Rechtsextremismus: Nazis zur Umkehr gezwungen

Nur 175 Neonazis kamen anlässlich des Gedenktages des alliierten Luftangriffs nach Lübeck. Sitzblockaden von Antifaschisten versperrten ihnen den Weg. Am Rande kam es zu Ausschreitungen.

Braune Skelette: In einem Trauermarsch wollten Nazis den Opfern des 28. März 1942 gedenken. Doch es kamen weniger Kameraden als erwartet. Bild: dpa

Der braune Mob kam nicht weit: Nach 400 Metern "Trauermarsch" mussten am vergangenen Samstag in Lübeck die etwa 175 Neonazis umdrehen und wurden von der Polizei wieder nach Hause geschickt. Der Grund: Mehrere hundert Antifaschisten hatten an vier Punkten die angemeldete Route versperrt und durch Sitzblockaden unpassierbar gemacht.

Bereits um 7.30 Uhr hatten hunderte Polizisten damit begonnen, die Zufahrtsstraßen zur Marschroute der Rechten abzuriegeln. Doch hatten Gegendemonstranten zu dem Zeitpunkt längst Sitzblockaden errichtet. Gegen 12 Uhr versammelten sich zudem rund 1.500 Menschen, darunter Vertreter aus Kirchen, Parteien und Gewerkschaften, vor dem Lübecker Bahnhof, um gemeinsam gegen den Neonazi-Aufmarsch zu protestieren. Am Gewerkschaftshaus vereinte sich der Zug mit einer Demonstration der SPD Schleswig-Holstein.

Auf der anschließenden Kundgebung beklagte Bürgermeister Bernd Saxe (SPD), dass Lübeck alljährlich von den Neonazis heimgesucht werde, unter dem Vorwand, den Opfern des Bombenangriffs der Royal Air Force am 28. März 1942 zu gedenken. "Das wollen sie gar nicht", sagte Saxe. "In Wahrheit sind sie dafür viel zu verblendet." Denn es werde verschwiegen, dass der Bombenangriff ein Vergeltungsschlag für Luftangriffe auf England gewesen sei. "Der Krieg ging von Deutschland aus, wir sind die Kriegsverbrecher." Begonnen hatte die Kundgebung mit einem ökumenischen Gottesdienst des katholischen Erzbischofs Werner Thissen und der evangelischen Bischöfin Maria Jepsen. Die St. Lorenz-Kirche wurde zu diesem Zweck zu einem Blockadepunkt umfunktioniert - mit Kaffee, Brötchen und Klo.

Ein Fünftel der Innenstadt wurde zerstört, als 1942 in der Nacht vom 28. zum 29. März die Royal Air Force Lübeck bombardierte. Dabei kamen hunderte Menschen ums Leben, mehr als 15.000 Lübecker verloren das Dach über dem Kopf

Als Trauermarsch versuchen Neonazis seit 2002 den Gedenktag für ihre Propaganda zu nutzen

Verbannung aus der City: Während den Rechten zunächst ein Marsch in der City rund um das Holstentor genehmigt worden war, wurden sie in diesem Jahr auf die andere Seite des Bahnhofs verbannt

Als Pflichttermin gilt der Lübecker Trauermarsch in der norddeutschen Neonaziszene. Rund 300 Teilnehmer reisten im vergangenen Jahr an

Beim Eintreffen der rechten Kameraden versuchte der Initiator des Marsches und NPD-Bundesvorstandsmitglied, Thomas "Steiner" Wulff, den Einsatzleiter der Polizei dazu zu bewegen, alle Straßenblockaden zu räumen. Zudem wollte Wulff, dass Blockadeteilnehmer aufgefordert würden, "ihre Blockade aufzulösen, um sich einer anderen anzuschließen und diese zu verstärken". Der Einsatzleiter machte jedoch klar, ein Vorgehen gegen Blockierer von der "Gesamtlage" abhängig zu machen.

Am frühen Nachmittag jedoch stand fest, dass der "Trauermarsch" gescheitert ist. In Hörweite der ersten Blockade war auf dem "Ziegelteller" Schluss für die Nazis. "Kehren Sie zum Bahnhof zurück", schallte die Polizeiansage über den Straßenkreisel.

Auf der Abschlusskundgebung sagte der schleswig-holsteinische NPD-Vorsitzende Jens Lütke, nach 60 Jahren seien sie mit dem Marsch die Einzigen, die an den Bombenangriff auf die Hansestadt erinnerten. "Wir sind die, die die Geschichtsschreibung der Sieger nicht übernommen haben", sagte er und wetterte: "Wir wissen, dass die Deutschen nicht bloß Täter sind und die anderen bloß Opfer." Für die geringe Teilnehmerzahl des Marsches hatte der NPD-Politiker ebenfalls eine Erklärung. Denn im Vergleich zu den Vorjahren kamen weit weniger Rechte als erwartet nach Lübeck. "Egal, ob wir 100 oder 1.000 sind, wir haben es geschafft, dass heute Medien und Politik an den Bombenangriff erinnern", sagte Lütke. Auch Dank des Gegenprotestes, erklärte er, "sind die Toten unseres Volkes nicht vergessen". Großen Applaus aus den eigenen Reihen bekam der Schönredner allerdings nicht. Die Gegendemonstranten als Teil ihrer Aktion? Das gefiel den anwesenden Kameraden wohl kaum.

Zum Abschluss der Straßenblockaden kam es an der Schwartauer Allee dann doch noch zur Eskalation. Unvermittelt wurde die Polizei von einigen Antifaschisten mit Steinen angegriffen. Nach eigenen Angaben war die Gruppe aus Berlin angereist. Zum Zeitpunkt des Angriffs befanden sich die Neonazis bereits auf dem Bahnsteig, zur Abfahrt bereit.

Die Polizei schickte daraufhin Greiftrupps und Wasserwerfer in die Menge - es kam zu vereinzelten Ausschreitungen. Acht Personen wurden festgenommen, 14 kamen in Gewahrsam. "Das war ein völlig unnötiger Gewaltausbruch", kritisierten später einige Blockierer das Ereignis.

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