Newcomer The Drums: Die coolste Band der Stadt

Mit Surfrock und Düsterpop: The Drums gelten als New Yorks "offiziell coolste Band". Vergangenes Jahr tauchten sie scheinbar aus dem Nichts auf.

Ihre Musik kommt naiv euphorisch daher, um mit verzweifelter Geste von pubertären Ernüchterungserfahrungen zu erzählen: The Drums. Bild: promo

Braucht jemand neue Rockstars? Spontan könnte man diese Frage mit Ja beantworten, allein aus der Hoffnung heraus, dass dann die alten Klappergestalten, mit denen Eventriesen wie Live Nation ihre Millionengeschäfte machen, endlich von den Stadionbühnen dieser Welt wackeln würden. Andererseits gibt es berechtigte Bedenken, ob sich in den heranwachsenden Hörergenerationen überhaupt der erforderliche Konsens herstellen lässt, um kommenden Superbands die nötige Geschäftsgrundlage zu sichern.

Kandidaten für die Nachfolge gibt es einige, und nach dem Hype zu urteilen, dürften The Drums, laut dem New Musical Express New Yorks "offiziell coolste Band", keine Schwierigkeiten haben, Hörer für sich zu gewinnen. Das Quartett aus Brooklyn tauchte vergangenes Jahr scheinbar aus dem Nichts mit seiner "Summertime"-EP auf, einer ansteckend eingängigen Mischung aus Sechziger-Surfrock und eingetrübtem Achtziger-Indie, und lieferte ein entschiedenes Plädoyer dafür, dass man auch bei Offenlegung aller Referenzen nicht nach Allerwelts-Retro klingen muss. Die mit sicherer Hand geschriebenen Songs der Fast-noch-Teenager verströmen so viel juvenile Unmittelbarkeit, dass eingeübte Schon-mal-da-gewesen-Reflexe in sich zusammenpurzeln.

"Lets Go Surfing", ihr erster Hit, stürmt in straffer Strandhymnen-Manier voran und wurde vom trendsicheren Label Moshi Moshi für seine diesjährige Singles-Sammlung ausgewählt. Auf dem selbstbetitelten Debütalbum taucht der Song jetzt noch einmal auf.

"Lets Go Surfing" fasst die scheinbar gegenstrebenden Kräfte von The Drums kompakt zusammen und stellt eindringlich klar, warum die Band hin und wieder als "Beach Boy Division" bezeichnet wird. Die singende Basslinie könnte auch von Joy Divisions Peter Hook stammen, während der mehrstimmige Gesang an die Harmoniekunst der Beach-Boys-Brüder Wilson zu Beginn der Sechziger erinnert. Mit reiner Zitatenklauberei geben sich die vier Musiker jedoch nicht zufrieden. So klingt der abgehackte Hallgesang am Ende des Songs mehr nach Laptopproduktion als nach Surfrock.

Die große Leistung von The Drums besteht darin, dass sie ihre Referenzen nicht logoartig als Klischees verwursten, sondern es schaffen, sie mit großem Selbstbewusstsein als eigene Ideen zu verkaufen. Man kennt das natürlich alles irgendwie, sei es die stilecht kontaminierte Sehnsucht ihrer Synthesizermelodien oder Frontmann Jonathan Pierces mitunter auch gequältes Zerdehnen der Vokale, wie es Brian Wilson in seiner besten Phase kaum schöner hinbekam. Auch ihre Liebe für großräumigen Hall weist nur geringfügig über die Klangästhetik ihrer Vorbilder hinaus.

All das wäre nicht sonderlich bemerkenswert ohne das Talent der Band für perfektes Songwriting. Denn The Drums haben mal eben so ein komplettes Album voll sorgfältig abgespeckter und zugleich maximal eingängiger Songs mit dem Willen zur ganz großen Melodie abgeliefert.

Ihre Musik kommt naiv euphorisch daher, um mit verzweifelter Geste von pubertären Ernüchterungserfahrungen zu erzählen. Hier knüpfen sie an ein weiteres Vorbild an, Morrissey und dessen Band The Smiths, gemeinsame Kindheitsliebe der Bandgründer Jonathan Pierce und Jacob Graham. Der Legende nach lernten sich Jonathan, Sohn eines Pastors, und Jacob in einem christlichen Zeltlager kennen, wo sie heimlich die Platten ihrer Vorbilder hörten. Nach ihrem Experiment als Synthiepopduo Goat Explosion trennten sich die Wege der Freunde zunächst.

Jonathan und der heutige The-Drums-Gitarrist Adam Kessler setzten wenig später als Elkland zur kreativen Bruchlandung an: Ein interessiertes Majorlabel kam daher und kaufte mit der Vertragsunterzeichnung gleich die ganze musikalische Identität der Band. Den Zehnjahresvertrag mit Columbia wollte Pierce schon nach dem ersten Album nicht mehr erfüllen, eine Tour als Vorband für Erasure im Jahr 2005 gab ihm dann fürs Erste den Rest.

Ob The Drums, von Jonathan und Jacob vor zwei Jahren gegründet, nach dieser Vorgeschichte überhaupt noch eine Superband werden wollen, bleibt abzuwarten. Im Konzert geben sie jedenfalls nicht die abgeklärten Rockstars, sondern üben sich in überdrehter Bühnenexzentrik. Etwa um die Majors abzuschrecken? Vielleicht gelingt der Durchbruch ja auch so.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Jeden Monat die beste Playlist der Welt! Ausgewählt von der taz-Musikredaktion

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob sie dieses Element auch sehen wollen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben