Die Woche: Wie geht es uns, Herr Küppersbusch?

Westergaard ist ein Opfer der Nächstenliebe, und Westerwelle ist wild.

taz: Herr Küppersbusch, was war schlecht letzte Woche?

Friedrich Küppersbusch: Die Umfragen.

Was wird besser in dieser?

Das Ergebnis.

Am Sonntag besucht Bundespräsident Horst Köhler China. Was sollte er dort ansprechen?

Dass der nächste wichtige Onkel aus Langnasenland nicht "Am Kohlsten" heißen muss. Na ja, dass wir es mit Dalai Mixa auch nicht so einfach haben und aber mördertolerant sind … hey, warum eigentlich? Nein, Köhler wuchtet ne Kiste Bionade neben die Teetässchen und sagt: Wir können niemandem das Recht bestreiten, die industrielle und die digitale Revolution nachzuvollziehen und uns dabei zu überholen. Wir können allerdings sagen: Wir wissen, wie es ausgeht, ökologisch. Wollen wir zusammen postindustrielle Produkte erfinden?

Neben Union und FDP haben auch die Grünen die Notkredite von bis zu 22,4 Milliarden Euro zur Rettung Griechenlands beschlossen. Ein finanzielles Harakiri für die Deutschen?

Na, so gesehen ist Griechenland doch ein Schnäppchen im Vergleich zur 500-Milliarden-Bürgschaft für die deutschen Banken, und sie können Athen der Jungen Union zum Spielen schenken. Allein die Rettung der Commerzbank lag schon bei 18 Milliarden, und mal ehrlich: Würden Sie in der Commerzbank Urlaub machen? Griechische Zeitungen haben an das Ressentiment erinnert, zuletzt seien die Deutschen ja in Wehrmachtsstiefeln da gewesen. Mehr ist zum Gelingen Europas nicht zu sagen: Es ist teuer, und es schafft Frieden.

Viele hatten gehofft, dass die EU dank des Lissabon-Vertrags endlich gestärkt würde. Stattdessen sorgt man sich nun um die Stabilität des Euros und den Zusammenhalt der Währungsunion. Macht sich jetzt die Desillusionierung breit?

Kommt ein Kunde in den Laden, erschießt man ihn nicht … nicht zuerst jedenfalls. Diese Idee liegt Europa zugrunde, das nicht umsonst mal Montanunion hieß und dann Europäische Wirtschafts-Gemeinschaft. Eben noch mörderische Kriege führende Nationalstaaten zum Abenteuerspielplatz fürs Kapital zu erklären hat also etwas für sich. Als Erste Hilfe. Dabei haben wir es allerdings belassen und weder Sozialstaat noch Kontrolle der Wirtschaft hinzuerfunden. Für ein paar Zocker und Wirtschaftskriminelle mag das der Wilde Westen sein und Wilder Westerwelle ihr Karl May: War nie da, weiß aber enorm Bescheid. Europa aber als Tal der Gesetzlosen wird scheitern.

Bei "Hart, aber fair" zum Thema Steuern antwortete die FDP-Politikerin Silvana Koch-Mehrin auf die Frage, um wie viel die Schulden des Landes während der Sendung wohl gestiegen seien: "Ich würde jetzt mal tippen: 6.000 Euro." Damit lag sie peinlich daneben. Koch-Mehrin - eine spätrömische Aufsteigerin von der Mövenpickpartei?

Rosinenpickpartei geht auch. Nirvana KM hetzte ihre Anwälte auch schon mal auf eine Sendung, an der sie selbst teilgenommen hatte und in der ihr kritische Fragen nicht mundeten. Es gibt Leute, die darauf bestehen, sich ohne jede fremde Hilfe selbst zu blamieren - das scheint hier gelungen.

Kurt Westergaard, der Mohammed-Karikaturist, darf nicht in der ZDF-Talkshow von Markus Lanz auftreten. Selbstzensur?

Es gibt Menschen, die es als einen Akt der Nächstenliebe betrachten würden, da nicht hinzumüssen. Beim Stern wurde früher zu jedem gedruckten Heft ungefähr ein zweites komplett weggeschmissen. Die Besetzung von Talkshows kann man sich getrost als Verzigfachung dieses Prinzips vorstellen: kilometerlange Absagelisten; Gäste, die nicht mit anderen Gästen mögen; Besetzungen, die von der Aktualität überholt werden. Der Spiegel, der hier aus Bruchstücken interner Mails einen Vorwurf gegen Lanz Redaktion und das ZDF erhebt, hat dessen Vorgänger "Kerner" mitproduziert. Da wurde im Spiegel nicht aus internen Mails zitiert. Westergaard muss sich im deutschen Fernsehen äußern können, frei und unzensiert.

Belgien hat ein Burkaverbot in der Öffentlichkeit auf den Weg gebracht. Richtig so?

Ich meine, man kann nur den Burkazwang verbieten. Mal davon ab, dass kurzsichtige Polizisten sonst bald Nonnen und Pinguine verhaften: Das Menschenunwürdige scheint mir nicht die Verkleidung, Vermummung, Tracht - sondern ein Zwang, sie zu tragen.

Und was machen die Borussen?

Nach so einer Saison fragt man sich, ob der BVB sich auf so ne Art Bundesliga-Betriebsrundgang spezialisiert: Wir stolpern mal gen Tabellenende, wir zupfen mal an der Champions League, und am Ende, nun ja. Platz fünf und internationaler Wettbewerb ist die bessere Version, das zu beenden. FRAGEN: CAK

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Jahrgang: gut. Deutscher Journalist, Autor und Fernsehproduzent. Seit 2003 schreibt Friedrich Küppersbusch die wöchentliche Interview-Kolumne der taz „Wie geht es uns, Herr Küppersbusch?".

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