die wahrheit: Im Jahr des Tigers

Bastarde und räudige Hunde.

Nach fünf Jahren vor Ort beginnt man auch im großen China langsam Notiz von mir zu nehmen. Gerade ist mein Reisebuch "Allein unter 1,3 Milliarden" auf Chinesisch erschienen. Und neulich druckte das Massenblatt Huanqiu Shibao (Auflage: 1,8 Millionen) einen Artikel, in dem man mich für ein paar Texte lobte, die in verschiedenen deutschen Medien erschienen waren.

In einem davon hatte ich die Entwicklung Chinas mit der Indiens verglichen. Aufgrund verschiedener Fakten schnitt dabei China besser ab. Da die Chinesen wissen, dass eine solch nüchterne Betrachtung Chinas in deutschen Medien eher selten ist, endete der Artikel für mich sehr schmeichelhaft: "Ich wünsche mir", wird eine Frau Lin Ke aus Köln zitiert, "dass alle Medien im Westen so objektiv berichten wie Herr Schmidt." Nicht alle Leser teilten diesen Wunsch.

Das konnte man der Online-Ausgabe der Huanqiu Shibao entnehmen, wo der Artikel sofort Gegenstand einer aufgeregten Diskussion wurde. Innerhalb von 24 Stunden hatte man ihn rund 200 Mal kommentiert. Etliche Poster stimmten zwar in das Loblied auf mich ein ("Endlich ein Deutscher mit Gewissen"), andere aber wollten dem Braten nicht trauen: "Der größte Teil der deutschen Medien ist wahnsinnig. Und dieser Deutsche ist nur ein Feigenblatt, um diese sogenannte ,Pressefreiheit' zu simulieren."

Einige Kommentatoren machten sich auch um mich Sorgen: "Ich glaube, dieser Typ wird in Deutschland nicht mehr lange geduldet", und einer hatte sogar Mitleid mit mir: "Der arme gute Mensch. Es ist nicht leicht, ein guter Mensch zu sein im Westen." Den meisten aber war mein Schicksal herzlich egal. Sie nahmen den Artikel einfach zum Anlass, einmal mehr vom Leder zu ziehen. Weil mein Text auch von Indien handelte, wurden zunächst einmal die Inder beschimpft.

Für den nächsten Poster war Indien allerdings nur ein Nebenkriegsschauplatz: "Mein Gott! Chinas Rivale in Asien ist Japan, nicht Indien. Die Japaner sind räudige Hunde." Ach was, meinte ein Dritter: "Ich lebe zurzeit in Italien. Alle Italiener sind Bastarde." Und ein Vierter schloss: "Wir sind auf jeden Fall besser als Afghanistan."

Betrachtet man nur diese kleine Sammlung von Meinungsäußerungen, muss man feststellen: Die meisten chinesischen Online-Kommentatoren unterscheiden sich kaum von gewöhnlichen Spiegel-Online-Forums-Irren. Nur eine Art des Kommentars habe ich so noch nie in einem deutschen Forum gelesen: "Herr Schmidt", schrieb da ein freundlicher Poster, der offenbar über meinen Wohnort nicht ganz orientiert war, "wenn Sie das nächste Mal nach China kommen, lade ich Sie aus Dankbarkeit für Ihren Artikel herzlich zu einem originalchinesischen Essen mit ein bisschen Schnaps dazu ein."

Diese Zeilen haben mich wirklich sehr gerührt. Und sollte mich demnächst womöglich wieder einmal jemand fragen, weshalb ich denn nach fünf Jahren immer noch viel lieber in China als in Deutschland wohne, zeige ich ihm einfach diesen kleinen Beitrag und sage: "Darum und deshalb."

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