Gang Gang Dance in Berlin: Positive Energie für die Hipster

Die New Yorker Band Gang Gang Dance übersetzte bei ihrem einzigen Deutschland-Konzert in Berlin die Gesetzmäßigkeiten des Raves auf die Konzertbühne.

Erinnert an Kate Bush: Die Stimme von Sängerin Lizzi Bougatsos. Bild: gangangdance.com

BERLIN taz | Alle haben getanzt. Vor der Bühne, auf den Rängen und in den Seitengängen im vollen Berliner Theater Hau zuckten am Samstagabend Körper konvulsivisch zur Musik von Gang Gang Dance. Körper schöner, schicker und schlauer Menschen, die zum einzigen Konzert der New Yorker Band in Deutschland erschienen waren, als hätten die Hipsterstände zur internationalen Vollversammlung gerufen. Gegen Hipster wurde in letzter Zeit oft regelrechte Pogromstimmung gemacht. Was wäre Berlin eigentlich ohne seine Hipster? Eine Enklave schwäbischer Blockwarte?

Das Hau war an diesem Abend auch ein Laufsteg, auf dem Pumps oder abgelatschte Sneakers vorgeführt wurden. Ganze Grüppchen mit den obligatorischen Stoffumhängetaschen, in T-Shirt-Übergrößen, knappen Mohairpullundern und vielfach mit leichter Sommerbekleidung, obwohl die Temperaturen noch gar nicht tropisch waren.

Die Stimmung wurde sehr schnell sogar etwas frostig, als der New Yorker Musiker High Life den Konzertabend eröffnete. Seine, nach dem Muster von Bands wie Animal Collective aufgebauten Samplefolksongs verließen sich allzu sehr auf Effekte und Instrumente, reichten aber über das Epigonale nie hinaus. Der bloße Einsatz von Stimme und Gitarre kaschiert eben nicht fehlende Raffinesse beim Songwriting.

Traumwandlerischer Mix

Die sechs Musiker von Gang Gang Dance taten dann gut daran, möglichst lautlos die Bühne zu entern und ohne Weiteres zu spielen. Pausen gab es keine, die Songs ihrer beiden letzten Alben waren zu einem kontinuierlichen Mix montiert. Die Anfänge der Band sollen ja in einer New Yorker Kunstgalerie liegen. Im Hau waren an diesem Abend vor allem die Kunst des Klangs zu begutachten. Einzelne Features, wie das Blinken von Keyboardmelodien, der Sog des subsonischen Basssounds und die Kraft der hauchenden, etwas an Kate Bush erinnernde Stimme von Sängerin Lizzi Bougatsos, gingen auf in einer Summe von traumwandlerischem Zusammenspiel.

Die anfängliche Reserviertheit des Publikums verflog. Ein Video flimmerte über der Bühne, langsame Bilderfolgen, computeranimierte Gesteinsbrocken, dazwischen Umrisse von menschlichen Körpern. Und "Positive Energy" immer wieder als Slogan eingeblendet. Der gleiche Slogan ist prominent auf "Eye Contact", dem neuen Album Gang Gang Dance, platziert. Die Band meint diese Energie nicht im esoterischen Sinne, sie bezeichnet damit ihr fokussiertes Arbeiten am Sound. Gang Gang Dance verwenden Bass, Drums, Gitarren, analoge Instrumente aus der Welt des Rock, aber sie unterlaufen damit seine Gesetzmäßigkeiten.

Die klangliche Präzision von "Eye Contact" wurde auch beim Konzert erreicht. Ungerade Rhythmen, wie man sie aus der angolanischen Popmusik kennt, trieben auch am Samstag nach vorne, weil sie wie der ineinandergeblendete Endlostrack eines DJ-Sets funktionierten. Auf den Grooves wurde immer wieder improvisiert. Gang Gang Dance kamen als Kollektiv auf die Bühne und sie kamen auch als Kollektiv in der Musik voran. Sängerin Lizzi Bougatsos bediente etwa immer wieder Schlagzeugbecken und Trommeln und verschwand zwischendurch einfach tanzend im Publikum.

Zur Publikumsanimation hatten Gang Gang Dance ein eigenes Bandmitglied dabei. Auf "Eye Contact" erzeugt Taka "Hype, Vibe, Spirit". Am Samstagabend auf der Bühne feuerte er das Publikum mit Handtuch über dem Kopf und grauer Müllsack-Fahne, fahnenschwingend an, wie einst Baz bei den Happy Mondays.

Aber die Tanzbarkeit von Gang Gang Dance funktioniert mit deutlich klarerem Verstand. Gerade, weil sie an die Ursprünge von Musik appellieren, an den Rhythmus, an die Direktheit ihrer Botschaften. An die positive Energie, die sich an diesem Berliner Abend von der Musik und einer grauen Müllsackfahne schnell auf die versammelten Hipster übertrug.

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