Kolumne Landmänner: Wenn Heteros Homosexuelle spielen

Ein Film über schwule Brandenburger, die als Bauern arbeiten. Das lässt Teenager während einer Berlinale-Aufführung kollabieren. Und die Laiendarsteller bestehen darauf, Heteros zu sein.

Nach Brandenburg zu fahren ist das letzte Abenteuer für die in westdeutschen Käffern aufgewachsenen Weltstädter aus Berlin. Bücher werden zu diesem Thema verfasst, Kolumnen geschrieben - und jetzt gibt es sogar einen Kinofilm, der vom richtigen Landleben in Brandenburg handelt. Der Clou: Es kommen zwei Schwule darin vor. Das ist so verrückt - ich musste einfach zur Berlinale-Premiere.

Die Hütte war voll - über 1.000 Plätze -, alle wollten sehen, wie sich zwei Landwirtschaftslehrlinge aus der Agrargenossenschaft EG "Der Märker" im Baruther Urstromtal küssen - bis zu diesem Kuss allerdings hat der Film "Stadt Land Fluss" des Regisseurs Benjamin Cantu Längen, wie sie auch das auch das richtige Leben in Brandenburg zu bieten hat. In sommerschwerer Hitze wird wacker industrielle Landwirtschaft betrieben, die Kühe auf der Weide werden von entschlossenen Melkerinnen mit Toyoto-Funcruisern gejagt.

Die wenigen halbwegs schwülen Szenen mit nackter Bauernhaut führen während der Vorstellung fast zum Kollaps in den Reihen hinter mir. Dort sitzen quiekende Teenager, die von ihren Lehrern in die Vorstellung verschleppt worden waren.

Was ist eigentlich exotischer - dass es Menschen gibt, die wirklich in der Landwirtschaft arbeiten, anstatt vor einem Rechner zu sitzen? Oder dass es Menschen gibt, die in der Landwirtschaft arbeiten und schwul sind? Das wirklich Verrückte an "Stadt Land Fluss" ist, das in diesem Film - genau wie bei "Brokeback Mountain" - ausschließlich Heterosexuelle mitspielen. Die beiden Hauptdarsteller beteuerten im Anschluss an die Filmvorführung, das sie hetero seien und die Kussszene wirklich nur mit Unterstützung von Jack Daniels bewerkstelligen konnten. Bei allen anderen Darstellern des Films handelt es sich um Menschen aus dem richtigen Leben, also um Lehrlinge und Mitarbeiter der Agrargenossenschaft "Der Märker". Sie alle sind auf der Bühne versammelt, Hände in den Hosentaschen und sprechen auf Nachfrage Brandenburgisches: "War interessant jewesen", oder "ja" bzw. "nee". Doch einer von ihnen ermannt sich: "Ick muss sagen, ditt ick Schwule ja nisch leidn kann. Aber jetzt muss ick sagen: Ditt iss ja numal so, ditt ditt Emotionale sich dann eben ooch körperlich ausdrückt."

So ist es wohl. Der Regisseur übrigens ist dann doch schwul, nach eigener Aussage, doch er wollte "das schwule Thema nicht so konfrontativ" angehen, weshalb dann am Ende auch irgendwie nicht klar ist, ob die beiden schwulen Landwirtschaftslehrlinge in ihrer Heimat bleiben können oder, wie die meisten ihrer Schicksalsgenossen, in die nahegelegene Großstadt Berlin flüchten werden, um ein offenes, unbehelligtes Leben führen zu können. Quiekende Teenager können zu Bestien werden, wenn sie ausgewachsen sind.

Erst, wer sich in der Stadt befreit hat, kann danach selbstbewusst in die Enge der Provinz zurückkehren - so ist es immer noch. Doch als ich nach Hause kam an diesem Abend, lag mein Mann schon im Bett - in der Berliner Stadtwohnung. "Was machst DU denn hier mitten in der Woche?", fragte ich. "Mir war so langweilig im Brandenburgischen, und einsam fühlte ich mich auch", antwortete er. Als ich ihm dann von "Stadt Land Fluss" erzählte, murmelte er bloß noch im Halbschlaf: "Die spinnen, die Heteros." Ja, man müsste wirklich mal einen Film über sie machen.

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Jahrgang 1973, ist Redakteur der taz am Wochenende. Sein Schwerpunkt liegt auf gesellschaftlichen und LGBTI-Themen. Er veröffentlichte mehrere Bücher im Fischer Taschenbuchverlag („Generation Umhängetasche“, „Landlust“ und „Vertragt Euch“). Zuletzt erschien von ihm "Die Kapsel. Aids in der Bundesrepublik" im Suhrkamp-Verlag (2018). Martin Reichert lebt mit seinem Lebensgefährten in Berlin-Neukölln - und so oft es geht in Slowenien

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