Kommentar Talibanangriff in Kabul: Völker versteht die Signale

Die Taliban zeigen mit ihrer Gewaltoffensive in der Hauptstadt effektiv, dass niemand an ihnen vorbei kommt.

Marschieren die Taliban in Kabul ein? Etwa zwanzig ihrer Selbstmordattentäter haben am Montag im Zentrum der afghanischen Hauptstadt wichtige Gebäude angegriffen, darunter den Präsidentenpalast. Erst nach einigen Stunden war der Spuk vorbei, der etwa ein Dutzend Tote forderte. Die Taliban marschieren (noch?) nicht in Kabul ein. Doch zeigt ihr Angriff, dass sie auch im militärisch gesicherten Zentrum der Macht zuschlagen können. Ihr Angriff dürfte deshalb weniger, wie vom US-Sonderbotschafter Richard Holbrooke behauptet, eine Verzweiflungstat sein als vielmehr wohlkalkuliert.

Das Ziel des Angriffs war nicht militärisch, sondern propagandistisch. Es ähnelt Rebellenangriffen auf die Machtzentren anderer Länder wie der Tet-Offensive des Vietcong 1968, der Geiselnahme der Sandinisten in Nicaraguas Nationalpalast 1978 oder auch der Terrorangriffe des 11. September 2001 in den USA oder in Bombay am 26. November 2008. Alle waren militärisch sinnlos, sendeten aber überaus wirksame Propagandasignale. Diese konnten die Wahrnehmung der jeweiligen Konflikte und damit zum Teil auch ihren Verlauf ändern.

Das ist jetzt noch nicht absehbar. Doch dürfte das Timing des Angriffs – am Tag der Vereidigung einiger Minister sowie wenige Tage vor der Londoner Afghanistankonferenz – bewusst gewählt sein. Die Taliban demonstrieren, dass es in Afghanistan selbst im Machtzentrum keine militärische Sicherheit geben kann.

Damit stellen sie die von US-Präsident Obama gewählte Truppenaufstockung mit dem Ziel einer militärischen Niederlage der Taliban als Irrweg dar. Das soll Aufstockungen erschweren und den Druck für eine politische Lösung nach Bedingungen der Taliban (Abzug aller ausländischen Truppen) erhöhen.

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Asienredakteur der taz seit 1997, vorher freier Journalist. Studierte Politologie sowie Communication for Development in Berlin und Malmö. Versucht asiatisch-europäische Begegnungen zu ermöglichen durch taz-Reisen in die Zivilgesellschaft, Workshops mit asiatischen JournalistInnen und Diskussionsverantaltungen in der taz-Kantine (Han Sens ASIENTALK). Schreibt manchmal auch über Segeln. www.fb.com/HanSensAsientalk @HanSensAsientalk

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