Arbeitsplätze: Elmshorner Lösung

Unternehmer Klaus Moeller lässt bei der insolventen Firma Affeldt die Arbeit wiederaufnehmen und holt die alten Affeldt-Leute aus der Arbeitslosigkeit zurück.

Den Arbeitskampf können sie nun beenden: Streikende bei Affeldt. Bild: dpa

Es war in den vergangenen Tagen ruhig geworden, in dem kleinen Örtchen Neuendorf in Schleswig-Holstein. Wenn man auf das Werksgelände der Firma Affeldt von der Bundesstraße 431 von Glückstadt nach Elmshorn blickte, sah man, dass sich dort nichts mehr rührte. Vor einem Monat hatten sich hier noch Ex-SPD-Umweltminister Sigmar Gabriel und sein grüner Ex-Kollege Jürgen Trittin in die Anti-Atom-Kette eingereiht.

Noch vor zwei Wochen tobte hier ein Arbeitskampf, Streikschilder prangten an den Fassaden. "Dieser Betrieb wird bestreikt." IG-Metall-Pavillons waren aufgebaut, der Lautsprecherwagen stand parat an der B 431, mittags und abends zog vom Werksgelände her neben dem Rauch der Feuertonnen auch der Duft von Grillwürstchen der Betriebsbesetzer über die Marschwiesen. Eine Belegschaft kämpfte in einem Verzweiflungsakt ums Überleben, streikte eine Woche lang, um dem Hamburger Insolvenzverwalter Klaus Pannen eine Verschnaufpause bei der Suche nach einem Investor zu verschaffen. Doch dieser Kampf schien zwischenzeitlich verloren.

Im wahrsten Sinne des Wortes war in letzter Minute der Unternehmer Guido Hiller von der Firma Igeadams aus dem niedersächsischen Bückeburg abgesprungen, der den insolventen Verpackungsmaschinenhersteller mit 135 Beschäftigten und 20 Auszubildenden teilweise übernehmen wollte. Hiller hatte laut Insiderberichten aus der taz erfahren, dass der gut aufgestellte Betrieb, der von der Beteiligungsgesellschaft MKB in den Ruin getrieben worden war, zum Verkauf ansteht. 47 Mitarbeiter und 20 Auszubildende wollte Hiller übernehmen, für den Rest wollte er eine Transfergesellschaft finanzieren.

Investor springt ab

"Es war alles im Detail ausgehandelt, der Vertrag musste nur noch notariell beglaubigt werden", sagt der zuständige IG-Metall-Bevollmächtigte Uwe Zabel. Die Hausbank habe seinen Kredit bewilligt, die Modalitäten der Transfergesellschaft waren in einer tarifpolitischen Einigungsstelle zwischen IG Metall, dem Insolvenzverwalter Pannen sowie dem Hamburger Arbeitsrichter Gunnar Rath ausgehandelt worden. "Sogar wem die Handy-Halter im Leasingwagen gehören, war geregelt worden." Doch dann sprang Hiller Minuten vor dem Notartermin plötzlich ab - warum weiß niemand. "Wenige Minuten vor der Betriebsversammlung, bei der wir die Lösung verkünden wollten, traf beim Insolvenzverwalter per Mail die Absage ein", sagt Zabel. "Er musste aus insolvent-rechtlichen Gründen die Belegschaft freistellen - das Aus von Affeldt war besiegelt."

Schrittweiser Neustart

Doch am gestrigen Freitagnachmittag wurde auf einer IG-Metall-Mitgliederversammlung der schrittweise Neustart des Betriebes eingeleitet. "Vertrieb, Serviceabteilung, Telefonzentrale und Auszubildende nehmen die Arbeit wieder auf", sagt Zabel. Darum habe ihn der neue Investor Klaus Moeller aus Elmshorn gebeten, der den Betrieb schrittweise mit 80 bis 100 Beschäftigten und allen Auszubildenden wiederanfahren und die alten Affeldt-Leute wieder aus der Arbeitslosigkeit zurückholen möchte. Zudem sei der Ex-Affeldt-Betriebsrat, der ja alle Mitarbeiter genauestens kenne, gebeten worden, die Arbeitskolonnen aufzustellen. "Wer gut gemeinsam kämpfen kann, kann auch gut gemeinsam arbeiten", sei die neue Unternehmen-Philosophie dahinter, sagt Zabel.

Hinter den Kulissen hatte der Insolvenzverwalter Klaus Pannen das Ringen um eine Zukunfts-Lösung für Affeldt nie aufgegeben. Pannen hält Affeldt für einen gesunden Betrieb, der 40 Jahre am Markt präsent und ein weltweit agierender Hersteller von Packungsmaschinen für Druckereien und Frucht-und Agrarprodukte sei. "Ich freue mich, dass es nach langen und intensiven Verhandlungen gelungen ist, den Neustart der Affeldt zu ermöglichen", sagte Pannen der taz. "Es ist den Mitarbeitern zu wünschen, dass möglichst viele Arbeitsplätze im Rahmen der Neustrukturierung erhalten werden."

Schon parallel zur Hiller-Lösung hatte es Gespräche mit Klaus Moeller gegeben, dem die Firma AMS Metallbau in Elmshorn gehört, die zurzeit an der Reparatur des Viadukts der Hamburger U-Bahnlinie Rödingsmarkt-Baumwall engagiert ist. "Ich sehe in Affeldt ein großes Potenzial für einen Neustart unter neuer Flagge", sagt Moeller. Er betrachte den Kauf, dessen Preis sich auf eine Million Euro belaufen soll, als eine strategische Investition, die auch Synergieeffekte für die AMS freisetzen solle.

Belegschaft freigestellt

Moeller war schon vor zwei Wochen als potenzieller Käufer im Gespräch. Damals scheiterte es daran, dass Moeller eine Bürgschaft der Landesregierung benötigte, um einen "Betriebsmittelkredit" von den Banken zu bekommen - also den Lohn und Materialkosten für neue Aufträge vorzufinanzieren. Das Wirtschaftsministerium in Kiel sah sich nicht in der Lage, eine derartige Bürgschaftszusage binnen weniger Tage zu machen.

Die Folge: Nach dem Platzen des Hiller-Deals war Insolvenzverwalter Pannen gezwungen, die Belegschaft insolvenzrechtlich "freizustellen" und zur Arbeitsagentur zu schicken. Die Transfergesellschaft war damit vom Tisch. Für Gewerkschafter Zabel zeigt das einmal mehr, wie notwendig die Einrichtung von "Public Credits Funds" - also staatlichen Fonds, mit denen notleidende Mittelstandsunternehmen durch staatliche Beteiligung für einige Monate gestützt werden können - sind.

"Die Firma Moeller ist das volle Risiko eingegangen", sagt Zabel zufrieden. "Wir wollten zwar eine Lösung für alle mit einer Transfergesellschaft, aber es gibt jetzt eine faire Lösung mit tarifgebundenen Arbeitsplätzen und Zukunftsperspektive." Gewerkschafter Zabel hofft nun, dass das Wirtschaftsministerium schnell die Weichen stellt, um Neu-Affeldt die nötigen Bürgschaften für den Betriebsmittelkredit zu gewähren. Die entsprechenden Gutachten - Umsatz, Marktanalyse, Personalbedarf - seien vom IG-Metall-Wirtschaftsexperten Peter Wilke erstellt worden. "Jeder Tag Verzögerung durch das Ministerium", führt Zabel aus, "bedeutet für Elmshorn 100 Arbeitslose mehr."

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