihre Kinder nicht in die Kita schicken? Schlechte Idee, so Buschkowsky: "In der deutschen Unterschicht wird es versoffen, und in der migrantischen Unterschicht kommt die Oma aus der Heimat zum Erziehen, wenn überhaupt."

Doch der Urneuköllner Buschkowsky, der in Bukow aufwuchs, sieht seinen Bezirk nicht nur positiv. „Natürlich geht mir auch manches auf den Zünder. Dinge, die die Welt nicht braucht, hat Neukölln reichlich. Ich finde das nicht schön, wenn meine Frau nach Hause kommt und erzählt, dass sie heute wieder zweimal an einer roten Ampel ein Fortpflanzungsangebot erhalten hat.“

Die Schweizer Minarett-Abstimmung ist auch für ihn ein Thema – leben doch 150.000 Menschen aus 162 Nationen in seinem Bezirk, viele von ihnen muslimischen Glaubens. Buschkowsky hält das Verbot der Minarette aber nicht für eine kluge Entscheidung. „Der Islam ist da und er wird bleiben. Wenn ich Menschen die Gotteshäuser verbiete, dann wird das ewig ein Stachel im Fleisch sein. Wir müssen die unterstützen, die für einen modernen, reformierten Islam kämpfen.“ Das aber wollten die Leute nicht hören, so Buschkowsky.

Das vollständige Interview mit Erinnerungen an seine erste Pizza und seine Erfahrungen mit Kirsch-Whiskey, seinem Ärger über „Vollkasko-Mentalität“ und nichtexistente Hass-Buslinien lesen Sie in der sonntaz. Am 19. und 20. Dezember am Kiosk.

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