Flutkatastrophe in Pakistan: Der Islamist, dein Freund und Helfer

Der Staat versagt bei der Fluthilfe. Fundamentalistische Gruppen springen in die Bresche, leisten effektive Hilfe. In Deutschland steigt unterdessen die Spendenbereitschaft.

Brot für die Opfer der Flutkatastrophe: Helfer der islamischen Stiftung Falah-Insaniyat in der pakistanischen Region Nowshera. Bild: ap

PESHAWAR taz | Um den 12-jährigen Fazaz steht eine große Schar von Flutvertriebenen. Es sind in der Not des Lagerlebens sorgfältig gekleidete Paschtunen: einfache, aber bisher keine armen Leute. Alle wollen sie noch einmal Fazaz Geschichte hören. Doch der Junge zieht seine blaue Schirmmütze mit dem pakistanischen Stern- und Sichelsymbol noch ein Stück tiefer ins Gesicht. Dem Teenager ist seine Rettungsgeschichte peinlich. Ausgerechnet seinem Lehrer Eid Akbar, der jetzt neben ihm in einem Notzelt von Pakistans größter fundamentalistischer Partei Jamaat-e-Islami steht und den Arm um ihn legt, verdankt er sein Leben.

"Ich war mit zwei Freunden unterwegs, die Eltern waren zu Hause", beginnt Fazaz endlich. Stockend berichtet er, wie er und seine Freunde von den Fluten des Flusses Kabul erfasst wurden, zu schwimmen versuchten, bis sie der Kioskbesitzer ihres Dorfes auf einem schwimmenden Bambusbett rettete. Doch das Bett zerbrach. Wieder waren die Jungen in Lebensgefahr. Da konnte sie ihr Lehrer Akbar mit einem Holzboot ein zweites Mal bergen. "Ja, wir haben geweint", sagt Fazaz. Er gibt das nicht gerne zu. Aber die Zuhörer sind gerührt.

Vier Tage, drei Nächte

Nach Kritik, wonach Deutschland zu wenig für die Flutopfer in Pakistan tue, hat sich die Bundesregierung einen Ruck gegeben. Erneut stockte sie am Donnerstag ihre Zusagen von Nothilfezahlungen an die UNO auf, von 15 auf 25 Millionen Euro. Auch die private Spendenbereitschaft, die anfangs ebenfalls sehr zögerlich war, wächst: Nach einer Umfrage erhielten Hilfswerke in Deutschland bisher etwa 24 Millionen Euro Spenden für Pakistan.

Nach UN-Angaben hat Deutschland jetzt für den 460 Millionen Dollar umfassenden UN-Hilfsappell knapp 23,5 Millionen Dollar versprochen, wovon aber weniger als ein Zehntel bereits ausgezahlt oder konkret gebunden sei. Rund 21,3 Millionen Dollar seien "unverbindliche Zusagen", heißt es in der jüngsten Aufstellung des UN-Hilfskoordinierungsbüros Ocha. Eine Stellungnahme der Bundesregierung dazu war zunächst nicht zu erhalten. Die internationalen Zahlungen und Zusagen für den UN-Hilfsappell lagen am Donnerstag nach Ocha-Angaben bei knapp 240 Millionen Dollar. Nach wie vor hat kein einziges islamisches Land auf den UN-Appell reagiert. Größter Geber sind die USA mit knapp 83 Millionen Dollar, der kleinste ist Estland mit 83.879 Dollar.

Mit diesen Geldern haben UN-Hilfswerke und Partnerorganisationen bisher fast 800.000 Flutopfer mit Lebensmitteln versorgt und mindestens 1,4 Millionen Menschen Zugang zu sauberem Wasser gewährleistet, heißt es in einer Erklärung der Vereinten Nationen. Fast eine Million Menschen hätten Unterkunft halten, Medikamente zur Versorgung von 1,8 Millionen Menschen seien geliefert worden. "Leider ist dies nur ein Bruchteil dessen, was wir tun müssen", sagte Martin Mogwanja, humanitärer UN-Koordinator und Sprecher des UN-Kinderhilfswerks Unicef in Pakistan. D.J.

Das ist der Stoff von Heldenlegenden, und er geht auf das politische Konto von Jamaat-e-Islami. Die Partei ist im Nationalparlament und in mehreren Regionalparlamenten vertreten; hier, im Nordwesten Pakistans, war sie mal Teil einer Regierungskoalition der Provinz Khyber Pakhtunkhwa (KP). Jamaat-e-Islami unterstützt seit Jahren den Aufstand der Taliban in Afghanistan. Dorflehrer Eid Akbar träumte schon als Kind von Freiwilligeneinsätzen für die Partei. Allerdings war für Akbar mit der Rettung der Jungen noch lange nicht alles getan.

Vier Tage und drei Nächte, erzählt Akbar, warteten die 20.000 Bewohner seines Dorfes Muhibbanda und der unmittelbaren Nachbardörfer am Kabul auf ihren Hausdächern in Todesangst auf den Rückgang der Flut. Sechs Bewohner von Muhibbanda ertranken in den Fluten. Der Rest aber hielt durch mit Hilfe von Wasser und Fladenbrot, das die Freiwilligen der Partei auf kleinen Schlauchbooten verteilten. Helfer der Regierung oder internationaler Organisationen bekamen die Leute in der Stunde ihrer größten Not nicht zu sehen. Hubschrauber der pakistanischen und US-Armee flogen einfach über sie hinweg.

Das ist der bisher größte politische Skandal der Flut. Muhibbanda liegt in dem dichtbevölkerten Distrikt Nowshera vor den Toren der Millionenstadt Peshawar in Nordwestpakistan. Hier leben die Paschtunen, die auch den Süden Afghanistans bevölkern. Über die sechsspurige Autobahn, die trotz der Fluten nicht gesperrt werden musste, sind es nur eineinhalb Fahrstunden bis zur Hauptstadt Islamabad. Der Fluss Kabul kommt von Osten aus der afghanischen Hauptstadt Kabul und durchfließt die von US- und Nato-Truppen umkämpften Gebiete der Paschtunen in Südafghanistan. Wie aber konnten an seinen Ufern nahe Peshawar hunderttausende in Lebensgefahr schweben, ohne dass die pakistanische Regierung, ihr Militär oder die verbündeten US- und Nato-Truppen irgendwelche Rettungs- oder Hilfsversuche einleiteten?

"Wir haben keine Regierung", gibt Dorflehrer Akbar seine Antwort. Der frisch graduierte Arzt Farman Ullah stimmt ihm zu: "Die Leute wissen jetzt ganz genau, wie sehr der Staat ihr Leben missachtet", sagt Farman, der ebenfalls als Freiwilliger für Jamaat-e-Islami arbeitet. Der Arzt trägt einen weißen Kittel und ein Hörgerät um den Hals. Mit zehn Uni-Kollegen von der medizinischen Hochschule in Abbottabad hat er an diesem Tag 1.500 Flutbetroffene in den Lagern von Jamaat-e-Islami medizinisch versorgt. Farman - mit dünnem Vollbart, eindringlichem Blick und brillantem Englisch - strahlt geistige wie politische Energie aus. Er erinnert an die Che-Figur in der Verfilmung von Steven Soderbergh. "Ich mag eure Demokratie nicht, aber ich weiß, dass bei euch, wenn Not herrscht, der Staat hilft", sagt Farman. Diese Mindestleistung erbringe der pakistanische Staat nicht mehr.

Farman steht dozierend inmitten der Flutopfer, die sein Englisch nicht verstehen, aber ihn fasziniert anstarren. Er spricht von einer revolutionären Lage im Land. "Die Menschen haben nichts mehr zu verlieren", sagt er. Farmans junge Kollegen nicken, die älteren Parteikader im Lager lächeln milde.

Die politischen Folgen der Flut sind auch in der Hauptstadt Islamabad hoch umstritten. Die Fluten bedecken inzwischen ein Fünftel der Landesfläche, 20 Millionen Menschen sind betroffen, 8 Millionen schweben in Lebensgefahr, wenn ihnen nicht schnell geholfen wird, darunter 3,5 Millionen Kinder. Doch so richtig merkt man der hohen Politik des Landes das Drama nicht an. Präsident Asif Ali Zardari weilte diese Woche in Russland, schon sein zweiter Auslandsbesuch während der Flut. Premierminister Yusuf Raza Gilani gab der Presse Interviews im Hubschrauber. Das schmeckte nach Aktivismus. Schon häufen sich Berichte von plündernden Flutopfern. Die Opposition kritisiert das Nichtzustandekommen einer parteiübergreifenden Flutkommission. Von einer systematischen, breitflächig koordinierten Lebensmittelvergabe kann immer noch keine Rede sein.

Inkompetente Regierung

Auch ein sonst eher zurückhaltender Beobachter wie der Sicherheitsexperte Rifad Hussain, Professor an der Quaid-i-Azam Universität in Islamabad, reagiert daher aufgeschreckt: "Unverantwortlich, unsensibel gegenüber dem Leid der Bevölkerung, inkompetent" lautet Hussains Urteil über die Politik der Regierung. Diese hätte längst den nationalen Notstand ausrufen und die Armee voll einbinden müssen. "Das Volk ist enttäuscht", sagt Hussain. "Es hätte seine demokratischen Vertreter in der Not an seiner Seite erwartet. Doch die haben sich versteckt."

In die Lücke stoßen auch kleine, radikale islamische Organisationen, die bislang im Untergrund operierten. Eine von ihnen hat ihre neue Kommandozentrale für den Nordwesten des Landes, versteckt hinter einer alten Autowerkstatt, in einem Vorort von Peshawar eingerichtet. Über einer verrosteten Eisentür ist mit Nägeln ein neuer Deckname angebracht: Al-Sufa-Stiftung. Hinter der Tür öffnet sich eine dunkle Halle, in der 30 Aktivisten mit Computern und Mobiltelefonen wirbeln, um die Hilfseinsätze ihrer 700 Freiwilligen zu koordinieren. Über ihnen hängen handgemalte Parolen vom heiligen islamischen Krieg: "Dschihad bedeutet, bis in den Tod zu rennen", steht da. Genau das sind Szenekenner in Peshawar von dieser Gruppe bisher gewöhnt: Dass ihre Leute als Selbstmordattentäter in den Tod rennen.

Gaur Rehmann ist ihr Führer: ein kleiner, stämmiger Typ mit dunklem Vollbart, gehüllt in eine schneeweiße Kurta. Er spricht ruhig und eindringlich, manchmal hebt er den Zeigefinger. "Für uns Muslime ist die Flut eine Prüfung vor Gott. Wenn wir uns gegenseitig helfen, werden wir sie bestehen", sagt Rehman. Er hat noch eine andere Seite: Engagiert und detailversessen - ganz in der Art von NGO-Helfern - beschreibt er Trinkwasser- und Lebensmittelmangel der Flutbetroffenen. Die Regierung vergebe jetzt zwar Hilfe auf den großen Straßen, aber sie gelange nicht in die vielen abgelegenen Dörfer, die oft noch völlig durch die Fluten abgeschnitten seien, sagt Rehman. Genau dorthin schicke er seine Leute. "Sie tragen Frauen und Kinder auf Schultern durch die Fluten", sagt er. Der freie Lokaljournalist Nasir Dawar hat Rehman zugehört und wundert sich: "Ich kenne diese Leute schon lange. Ich hätte nie gedacht, dass sie auch Leben retten", sagt Dawar.

Der Krieg geht weiter

Für die internationalen Hilfsorganisationen ist der erfolgreiche Einsatz der fundamentalistischen Gruppen eine Blamage. 20.000 Freiwillige bietet Asif Luqman Qazi, Koordinator der Hilfsaktionen von Jamaat-e-Islami in Peshawar, den Vereinten Nationen an, wenn sie seiner Organisation die dringend benötigten Lebensmittel, Medikamente und Zelte aushändigen würden. Er macht das Angebot in perfektem Englisch, während er die Essensausgabe in einem Lager inspiziert.

Doch die UN beliefert keine fundamentalistischen Gruppen, die im Krieg um Afghanistan auf Seiten der Taliban stehen. Stattdessen versorgt sie im Distrikt Charsadda östlich von Peshawar ein auf Privatinitiative eines Mobilfunkvertreters in der Not gegründetes Mini-NGO, das jetzt in einer Schule Mehlsäcke des Welternährungsprogramms auf Eselskarren verlädt. Täglich von sieben bis drei Uhr. Die Bauern stehen mit ihren Karren lange Zeit Schlange für das Mehl. Der Mobilfunkmann Baber Ali Khan weiß noch gar nicht, wie er zu seinem neuen Job gekommen ist: "Die Leute verlangten Hilfe, weil ich die Universität besucht habe", sagt Khan. Er ist ein eifriger und gewissenhafter Typ. Aber effektiver wäre es, das Welternährungsprogramm würde seine Mehlsäcke an Jamaat-e-Islami liefern.

Das ist eigentlich der noch größere Skandal: Der auch in Pakistan geführte Afghanistankrieg geht inmitten der Fluten gnadenlos weiter. Gestern wollten die USA in New York zwar erneut eine Erhöhung ihrer Fluthilfe für Pakistan ankündigen, doch setzt Washington während der Flut auch die Bombardierung paschtunischer Dörfer in Nordwestpakistan fort. "Dies ist nicht die Stunde der Politik, sondern die Stunde von Aktion und Arbeit", sagt Asif Luqman Qazi. Natürlich verfolgen auch der Fundamentalist Qazi und seine Gesinnungsgenossen weiter ihre politischen Ziele im Krieg. Doch weil ihre Taten derzeit für sie sprechen, klingen auch ihre Worte plötzlich vernünftig.

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