Theater in Leipzig : Er macht vor allem seins

Im Leipziger Centraltheater meditiert Schorsch Kamerun über "Das Ende der Selbstverwirklichung", und Intendant Sebastian Hartmann gibt seinen Abschied bekannt.

Sebastian Hartmann, Intendant des Schauspiels Leipzig, ist frustriert und geht. Bild: dpa

BERLIN taz | Schluss, aus, vorbei. Sebastian Hartmann, Intendant des Schauspiels Leipzig, wird nicht über 2013 hinaus am Haus bleiben. Zwar betont er, dass er nicht hinschmeiße und seinen Vertrag bis dahin erfüllen werde, aber der Frust über die Zustände in Leipzig, die Kulturpolitik und die örtliche Presse sitzt tief.

Immerhin wird sein Theater auch außerhalb der Stadt wahrgenommen und diskutiert. In zahlreichen Inszenierungen hat er sich und seinem Team im unbenannten Centraltheater einen individuellen Zugang erspielt, der als "Leipziger Handschrift" etikettiert wurde. Mit "Fanny und Alexander", basierend auf dem Drehbuch von Ingmar Bergmann, setzte er zu Beginn dieser Spielzeit diese künstlerische Linie fort.

Hartmann versetzt darin die Geschichte um die Theaterfamilie Eckdahl, die im beschaulichen Uppsala am Anfang des 20. Jahrhunderts ein Theater betreibt, in einen weißen Raum. An der Rückwand erscheint eine aufklappbare Adaption von Neo Rauchs Gemälde "Die Lage", Leipziger Handschrift trifft Leipziger Schule.

Wie im Film feiert Familie Eckdahl zu Beginn Weihnachten und startet von da aus einen Ritt durch Tod, Liebe, Heirat, Gewalt, Entführung und Wiederkehr. Die Besetzung ist eingespielt, besonders Peter René Lüdicke (Carl Gustav), Susanne Böwe (Helena), Cordelia Wege (Emilie) und Manolo Bertling als erwachsener Alexander tragen das Stück kraftvoll über den Abend. Was macht nun aber diese Leipziger Handschrift aus?

Slapstick und Kabarett

Zunächst ist da vor allem die scheinbare Leichtigkeit der Bühnenvorgänge. Um die Geschichte herum entwickeln die Schauspieler Etüden und Abschweifungen, die schnelle Wechsel von Tragik zu Slapstick, von Drama zu Kabarett mit sich bringen. Hinzu kommt ein brachialer Umgang mit Lautstärke und abrupten Lichtwechseln. Nichts davon ist durchinszeniert.

"Wir haben kein fertiges Stück", erklärt Hartmann seine Methode. "Die Schauspieler gehen raus auf die Bühne und spielen. Licht, Ton und Video müssen überlegen, wann sie wie agieren. Ich als Regisseur sehe mich da vor allem als Moderator." Hinter diesem methodischen Zugriff steht auch die Frage: Welches Stadttheater brauchen wir eigentlich noch?

Die Studenten der Stadt fanden das neue Projekttheater toll, aber ältere Semester hat der Intendant konsequent verschreckt. Auf der kleinen Bühne Skala, aber auch im großen Haus können sich interessante Jungregisseure wie Mareike Mikat, Martin Laberenz oder Robert Borgmann austoben.

Ein Querschnitt durch das bundesdeutsche Theaterschaffen ist dagegen nicht zu sehen. Alle Arbeiten am Haus kreisen um die Ideen Hartmanns, wandeln in der Tradition eines Frank Castorf. Für viel anderes ist da kein Platz.

Allerdings wurden mit dem Leipziger Schriftsteller Clemens Meyer und den Abenden Rainald Grebes Kontrapunkte gesetzt. Dazu gehörte auch die begehbare Konzertinstallation "Das Ende der Selbstverwirklichung", die Schorsch Kamerun am Freitag mit 57 Mitwirkenden präsentierte. Über lila Teppiche wandelnd, können die Zuschauer Menschen beim Kochen, Kegeln und Blumenpflegen zusehen und ahnen, wie die in den letzten Wochen zusammen über Arbeit, Gesellschaft und die eigene Individualität gegrübelt haben.

Entschleunigung

Das Ergebnis dieser Meditationen ist eine radikale Entschleunigung. Die Texte dazu vertont Kamerun zusammen mit einer Jazzcombo live aus der Damenmaske. Am Ende gibt es für den durchaus kurzweiligen, aber inhaltlich etwas lauen Abend starken Jubel vom jungen Publikum.

Woher aber stammt all das böse Blut zwischen Leipzig und seinem Centraltheater? Der Grund könnte ein großes Missverständnis sein. Der kulturelle Nabel der Stadt ist das Gewandhaus, eine große Theatervielfalt zeichnete Leipzig dagegen nicht aus. Leipzig hat nur ein Stadttheater, und dies sollte, so der Tenor der innerstädtischen Debatten, Theater für alle machen. Hartmann aber macht vor allem eins: sein Theater.

Die verärgerten Alt-Abonnenten haben sich derweil über die Leipziger Volkszeitung Luft gemacht, der Stadtrat ist gespalten. Die freie Szene vermisst die angekündigten Kooperationen. Kulturbürgermeister Michael Faber verkündete nach seiner Wahl im Herbst 2009, ein solches Theater habe in Leipzig keine Zukunft. Vertrauen sieht anders aus.

In der Folge entzog Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) dem Kulturbürgermeister die Kompetenz über die Hochkultur und stärkte Hartmann bei jeder Gelegenheit verbal den Rücken.

Weniger Geld

Mehr Geld allerdings, wie Hartmann forderte, gab es nicht. Das Gesamtbudget sank sogar leicht auf knapp 14 Millionen Euro, aus denen auch Tarifsteigerungen finanziert werden müssen. Diese Spielzeit wird es daher nur sieben statt zehn Premieren im großen Haus geben und die kleine Skala wird Anfang nächsten Jahres wohl geschlossen.

Auch dies hat Hartmanns Entscheidung beeinflusst: "Ich will meinem Team eine Zukunft bieten und keine Konzeption des Mangels." Oberbürgermeister Jung selbst äußerte sich nur knapp zur Nichtverlängerung per Pressemitteilung.

Er akzeptiere die Entscheidung und freue sich auf weitere spannende Inszenierungen. Auch die Stadträte des Kulturausschusses dankten brav für die Arbeit, doch nicht wenige dürften klammheimliche Freude verspürt haben.

Intendant Hartmann aber muss nun keine Rücksicht mehr nehmen. Zwar bedeutet sein Nein zur Vertragsverlängerung ein Ende seiner Selbstverwirklichung in Leipzig, doch in diesem Fall dürfte selbst dem Ende noch ein Zauber innewohnen.

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