Fifa-Präsident Sepp Blatter: Die Firma

Während sich Sepp Blatter in Südafrika für die Fußball-WM feiern lässt, riecht der Fußball-Weltverband Fifa immer strenger nach Korruption. Doch von Aufklärung keine Spur.

"Probleme lösen wir innerhalb der Familie." Sepp Blatter (li.) neben Jacob Zuma bei der WM-Eröffnung. Bild: dpa

JOHANNESBURG taz | Auftritt Sepp Blatter. Das Soccer City Stadium ist gut gefüllt. Zehn Minuten sind es noch bis zum ersten Anpfiff. Nein, er stellt sich nicht an das für ihn und den südafrikanischen Staatspräsidenten Jacob Zuma vorbereitete Rednerpult. Ganz lässig will der Präsident des Internationalen Fußballverbandes rüberkommen bei seinem ersten Auftritt vor den Fanmassen in Südafrika.

Er nimmt das Mikrophon aus der Halterung, wartet ein wenig. Und in der Tat, nicht mehr alle im Stadion blasen in ihre Plastiktröten. Dann sagt er: „Here we are!“ Und wartet auf seinen Applaus. Er kommt. Und der Mann, der für sich in Anspruch nimmt, die Fußballweltmeisterschaft nach Afrika gebracht zu haben, lässt sich feiern. Längst fühlt er sich als Afrikaner ehrenhalber, als Segensbringer für einen ganzen Kontinent.

„Leben ist Rhythmus und Rhythmus ist Leben. Ihr müsst wissen, Zürich liegt in der deutschsprachigen Schweiz, und das heißt: es ist öde, öde, öde. In Afrika habt ihr nicht nur Rhythmus, ihr habt auch Musik und vor allem die Fähigkeit zu träumen.“ Das hat der Schweizer, der seit 1998 an der Spitze der in Zürich beheimateten Fifa steht, gesagt, als er die Baustelle für das WM-Stadion in Kapstadt besucht hat. So gut ist das angekommen bei seinen afrikanischen Freunden, dass der Spruch auf eine Tafel für eine Ausstellung über den Stadionbau gebannt wurde.

Blatter kann sich sicher sein. In Afrika hat er jede Menge Freunde. Als solchen bezeichnet er auch Jacob Zuma, der dem Fifa-Boss in der Woche vor Beginn der WM mit dem Order of the Companion of OR Tambo ausgezeichnet hat, einem der höchsten Orden des Landes, benannt nach Oliver Reginald Tambo, einem Anti-Apartheidsaktivisten, der mit Nelson Mandela zu den Gründern des African National Congress gehörte.

Bald werden sich Zuma und Blatter wieder begegnen. Am 7. Juli, am Tag des Halbfinals wollen sie gemeinsam den Startschuss geben für eine große Bildungsinitiative, die von der Fifa mitersonnen wurde. 1Goal nennt sich das Projekt. Ziel der Initiative: Bis zum Start der Fußballweltmeisterschaft 2014 in Brasilien sollen alle Kinder dieser Erde eine Schulausbildung machen können. Sepp Blatter wird sich an diesem Tag nicht nur von den Fans feiern lassen können. Neben Zuma werden sich weitere politische Führer aus aller Welt zu dem Bildungsgipfel versammeln.

Die Politik will sich in der Popularität des Fußballs baden und Sepp Blatter will sich die Anerkennung als das soziale Gewissen des Weltsports sichern. Manche wähnen ihn gar auf dem Weg zum Friedensnobelpreis. Darauf angesprochen, wehrt er nur indirekt ab. Ihm persönlich stehe eine derartige Auszeichnung nicht zu, hat er einmal gesagt, würde sie seinem Verband zuteil, sehe das schon ganz anders aus.

Und so strahlt sich der gute Herr Blatter durch das Turnier in Südafrika. Und er will weiter strahlen. Auf dem Fifa-Kongress letzte Woche in Johannesburg hat der 74-Jährige angekündigt, 2011, wenn die turnusmäßige Wahl zum Fifa-Präsidenten ansteht, für weitere vier Jahre kandidieren zu wollen. Es wäre seine vierte Amtszeit. Er braucht dafür die Zustimmung der Mehrheit der Delegierten aus den 207 Mitgliedsverbänden der Fifa.

Eine Bank sind seit seiner ersten Wahl die afrikanischen Delegierten. 1998 konnte Blatter schon auf sie setzen, weil er ihnen versprochen hat, das WM-Turnier nach Afrika zu bringen. Schmiergeldzahlungen an Delegierte sollen ihr übriges getan haben. Das sollte schon 2006 der Fall sein. In der Abstimmung setzte sich indes Deutschland durch, woraufhin Blatter eine so genannte Kontinentalrotation für die Weltturniere eingeführt hat. Die Kontentalverbände sollten im Wechsel die Weltmeisterschaften ausrichten. Nachdem Südafrika den Zuschlag erhalten hat, wurde die Rotation wieder abgeschafft. Blatters Versprechen an die Afrikaner war ja inzwischen umgesetzt.

Für seine Wiederwahl sprechen auch Bilanzen der Fifa. Die präsentierte Blatter beim Kongress in Johannesburg voller Stolz. „Seid ihr jetzt nicht alle glücklich? Das sind wunderbare Zahlen“, sagte er zu den Delegierten. Mitten in Krisenzeiten konnte die Fifa beim Eigenkapital die Milliarden-Dollar-Grenze durchbrechen (1,061 Milliarden US-Dollar). Um die Mitgliedsverbände dankbar zu stimmen, zahlt die Fifa in diesem Jahr erstmals so etwas wie eine Dividende. Alle Mitglieder sollen jeweils 250.000 Dollar von der Fifa erhalten. Die Kontinentalverbände jeweils 2,5 Millionen.

Sepp Blatter ist im Wahlkampf. Und er verspricht weiter kräftiges Wachstum. Die WM in Südafrika hat sich jetzt schon gelohnt. Allein für für den Verkauf der TV-Rechte hat die Fifa 1,6 Milliarden Euro kassiert. Dass die von der Fifa für die Ticketvermarktung engagierte Agentur Match Miese macht, weil viel weniger teure Hospitality-Tickets abgesetzt werden konnten als geplant, fällt da nicht weiter ins Gewicht. Franz Beckenbauer, der für Deutschland in der Fifa-Exekutive sitzt ist sich sicher: „Match geht es finanziell nicht gut, aber die Fifa wird Match nicht hängen lassen.“

Davon kann getrost ausgegangen werden. Denn Match ist für Blatter eine Familienangelegenheit. Sein Neffe Philippe Blatter ist Miteigentümer der Agentur und nicht wenige sind der Meinung, dass es alles andere als ein Zufall ist, dass ausgerechnet er am Fifa-Geschäft beteiligt wird. Und statt zu überprüfen, wie es dazu kommen konnte, dass Match derart überteuerte Ticket- und Reisepakete zur WM angeboten hat, wird der Schaden von der Fifa heimlich still und leise beglichen.

Derartige Geschichten, die nicht nur nach Korruption riechen, begleiten Blatters Wirken in der Fifa von Anfang an. Legendär sind die Schmiergeldzahlungen, die die mittlerweile insolvente Rechtevermarktungsagentur ISL an Blatters Verband gezahlt hat. Anrüchig sind zudem Bonuszahlungen, die sich der Fifa-Präsident für seine Arbeit selbst hat anweisen lassen.

Auch die enge Verbundenheit mit Jack Warner, dem Fifa-Vize-Präsidenten und Chef des Kontinentalverbandes für Mittel und Nordamerika (Concacaf) aus Trinidad und Tobago, ist allenfalls als mafiös zu bezeichnen. Warner hat viel Geld damit verdient, indem er Tickets, die ihm die Fifa zur Verfügung gestellt hat, über ein eigenes Reisebüro verkauft hat. Für Blatter ist das kein Problem. Auf derartige Verstrickungen angesprochen antwortet der gebürtige Walliser stets so: „Wenn wir Probleme haben in der Familie, dann lösen wir die Probleme in der Familie und gehen nicht zu einer fremden Familie.“

Wer mehr darüber wissen möchte, wie eine Firma wie die Fifa funktioniert, der besorge sich eine DVD-Box der Mafiasaga „Die Sopranos“. Eine Folge, in der einem Soprano der Friedensnobelpreis verliehen wird, gibt es übrigens nicht.

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