Ökonom über Weltwirtschaftsforum: "Die Regulierung kommt zu kurz"

Harvard-Ökonom Kenneth Rogoff warnt vor der nächsten Krise. Er sagt, den Menschen werde Ordnung nur vorgegaukelt.

"Wenn es so weitergeht, stecken wir in einigen Jahren wieder im Schlamassel": Börsenanzeige in Tokio. Bild: dpa

taz: Herr Rogoff, Sie bestreiten beim Weltwirtschaftsforum eine Veranstaltung über die "nächste globale Krise". Sind sich die Manager und Spitzenpolitiker der Gefahr bewusst, dass nach der Finanzkrise der Jahre 2008/2009 bald die nächste drohen könnte?

Kenneth Rogoff: Ich befürchte, dass sich mittlerweile eher eine verhängnisvolle Erleichterung durchsetzt. Viele sind einfach froh, dass es nicht zur großen Depression gekommen ist und die Märkte allmählich wieder Kraft schöpfen. Ich habe die Sorge, dass die Politiker auch hier in Davos über die Gefahr einer neuen Krise und einen besseren regulatorischen Rahmen reden, diesen Problemen in Wirklichkeit aber zu wenig Beachtung schenken.

56, lehrt als Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Harvard-Universität in Cambridge/USA. Er ist unter anderem Mitglied im Beirat der US-Notenbank Fed.

Sie fürchten, dass eine neue Spekulationsblase entstehen könnte. Wieso?

Wir haben es mit einem fatalen Mechanismus zu tun. Um die Wirtschaft zu unterstützten und die Banken zu retten, hat die US-Notenbank Fed die Zinsen nahe null gesenkt. Es herrscht eine Schwemme billigen Geldes. Dieses finanziert eine Rallye auf den Aktienmärkten. Investoren tauschen zudem Milliarden US-Dollar gegen Währungen wie den chinesischen Renminbi oder den brasilianischen Real ein, um von den dort höheren Zinsen zu profitieren. Diese Kapitalströme sind spekulationsgetrieben. Sie können sehr schnell die Richtung ändern und einen Zusammenbruch auslösen. Leider unternehmen die Regierungen und Zentralbanken heute viel zu wenig, um diesen Mechanismus zu durchbrechen.

Um sich gegen den Zustrom zu großer Mengen spekulativen Kapitals zu wehren, haben Brasilien und andere Länder Begrenzungen für Investoren eingeführt. Halten Sie es für gerechtfertigt, den freien Markt einzuschränken, um das Entstehen einer neuen Blase zu verhindern?

Brasilien erhebt eine zusätzliche Steuer auf Kapitalimporte. Solche Kapitalverkehrskontrollen können für Schwellenländer ein sehr vernünftiges Mittel sein, um sich gegen massive Geldimporte zu schützen. Die Gefahr besteht ja darin, dass die zufließenden Milliarden die Preise von Immobilien und Wertpapieren in die Höhe treiben. Ändern sich die Bedingungen, ziehen die Investoren ihr Geld aber auch sehr schnell wieder ab, was zum Zusammenbruch des künstlichen Booms, Firmeninsolvenzen und Arbeitslosigkeit führen kann.

Unternehmen die G-20-Staaten und der internationale Währungsfonds genug, um sich gegen neue Fehlentwicklungen zu wappnen?

Nein, die Regulierung der Finanzmärkte kommt entgegen den offiziellen Ankündigungen zu kurz. Die vorherrschende Strategie besteht eher darin, den Leuten vorzugaukeln, alles sei wieder in Ordnung. Aber das stimmt nicht. Bisher haben wir nur eine massive, teure Intervention der Regierungen erlebt, um den Zusammenbruch wichtiger Banken zu verhindern. Der neue legislative Rahmen, der die nächste Krise unwahrscheinlicher machen könnte, fehlt aber noch. Wenn es so weitergeht, stecken wir in einigen Jahren wieder im Schlamassel.

Welche Maßnahmen müssten die G-20-Staaten ergreifen?

Notwendig wären beispielsweise viel strengere Anforderungen an das Eigenkapital, das die Banken zur Sicherheit zurücklegen müssen. Das augenblickliche gültige Basel-II-Abkommen, das diese Fragen regelt, ist ein Witz. Und auch die gegenwärtige Fortentwicklung reicht bei weitem noch nicht aus. Die Banken sollen nur verpflichtet werden, für risikoreiche Geschäfte einige wenige Prozent eigenen Geldes in Reserve zu halten. Das allerdings hält sie nicht davon ab, mit leichten Änderungen weiterzumachen wie bisher.

INTERVIEW: HANNES KOCH

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