Spannungen zwischen Süd- und Nordkorea: Torpedo gegen Versöhnung

Nachdem die Regierung in Seoul Nordkorea der Versenkung einer südkoreanischen Korvette überführt hat, kehrt der Kalte Krieg auf die koreanische Halbinsel zurück.

Die Spannungen zwischen Süd- und Nordkorea spitzen sich wegen des Untergangs des hier geborgenen südkoreanischen Kriegsschiffs «Cheonan» weiter zu. Bild: dpa

TOKIO taz | Südkorea hat den Bruderstaat im Norden offiziell beschuldigt, im März im Gelben Meer eine südkoreanische Korvette per Torpedo versenkt und dabei 46 Marinesoldaten getötet zu haben. Nach zweimonatigen Untersuchungen kam ein Expertenteam zu dem Schluss, dass ein nordkoreanisches U-Boot den Torpedo auf die "Cheonan" abgefeuert hatte. "Es gibt dafür keine andere plausible Erklärung", heißt es in dem Bericht.

Südkoreas Präsident Lee Myung Bak kündigte "energische Gegenmaßnahmen" an. Das Weiße Haus in Washington sprach von einem "weiteren Fall von Nordkoreas inakzeptablem Verhalten". Pjöngjang reagierte schnell: Die Nationale Verteidigungskommission, deren Vorsitzender Führer Kim Jong Il ist, nannte das Untersuchungsergebnis eine "Fälschung". Man wolle eigene Experten zur Prüfung nach Seoul schicken. Außerdem warnte die Kommission im Fall neuer Sanktionen vor einem "totalen Krieg".

China forderte Süd- wie Nordkorea zur Zurückhaltung auf. Nächste Woche wird US-Außenministerin Hillary Clinton in Seoul erwartet, um eine passende Antwort auf diesen tödlichsten Korea-Zwischenfall seit dem Bombenanschlag auf ein südkoreanisches Passagierflugzeug 1987 zu finden. Seoul dürfte den UN-Sicherheitsrat anrufen, die USA könnten schärfere Sanktionen verlangen.

Schon kurz nach dem Schiffsuntergang hatte Präsident Lee zur Stärkung der Verteidigungsbereitschaft aufgerufen. Dies könnte den Ausbau der Marine bedeuten. Südkoreas zehn U-Booten, zum Teil aus deutscher Produktion, stehen siebzig nordkoreanische gegenüber. Von denen können viele allerdings nur einen Torpedo tragen. Auch zusätzliche Manöver mit den USA sind angedacht. Außerdem sucht die Regierung Wege, den Geldbeutel von Nordkoreas Führung zu treffen. So könnte der Süden keinen Sand und keine Meeresprodukte aus dem Norden mehr kaufen. Diese Geschäfte laufen über Firmen der Armee und Partei, die mit den Devisen Luxusgüter kaufen. Dabei hat Südkorea das Dilemma, dass jede Eskalation dem eigenen Finanzmarkt und Wirtschaftsaufschwung schadet.

Der Verdacht gegen das Kim-Regime bestand von Anfang an, weil sich der Zwischenfall an der umstrittenen Seegrenze im Gelben Meer ereignete. Doch die Regierung in Seoul wollte sich sicher sein. Daher wurden die Wrackteile gehoben und der Meeresgrund mit Schleppnetzen abgefischt. Gefundene Metall- und Sprengstoffreste passen zu Torpedos, wie Nordkorea sie verkauft. U-Boote waren kurz vor dem Angriff aus einem Hafen in Nordkorea ausgelaufen und wenige Tage danach zurückgekehrt.

Mit dem Angriff wollte Pjöngjang vermutlich die Spannungen auf der Halbinsel anheizen. Die Sechs-Parteien-Gespräche über das nördliche Atomprogramm, die Pjöngjang ohnehin boykottiert, dürften nun auch Südkorea, die USA und Japan zeitweise auf Eis legen wollen. So könnte Nordkorea den Preis für die Rückkehr an den Verhandlungstisch hochtreiben. Mit dem Angriff übt das Regime wohl auch Vergeltung für ein Seegefecht im November, bei dem ein Nordkoreaner starb.

Offenbar erwartet Kim vom Süden keine Rückkehr zur früheren Sonnenscheinpolitik mehr. So hatte der Norden im April mehrere Gebäude einer südkoreanischen Ferienanlage in den nördlichen Kumgang-Bergen, ein Prestigeprojekt der Versöhnung, konfisziert und Personal ausgewiesen. Stattdessen suchte Kim den Schulterschluss mit China, das Ersatz für die eingestellte Hilfe aus dem Süden liefern soll. Bei seinem jüngsten Besuch in Peking soll er dabei aber auf taube Ohren gestoßen sein.

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